Tianjin

Weisse Pagode des Guanyin Tempels

Tianjin (auch Tientsin) ist eine der vier regierungsunmittelbaren Städte Chinas und geniesst damit den Status einer Provinz. Das 11.305 qkm grosse Verwaltungsgebiet ist in 13 Stadtbezirke und fünf Kreise (Baodi, Wuqing, Jinghai, Ninghe, Jixian) aufgeteilt und wird von 9,5 Millionen (registrierten) Menschen bewohnt. Wie bei allen Großstädten an der Küste muss man wahrscheinlich noch einmal ein bis zwei Millionen nichtregistrierte Wanderarbeiter hinzuaddieren.

Es gibt zwar nicht viele Sehenswürdigkeiten im eigentlichen Sinne, aber Tianjin ist ein einzigartiges Architekturmuseum europäischer wie chinesischer Stile und eine Stadt, die trotz ihrer Grösse dank gemütlicher Gassen, weitläufiger Märkte und schattiger Alleen zum Bummeln einlädt.

Beijing ist politisches, wissenschaftliches und kulturelles Zentrum Chinas, während Tianjin als wichtige Industriestadt ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt des Nordens ist. Die Stadt bildet für Beijing das Tor zum Meer und war von den Mongolen als Hafen für ihre Hauptstadt angelegt worden. Tianjin bildet das Zentrum einer Ebene, die von den Ablagerungen der beiden Flüsse Yongding und Chaobai gebildet wurde udn die sich von den Westbergen bei Beijing bis zur Bohai-Bucht erstreckt. Im Schnitt liegt diese Ebene gerade einmal zwei bis fünf Meter über dem Meeresspiegel. Nur im Norden des Tianjiner Verwaltungsbezirks erheben sich die Ausläufer des Yanshan-Gebirges auf 200 bis 500 Meter.

Ein Problem für die Region sind die immer wieder auftretenden Erdbeben, durchschnittlich zwei pro Jahr mit Stärken von über drei auf der Richterskala. Das bislang schlimmste Beben mit einer Stärke von 7,8 ereignete sich 1976 und hatte sein Epizentrum in Tangshan. Es war mit mindestens 240.000 Toten und 164.000 Verletzten das weltweit folgenschwerste Erdbeben seit über 100 Jahren und erreichte noch in Beijing eine Stärke von fünf.

Geschichte

Tianjin gehört zu den raren Orten in China, die keine 5000jährige Geschichte bemühen können, um ihre Bedeutung zu unterstreichen. Die heutige Millionenmetropole wurde erst im Laufe der Yuan-Dynastie im 14.Jh. gegründet und war zu jener Zeit nur ein kleines Dorf mit dem Namen Haijin. Die Region war jedoch schon seit längerem wegen seiner gut ausgebauten Wasserwege von Bedeutung. Auf dem Gebiet der heutigen Stadt mündete der unter Kaiser Yang der Sui-Dynastie im 6.Jh. erbaute Kaiserkanal in den Hai-Fluß. Die eigentliche Stadtgründung ging auf den dritten Kaiser der Ming-Dynastie, Yongle (reg. 1403-1424), zurück. Parallel zu seiner Entscheidung, die Hauptstadt nach Beijing zu verlegen, ließ er das Dorf Haijin zu einer Militärstation und einem Hafen für die neue Hauptstadt ausbauen und in Tianjin umbenennen. Der Name bedeutet soviel wie "Der Ort, wo der Sohn des Himmels eine Furt anlegen ließ".

Unter den Qing-Herrschern (1644-1911) gewann Tianjin zunehmend an Bedeutung als Handelsmetropole. Die Stadt bekam eine zehn Meter hohe Stadtmauer, die noch bis 1901 die chinesischen Wohnviertel umgab, während sich etwas nördlicher der Stadt, dort wo der Kaiserkanal in den Hai He mündete, ein grosser Warenumschlagplatz entwickelte. Besonders mit der auch heute noch wichtigen Meersalzgewinnung wurden beträchtliche Gewinne erzielt. Nach dem Zweiten Opiumkrieg mußten die Chinesen durch den "Vertrag von Tianjin" Ausländern in der Stadt Konzessionsgebiete einräumen und den Hafen für den freien Handel öffnen. Als Folge der Erniedrigung Chinas durch die sogenannten Ungleichen Verträge, die das Kaiserreich mit den imperialistischen Mächten schließen mußte, kam es 1870 erstmals zu einem Überfall auf eine ausländische Niederlassung und die französische Kirche. Dabei wurden der französische Konsul und einige Missionare getötet. Die Auseinandersetzungen kulminierten 1900 schließlich im Boxeraufstand.

Der europäische Einfluss machte sich zunehmend auch im Stadtbild bemerkbar. Es gab sogar Strassenbahnen, die ab 1905 als Transportmittel für die Arbeiter gebaut wurden. Auch sonst wurden die Niederlassungen der Engländer, Franzosen und der später dazugekommenen Deutschen (1895), Belgier, Russen, Japaner, Italiener und Bewohner Österreich-Ungarns schnell und konsequent ausgebaut. Ab 1888 wurde Tianjin systematisch an das gerade entstehende chinesische Eisenbahnnetz angeschlossen und bekam bis 1912 Verbindung mit Shenyang, Beijing, Nanjing und vielen anderen Städten. Zu dieser Zeit war die Bevölkerung bereits auf  750.000 Einwohner angeschwollen. Ausserdem lebten etwa 5400 Ausländer in der Stadt. Dazu kamen noch einmal 6000 ausländische Soldaten, die ständig in Tianjin stationiert waren und eine internationale Eingreiftruppe bildeten.

Zum wirtschaftlichen Zentrum entwickelte sich die englische und französische Konzession. Hier wohnten auch die meisten Ausländer. Zwar besass jede Konzession eine eigene Verwaltung, Polizei und Gerichtsbarkeit aber es gab keine Grenzen, die sie voneinander trennten. Alle Bewohner, auch Chinesen, konnten sich überall niederlassen. Dieses ungezwungene Miteinander veranlasste nach der Revolution von 1911 auch viele mandschurische Mitglieder des Kaiserhofs, in die Sicherheit der Tianjiner Konzessionen zu fliehen, Niederlassungen, die sie unter Umständen vorher noch zutiefst verteufelt und verdammt hatten. Selbst der abgesetzte Kaiser Puyi  liess sich nach seinem "Rausschmiss" aus der Verbotenen Stadt 1924 bis zur Ernennung zum Kaiser von Manzhouguo (Mandschukuo) hier nieder.

Während des Zweiten Weltkriegs unter japanischer Besatzung, verlor Tianjin siene Bedeutung als internationale Handelsniederlassung. Nach 1945 wurden vor allem die Leicht-, Textil- und Teppichindustrie wiederaufgebaut.

Wirtschaftsraum

Tianjin besitzt den grössten Binnen- und Überseehafen Nordchinas und ist zudem das wichtigste Handels- und Industriezentrum des Nordens. Dank seiner zwar kurzen, aber erfolgreichen Geschichte als Konzessionsgebiet ausländischer Mächte gehörte die Stadt zu den 14 Städten, die Vorzugsbedingungen für Auslandsinvestitionen bieten dürfen. Seine reichen natürlichen Ressourcen - Tianjin besitzt einige der grössten Ölfelder und Gasvorräte Chinas, zahlreiche Bodenschätze sowie ein breitgefächertes Spektrum an Industriebetrieben - schaffen ausserordentlich günstige Voraussetzungen für eine zukunftsträchtige Entwicklung und machen die drittgrösste Stadt Chinas zum begehrten Handelspartner für ausländische Firmen.

Tianjin baute nach 1949 vor allem vier industrielle Kernbereiche auf: Elektronik-, Chemie-, Metall- und Maschinenindustrie. 70% der industriellen Produktion kommen aus diesen Bereichen.

"Chinas Osten" Reise-Know-How Verlag (2000)