Puyi

Lautlos schlichen sich die Soldaten an, verteilten sich an den Mauern, stiegen auf Dächer, drückten sich hinter Säulen. Auf ein Zeichen kletterten sie hoch, traten, das Gewehr im Anschlag, hervor und sahen: Der Ex-Kaiser spielte Tennis. Bernardo Bertolucci hat diese Szene erfunden, als er in opulenter Ausstattung und epischer Länge die Autobiographie des letzten Kaisers von China verfilmte. Doch sie traf die Lage präzise. Denn als Puyi 1908 als knapp Dreijähriger auf den Thron gesetzt wurde, ohne zu wissen wie ihm geschah, war die Zeit für Chinas Monarchie eigentlich längst vorbei. Ohne innere Kraft hatte sich das Reich der Mitte, das sich so gerne als Mittelpunkt der Welt sah und sieht, den europäischen Kolonialmächten ergeben müssen.

Doch auch in China gediehen die Kräfte der Reform. Typischerweise kamen sie aus dem Süden, nicht aus der Bürokratenstadt Peking. Bevor Puyi überhaupt wahrnehmen konnte, was es bedeutet, Kaiser zu sein, war er auch schon wieder abgesetzt. Die große Kaiserfamilie durfte zunächst im Palast wohnen bleiben und stellte für den Ex-Kaiser den Schotten Sir Reginald Johnston als Lehrer ein. Der brachte Puyi zwar nicht das Tennisspielen bei, aber das Fahrradfrahren, was für den Jugendlichen eine bewußtere Revolution bedeutete als die Gründung der Chinesischen Republik. Er bekam Kontakt zu ganz normalen Menschen.

Nach dem Tennisspiel im Film wurde die Kaiserfamilie aus dem Palast verwiesen, und Puyi ließ sich in einer ausländischen Villa in der Kolonialkonzession der Hafenstadt Tianjin nieder. Je älter der junge Mann wurde, desto tragischer gestaltete sich seine politische Rolle. Er glaubte weiter an den Machtanspruch seiner Familie, sah sich jedoch von den zahlreichen Fraktionen, in die sich die politische Szene Chinas nach dem Sturz der Monarchie aufgespalten hatte, allein gelassen. Also entwickelte er sich zum Anhänger Japans, das er als aufgeklärtes Kaisertum betrachtete, ohne zu erkennen, daß seine politischen Vorbilder gerade dabei waren, seine Heimat mit einem brutalen Krieg zu überziehen. Japan hatte schon Korea kolonisiert und die Mandschurei besetzt, jene abgeschiedene, aber an Bodenschätzen reiche Region im Nordosten Chinas, aus der Puyis Ahnen stammten. Nach langen Bemühungen wurde der nun auch im westlichen Luxusleben erfahrene junge Mann doch noch Kaiser von Mandschuguo, einem japanischen Marionettenstaat, den außer ein paar Freunden Japans (darunter das Deutsche Reich) niemand diplomatisch anerkannte. Bertolucci inszenierte auch die Kaisererhebung grandios: in öder Weite, auf einem matschigen Acker.

Im Zweiten Weltkrieg wüteten die Japaner auf brutale Art in Ostasien. Gegen Ende trat ihnen die Sowjetunion entgegen und befreite Korea und Mandschuguo. Puyi geriet in Gefangenschaft und sagte im Kriegsverbrecherprozeß gegen Japan aus. Nach Errichtung der Volksrepublik China wurde er 1950 von der damals noch befreundeten Sowjetunion an die neuen Machthaber in Peking ausgeliefert und zur Umerziehung ins Gefängnis gesteckt: Er sollte ein "einfacher Bürger" werden. Nach neun Jahren kam er frei und arbeitete als Gärtner im Botanischen Garten. Doch seine Gesundheit war angeschlagen. Der Ex-Kaiser durfte sich ins "Studio zur Beruhigung der Sinne" im Beihai-Park, der einst seiner Familie vorbehalten war, zurückziehen, um dort seine Autobiographie zu schreiben, die 1964 veröffentlicht wurde.

1966 begann die "Kulturrevolution", und der "einfache Bürger" sah sich neuen psychischen und physischen Angriffen ausgesetzt. Am 17.Oktober 1967 starb der Ex-Kaiser an Nierenkrebs. Nach den Wirren der nächsten Jahre rehabilitierten die Kommunisten Puyi 1980. Seine Witwe, eine Krankenschwester, die ihn im Alter betreut hatte, übergab seine Asche zur Beisetzung auf dem Heldenfriedhof Babaoshan im Westen Pekings. Hier ruht der Ex-Monarch nun zwischen den "heldenhaft gestorbenen Revolutionären" - die letzte Ironie seines tragischen Lebens.

(Peking - Metropolen der Welt, Bucher Verlag 1997)

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