Die Seidenstraße
"Einzig Knochen von Menschen und Tieren dienen uns auf der Reise als Wegweiser" notierte der Mönch Faxian in seinem "Bericht über die buddhistischen Länder", in dem er seine zwischen 399 und 414 durchgeführte Reise entlang der Seidenstraße nach Indien aufzeichnete. Auch spätere Reisende, allen voran der berühmte Pilger Xuanzang, der zwischen 629 und 645 über die Seidenstraße nach Indien reiste, konnten ein Lied über die Gefahren der Wüste singen, deren mörderische Umklammerung sie oft nur mit knapper Not entrinnen konnten. Doch die Seidenstraße ist mehr als nur trockene Wüste. An ihr treffen faszinierende Landschaften, unzugängliche gewaltige Hochgebirge, einsame grüne Almen, endlose Wälder und weite Seen, aber auch vielfältige Kulturen, grandiose Kulturzeugnisse, pulsierende Basare und gemächliches Oasenleben aufeinander.
Der Name Seidenstraße wurde von dem Geographen und Zentralasienforscher Ferdinand Freiherr von Richthofen (1833-1905) geprägt und bezeichnet die von Chang'an (Xi'an) im Zentrum Chinas durch den Hexi-Korridor über Kashgar und Samarkand bis nach Persien verlaufenden Handelswege, die seit etwa 105 v.Chr. mit vielen zeitlichen Unterbrechungen die drei Hochkulturen Indiens, Persiens und Chinas mit den Mittelmeerkulturen verbanden. Daß der Seidenstraßenhandel so bedeutende Ausmaße überhaupt annehmen konnte, ging auf die Expansionspolitik des Han Kaisers Wu (reg.141-87 v.Chr.) zurück. Um die China bedrohenden Hunnen friedlich zu stimmen, hatten Wus Vorgänger noch eine Politik der Beschwichtigung praktiziert, die sich durch Geschenke, prunkvolle Empfänge für die Xiongnu-Führer und der Verheiratung chinesischer Prinzessinnen mit Führern der Nomadenvölker auszeichnete. Die Staatskasse wurde dadurch immer leerer und die Xiongnu immer reicher und dreister. Angesichts leerer Kassen kam Kaiser Wu auf die Idee, "einen Barbaren durch einen anderen bekämpfen zu lassen", eine Politik, durch die China über die Jahrhunderte hinweg immer wieder der lachende Dritte sein konnte. Mit der Umsetzung der neuen Politik, betraute er seinen General Zhang Qian, der 139 v.Chr. zu einer ersten Expedition in den unbekannten fernen Westen aufbrach, wo er die von den Xiongnu aus Gansu vertriebenen Yuezhi ausfindig machen wollte, um sie als Verbündete im Kampf gegen die Xiongnu zu gewinnen. 13 Jahre dauerte Zhang Qians Odyssee, bis er 126 wieder in Chang'an eintraf und detaillierte Berichte aus den Gebieten im fernen Westen mitbrachte.
Die diplomatischen Missionen des Zhang Qian bereiteten eine beispiellose Offensive der Chinesen vor, die sie bis zum Pamir und die Dsungarei führte, wo sie schließlich das Generalprotektorat der Westgebiete (Xiyu Duhu) gründeten und ihre Eroberungsfeldzüge abschlossen. Nun waren nicht nur die Grenzen gesichert, sondern auch der Weg frei für einen gewaltigen Handelsaufschwung. Riesige Karawanen bewegten sich fortan von Ost nach West, beladen mit Seide für das unersättliche Rom, feinster Keramik für den erlesenen Geschmack der islamischen Welt und Brokaten für die kurzlebigen zentralasiatischen Königreiche. Umgekehrt reisten wandernde Karawanenstädte aus bis zu 1000 Karren von West nach Ost, beladen mit Tributlieferungen an den chinesischen Kaiserhof, darunter die Unsterblichkeit verheißenden Himmelspferde aus der Sogdiana für Kaiser Wu, der, ähnlich wie schon sein großer Vorgänger Qin Shi Huangdi, nicht hinnehmen wollte, daß ausgerechnet er als Sohn des Himmels sterblich sein sollte.
Die himmlischen Pferde kommen,
sie kommen aus dem fernen Westen.
Den fließenden Sand haben sie durchquert,
die neun Barbaren sind unterworfen.
Die himmlischen Pferde kommen,
dem Wasser einer Quelle entstiegen.
Die himmlischen Pferde kommen,
durch grasloses Land sind sie gegangen,
tausend Li haben sie zurückgelegt, um gen Osten zu ziehen.
Die himmlischen Pferde kommen,
genau in diesem Jahr.
Machen sich bereit davonzustürmen, wer weiß wann?
Die himmlischen Pferde kommen,
man hat die fernen Tore geöffnet.
Ich möchte mich aufrichten und fortgehen bis zu den Kunlun-Bergen.
Die himmlischen Pferde kommen,
sie sind die Vermittler der Drachen,
durchschreiten die Pforte des Himmels,
und betrachten die Jade-Terrasse.
Han shu
Die Zeiten des Seidenstraßenhandels waren Zeiten des Reichtums für die Oasenstädte. Es waren gleichzeitig auch Zeiten reger Missionstätigkeit, und so fanden Manichäismus, Nestorianismus, Mazdaismus und der Islam ihren Weg in die Oasen des Tarim-Beckens, ja bis hinein in die Städte Chinas. Am bedeutendsten aber war das Vordringen des Buddhismus, der im Verbund mit den Reichtümern der Oasen in riesigen Tempel- und Grottenanlagen seinen kunstvollen Ausdruck fand und heute neben den landschaftlichen Schönheiten jede Reise entlang der Seidenstraße zu einem unvergesslichen Erlebnis werden läßt.
Der Handel entlang der alten Seidenstraße lebte von eindeutigen Machtverhältnissen, und die waren nur zur Han-, Tang- und zur mongolischen Yuan-Zeit gegeben, als sich Chinas Grenzen jeweils bis weit nach Westen schoben. Brachen diese Großreiche zusammen, zerfiel die zentralasiatische Welt in einem Flickenteppich sich bekämpfender Einzelstaaten, die einen lohnenden Handel oftmals unmöglich machten. Seit der Ming-Zeit verlagerte sich der Fernhandel weitgehend auf den sichereren Seeweg, und für die Oasen des Tarim-Beckens begann die Zeit des Niedergangs. Abgeschnitten von der Macht des Geldes, wurden die Königreiche zu Spielbällen imperialer Politik, auf die sie selbst kaum mehr gestaltend einwirken konnten. Das Tarim-Becken und die Dsungarei wurden unter der mandschurischen Qing-Dynastie zwischen 1755 und 1795 erneut dem chinesischen Reich einverleibt, um den Rest stritten sich England und Rußland.
Zum Leben erwacht ist die Seidenstraße erst wieder seit Anfang des 20. Jahrhunderts, als sie wegen aufsehenerregender Entdeckung in die Schlagzeilen der Weltpresse gelangte: 1899 die Dokumentenfunde in den Grotten von Dunhuang; 1974 die spektakuläre Ausgrabung der Terrakottaarmee. Auch die Reiseberichte von Sven Hedin und anderen Abenteurern und Forschern lenkten ein weltweites Interesse auf die Seidenstraße. Die modernen Karawanen setzen sich nicht mehr aus Kamelen zusammen, sondern aus Güterzügen nach Kasachstan, Lkw-Konvois nach Kirgistan oder Touristenbussen nach Pakistan, die der Seidenstraße nach Jahrhunderten der Abstinenz zu einer ungeahnten Renaissance verholfen haben.
"China" Dumont Richtig Reisen 1997/99