Scherenschnitt
Die Kunst des Scherenschnitts ist in China weit verbreitet. Ursprünglich in Nordchina beheimatet, ist sie seit Jahrhunderten bei den Chinesinnen beliebt.
In alter Zeit stand es um die Bildung der Frauen des Bürgertums nicht zum besten; Talente widmete man dem Kochen, dem Schneidern, der Stickerei und den Volkskünsten, die das Leben angenehmer gestalten und das Heim verschönern sollten. Scherenschnitte nahmen damals einen so wichtigen Platz ein, daß jedes Mädchen bereits in seiner Kindheit damit vertraut gemacht wurde. Abgesehen davon, bereitete es großen Spaß Scherenschnitte herzustellen.
Scherenschnitte sind fröhlich und dekorativ. Bei Festlichkeiten, insbesondere anläßlich des Chinesischen Neujahrs, bedient man sich ihrer. Auf Fenster geklebt, verleihen sie - ähnlich dem Weihnachtsbaum - dem ganzen Haus einen Festtagscharakter und versprechen ein glückliches Neujahr.
Wie alt ist der Scherenschnitt?
Papier wurde in der Han-Dynastie (207 v.Chr.-220 n.Chr.) erfunden. Historiker glauben, daß auch die Anfänge des Scherenschnitts in jene Zeit fallen. In der Tang-Dynastie (618-906 n.Chr.) traten zum erstenmal die sogenannten Frühlingsrollbilder auf, welche die Chinesen zu Neujahr an die Türen klebten. Es handelte sich hierbei um rotes Papier, das mit glückverheißenden Versen beschrieben war. Ungefähr zur selben Zeit scheint auch der Scherenschnitt beliebt geworden zu sein.
Das chinesische Wort für Scherenschnitt lautet "Fensterblumen". Damit hat es folgende Bewandtnis. In alter Zeit bestanden die Fenster in Nordchina aus dünnem, halbdurchsichtigem, mit Tungöl überzogenem Papier. Um den düsteren Räumen einen helleren Farbanstrich zu geben, klebte man das ganze Jahr über Scherenschnitte aus rotem Papier auf die Fenster. Viele Familien verwendeten Scherenschnitte zur Verzierung von Geschenken, Süßigkeitsbehältern, Teeservice und Tischgedecken.
General Kuan Yü beim Lesen der "Frühlings-und Herbstanalen" des Konfuzius
Die Silhouetten beschränken sich nicht nur auf Blumen. Man griff auf Drachen, seltsame Götter, wilde Tiere oder was immer die Fantasie diktierte, zurück. Alles soll ja Glück symbolisieren, dazu gehört natürlich das rote Papier. In China betrachtet man die rote Farbe als Zeichen der Freude.
Götter darstellende Scherenschnitte sind besonders zu Neujahr beliebt. Zu Geburtstagsfeiern schneidet man langes Leben verheißende Föhren und Kraniche aus. Anläßlich von Erntedankfesten findet man ausgeschnittene Szenen wie "Fee auf dem Fluge zum Mond", "Der Hase und die drei Unsterblichen" oder "Eispalast im Mond".
Handelt es sich um keine festliche Gelegenheit, so sind alle Motive möglich. Seit alter Zeit bedienten sich jedoch Chinesinnen mit Vorliebe Blumen- und Vogelmuster, aber auch Motiven ihrer Haustiere. Talentierte Frauen fertigten Szenen aus Legenden und Oper an.
Kriege und Wechsel der Dynastien ließen den Scherenschnitt auch im Süden des Festlandes bekannt werden. Die malerische Landschaft sollte zum neuen Motiv werden. Moderne Einflüsse aus Fukien und Kwangtung machten sich bemerkbar. Mitunter sind auch Spuren westlicher Kunst und deren großzügige Farbverwendung zu bemerken.
Einfache Blumen- und Tierformen auszuschneiden ist nicht schwer. Um mit wenigen Scherenschnitten ein kleines Kunstwerk entstehen zu lassen, bedarf es allerdings Erfahrung, Fantasie und Talent. Allgemein gesprochen, sind uns zwei verschiedene Techniken des Scherenschnittes bekannt. Die eine besteht darin, ein vielfach zusammengefaltetes Papier zu schneiden, was allerdings auf einfache Formen und geometrische Muster beschränkt ist. Die andere Technik besteht darin, ohne das Stück Papier zu falten, Formen zu schneiden. Man zeichnet für gewöhnlich den Umriß des zu entstehenden Motivs auf die Rückseite des Papiers, um dann die Schere schnell und mit geübter Hand das übrige tun zu lassen.
Aus der Oper "Wu-chia-p'o"
Ungeachtet der Kompliziertheit des Motivs ist es ein Gesetz dieser Kunst, die Silhouette als ungebrochenes einziges Stück auszuschneiden. Soll ein Drachen entstehen, zeichnet der Künstler den Umriß zuerst auf die Rückseite des Papiers, schneidet dann Augen, Hörner und Borsten heraus, um dann den sich schlängelnden Körper des Fabeltiers mit all seinen Flossen und Krallen herauszuarbeiten. Chinesische Drachen sehen oft böse aus, gelten jedoch stets als freundlich und gütig und sind nur Bösewichten gegenüber gefährlich.
Auch in Ländern wie Japan, Deutschland und Italien haben ihre Art Scherenbild. Japaner stellen die Silhouetten mit Vorliebe realistisch dar. Deutsche und Italiener bevorzugen schwarzes Papier und konzentrieren sich meist auf die Silhouetten. Nur die Chinesen schneiden volle Portraits aus.
Nach der Jahrhundertwende verlor der Scherenschnitt an Beliebtheit, da Glas das Papier als Fenster ersetzte und billige Farbdrucke als Zimmerdekoration erhältlich waren. Die Kunst des Scherenschnittes ist alt, aber nach wie vor ist sie eine erfreuliche künstlerische Herausforderung.