TAOISMUS

Der Name "Tao-te-king" bedeutet "Das Buch (king oder ching) vom Weltgesetz (tao) und seinem Wirken". Es soll die einzige überlieferte Schrift des Lao-tse sein und ist eines der originellsten Werke des chinesischen Denkens, das wegen seiner Kulturkritik und seiner mystischen Tendenzen zu den in europäischen Sprachen meistübersetzten Werken der chinesischen Sprache gehört.

Es enthält 81 kurze Abschnitte oder Kapitel, die teilweise gereimt sind, welche die Gedanken ohne feste Gliederung in aphoristischer Form in hochpoetischen Bildern und einer sehr ausdrucksvollen spache transportieren. Die Kapitel 1 bis 37 bieten Definitionen des Tao, die Kapitel 38 bis 81 eine Definition des Te (= "das Wirken des Tao"; manchmal auch mit "Tugend des Tao" übersetzt) und des Verhältnisses von Tao und Te, weshalb der Titel der Schrift eigentlich lautet: "Das Buch von Tao und Te".

Die Lehre                                                                                                      

Im Zentrum des Denkens Lao-tses steht der Begriff des Tao, welches als ewiger Urquell allen Seins und als die Kraft, die allem zugrundeliegt, angesprochen wird. Zugleich gilt das Tao aber auch als das Weltgesetz und die ethische Richtschnur für richtiges Handeln. Es ist ein ewiges All-Eines und das höchste Prinzip der natürlichen und der sittlichen Welt; es wird mit Weg, Leben, Gott, Gesetz oder auch natürlicher Ordnung übersetzt. Zugleich wird es als namenlos und undefinierbar bezeichnet. Es kann als Universalgesetz oder auch als göttlicher Wille verstanden werden, doch ist es kein statisches Ideal, sondern eine tätige Kraft.

Denkt man das Tao als Absolutes, muß man wohl ein unpersönliches Prinzip annehmen, doch wird es an einigen Stellen des Tao-te-king auch als "Gott" oder "Muttergöttin" angesprochen. Damit hatte Lao-tse bzw. der Verfasser wohl den Anschluß an die altchinesische Bilderwelt gesucht. Seine Undefinierbarkeit als kosmische und ethische Autorität wird durch zahlreiche Paradoxien beschrieben, die später zum beliebtesten Stilmittel der taoistischen Schule wurden. Das Tao ist der Urgrund der Welt, aus ihm ist alles entstanden. Aus dem rein transzendenten Nicht-Sein geht das Sein, das Tao, als ungeschiedene All-Einheit hervor und erzeugt als diese Einheit in sich die Zweiheit von Yang und Yin. Aus dem Dualismus dieser Prinzipien entsteht der Lebensatem, der die Harmonie der beiden antagonistischen Kräfte bewirkt. Diese Dreiheit von Ynag, Yin und Lebensatem erzeugt nun die Vielheit ("die zehntausend Wesen"). So ist das Tao der Ursprung aller Wesen, nährt sie mit seiner Kraft und vollendet sie durch sein Wirken. Indem das all-eine Tao so zur Vielheit wird, treten in der Welt Gegensätze zutage, die vorher nicht waren (gut-böse, schwer-leicht, lang-kurz, hoch-tief, vorher-nachher usw.) Sie bedingen einander, das heißt, sind zu ihrer Entstehung auf ihr Gegenteil angewiesen. So verhält es sich auch bei der menschlichen Tugend. Die taoistische Ethik geht davon aus, daß die bestehende Gegensätzlichkeiten in der Welt die Loslösung der Welt und des Menschen von der ursprünglichen natürlichen Einheit anzeigen. Daher muß der Mensch vom weltlichen Streben ablassen und eine Freiheit von allen irdischen, auch den sozialen Bindungen erstreben. Das Tao erscheint als einzig Beständiges gegenüber der Wandelwelt, und der Mensch soll sich ganz ins Tao versenken und in ihm aufgehen.

So ist das taoistische Ideal letztlich ein quietistisches: Das Handeln des vom Tao durchdrungenen Weisen ist letztlich ein "Nicht-Handeln" (Wu-wei), d.h. ein Wirken durch sein bloßes (vorbildhaftes) Dasein und das Ablassen von allem kurzfristigen weltlichen Tun. Das Wu-wei ist das sanfte, weiche Prinzip, dem letztlich nichts widerstehen kann und das sich durchsetzt; es ist nicht einfach bloße Abwesenheit von Handeln, sonder eine Haltung des Nicht-Eingreifens in den Lauf der Dinge und die Kunst mit dem Wirken des Tao in Einklang zu sein. Ideal des Taoismus ist der Unsterbliche (hsien), der sich von der Welt zurückzieht und ins Tao versenkt. Der dem Dasein zugewandten Tätigkeit steht das beschauliche Sich-Versenken, die friedfertige und versöhnliche Ruhe des Sich-Zurückhaltens gegenüber.

Doch ist der Anspruch des Taoismus dem des Konfuzianismus ähnlich; sein Ideal ist nicht nur die Weisheit des einzelnen, sondern er sieht seinen Weg ebenfalls im Dienste der sittlichen Erneuerung der Gemeinschaft, des Staates und letztlich der Welt. Alles Übel in der Welt entsteht dadurch, daß sich die Menschen von der frühen Natürlichkeit und Sittlichkeit entfernt haven. Das politische Ideal des Taoismus besteht (dem Konfuzianismus entgegengesetzt) in einer Skepsis gegen alles politische Handeln. Als erstrebenswert gilt ein kleines Reich, in dem die Leute friedlich und überschaubar nach dem Herkommen leben, ohne Kriege oder Beziehungen zu ihren Nachbarvölkern. Der gute Fürst im Sinne des Taoismus regiert nicht eigentlich durch Handlungen und machtvolle Durchsetzung, sondern wirkt allein durch sein ethisches Vorbild als Weiser; auch er läßt also das Tao ruhig wirken (Wu-wei).

                                                                 entnommen aus "Weltreligionen" Könemann Verlag

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