Schrift

Mehr Menschen bedienen sich der chinesischen Sprachen - ein praktisches und anpassungsfähiges Sprachwerkzeug - als jeder anderen Sprache der Welt. Heute sprechen mehr als 1 000 000 000 Menschen Chinesisch oder einer dem Chinesischen eng verwandte Sprache wie Thai, Laotisch, Annamitisch u.a.. Die genannte Ziffer ist dreimal so hoch wie die der Englischsprechenden, die an zweiter Stelle steht.

Das geschriebene Chinesisch ist zudem weit über die nationalen Grenzen hinaus verbreitet. Sowohl Korea als auch Japan entliehen chinesische Schriftzeichen, wenn sie Aufzeichnungen als notwendig erachteten. Im Westen und Südwesten entwickelten verschiedene Stämme Schriftzeichen, welche auf denselben Prinzipien und derselben Form wie Chinesisch basierten

Gesprochenes Chinesisch weist viele Zeichen allmählicher Veränderung auf, was ja in jeder lebenden Sprache unvermeidbar ist. Änderungen in der Sprache erfolgen ebenfall in der Entwicklung vieler regionaler Dialekte. Obwohl sie alle einen gemeinsamen Ursprung haben, unterscheiden sich manche regionale Mundarten so sehr voneinander, daß sie für einen nicht aus derselben Gegend stammenden Landsmann unverständlich sind.

Ist das gesprochene Chinesisch verwirrend, so zeigt sich im Gegensatz dazu das Geschriebene als eine Einheit. Die frühesten Beispiele von geschriebenem Chinesisch finden wir auf den Orakelknochen, deren man sich bei den Weissagungen in der Shang-Dynastie (ca.1500 v.Chr.) bediente. Vor 3500 Jahren gab es bereits eine hochentwickelte Sprache in China, die einen großen Umfang an Ausdrucksmöglichkeiten und einen großen Wortschatz aufwies. Rund 2500 selbständige Schriftzeichen entdeckte man auf den Knochenfragmenten aus der Shang- sowie der Yin-Dynastie. Davon konnte man 600 Schriftzeichen identifizieren. Natürlich ist der damalige Schreibstil nicht derselbe wie der heutige; doch sind zahlreiche Schriftzeichen erkennbar, die den jetzigen ähneln.

Das Shuo Wen Lexikon aus der Han-Dynastie (207 v.Chr. -220 n.Chr.) enthält bereits 9353 Schriftzeichen. Das Kang Hsi Wörterbuch aus der Ching-Dynastie (1644-1911) 40545. In dem in den ersten Republikjahren kompilierten Chung Hua Wörterbuch sind 50000 Schriftzeichen enthalten. Das noch nicht fertiggestellte Chungshan Wörterbuch soll sogar 600000 umfassen.

Im Alltag bedient man sich rund 3000 Zeichen, zum Zeitungslesen hingegen sind etwa 7000 erforderlich.

Der erste Schritt zur Entwicklung der Schrift in China war der Gebrauch einfacher, Gegenstände darstellender Bildsymbole. Viele Schriftzeichen des modernen Chinesisch hat man von diesen Piktogrammen abgeleitet. Mit der Zeit fand man Mittel um komplizierte Ideen und Begriffe schriftlich wiederzugeben. Piktogramme, die die grundlegende Bedeutung der Dinge wiedergeben, wurden erweitert oder mit anderen Begriffszeichen verbunden. Eine hinter dem Schriftzeichen für "Baum" aufgehende Sonne ließ das Schriftzeichen mit der Bedeutung "Osten" entstehen. Zwei Bäume ergeben das Schriftzeichen für "Hain", drei Bäume für "Wald". Als man ein Schriftzeichen für  Helle brauchte, war nichts natürlicher als die zwei hellsten Himmelskörper, Sonne und Mond, zu verbinden.

Die Bildung von Wörtern war nicht immer eine Sache der Manipulation mit Piktogrammen. Eine andere seit der Shang-Dynastie übliche Methode ist die Bildung von Phonogrammen. Hier ist das Schriftzeichen aus zwei Bestandteilen zusammengesetzt, einem sogenannten Radikal, das die Klassifizierung des Wortes angibt, und einer Phonetik, die den Schlüssel zur Aussprache gibt. Wichtige Radikale gibt es nur wenige. Im modernen Sprachgebrauch benötigt man nur 214. Andere werden so selten gebraucht, daß 50 Prozent der im Wörterbuch zu findenden Schriftzeichen nur unter 50 Radikalen eingetragen sind. In einfacher Prosa findet man noch weniger als 50 vor.

Viele Radikale entwickelten sich aus Piktogrammen. Doch wurde infolge der Vereinfachung das ursprüngliche Bild oft verloren. Ein der am meisten anzutreffenden Radikale ist jenes für Gold, das ursprünglich das Bild eines Hügels mit darunter vergrabenen Schmelztigeln darstellen sollte. Als Radikal dient es als Klassezeichen für Metalle oder aus Metall hergestellte Dinge. Es ist beispielsweise in Geld, Kupfer und Aluminium enthalten.

Die lateinischen und griechischen Vorsilben der westlichen Sprachen ähneln den chinesischen Radikalen. Die griechische Vorsilbe "Phil-" besagt z.B., daß das Wort etwas mit Liebe zu tun hat. Philosophie ist daher die Liebe zur Weisheit, Philantrop gleich Menschenfreund usw. Ein Chinese, der ein Schriftzeichen mit dem Radikal "Herz" sieht weiß, daß das Wort etwas mit menschlichen Gefühlen zu tun hat.

Das Chinesische weist eine logische Struktur auf, die auf einer überaus festen Grundlage bildlicher Gegenstände aufgebaut ist. Ein Piktogramm übermittelt eine klare Bedeutung, die sogar Kinder oder ungebildete Leute verstehen können, Spitzfindigkeiten beim Übergang von Piktogramm über Ideogramm zum Phonogramm kamen erst später. Der Prozeß ähnelt dem der Wortbildung, der andere Sprachen geformt hat.

Die chinesische Grammatik ist einfacher als in westlichen Sprachen. Es gibt keine sturen Regeln in Bezug auf Geschlecht, Zahl, Fall, Zeit oder Partizipien. Wörter oder Schriftzeichen bilden die Sätze nach gesundem Menschenverstand und der Logik des Zusammenhangs.

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