"Ich hätt' da gern mal ein Problem....."
Seit Jahren versuche ich es zu unterdrücken, beiße mir auf Zunge und Finger... aber nun muß es raus: sozusagen Gruppentherapie für ein armes Verkäuferschwein, das unter immerwiederkehrenden Dummfloskeln des ansonsten so liebenswerten Königskunden leiden muß!
Beginnend mit der freundlich lächelnd gestellten Frage, ob man ihn denn helfend durch das Sortiment gleiten dürfe, schrickt der angesprochene Kunde einen halben Meter zurück, um stammelnd zu verneinen. Kaum am angestammten Platz zurück - genau 10 Sekunden hat er gebraucht, um die Hemmschwelle abzubauen - ruft der zuvor angepeilte Kunde unsicher hinterher: "Doch... doch... äh, ich hätte gerne eine Frage!"
Eigentlich müßte ich ihm nun ein einzelnes Trivial Pursuit Kärtchen in die Hand drücken und flapsig 6 Mark 90 von ihm verlangen, aber 12 Jahre Berufserfahrung dechauffrieren die Floskel automatisch im Gehirn zu "Ich hätte eine Frage". Mit offener Geste eile ich gen Kunden und schlittere mich mit hilfsbereitem "Ja?" vor ihm ein. Nun beginnt der gewundene Monolog: "Naja, ich weiß nicht mehr genau wie es heißt oder von wem das ist, aber es war ein Comic."
Mit treuen Karnickelaugen erwartet er nun meine positive Antwort, ich schaue fragend zurück - er begreift, daß er doch ein bißchen mehr Information rausrücken muß: "Auf Seite 43 stand in der oberen rechten Sprechblase 'Du Schurke'", und erwartungsvoll blickt er mir in die Augen. Während ich überlege, ob der Spaßvogel wohl von der Konkurrenz bezahlt worden war, um unser umfangreiches Fachwissen zu prüfen, versuche ich ihm das eine oder andere Detail mehr aus der Nase zu ziehen: Haarfarbe und Geschlecht der Comicfigur, ungefährer Inhalt....etc.
Entweder endet diese Grübelei mit einem ungeduldigen: "Na wissen Sie es nicht??" seinerseits oder wir finden eine Lösung, die in einem antiquarischen Exemplar liegt, das es leider seit 20 Jahren nicht mehr im normalen Handel gibt. "Nein, tut mir leid, Titel XY ist seit soundsoviel Jahren eingestellt und verlagsvergriffen. Eventuell haben Sie noch auf Börsen oder Flohmärkten eine Chance", lautet dann meine Antwort. "Können Sie es mir bestellen?" bittet mich der Kunde daraufhin lächelnd. Und bestürzt frage ich mich, ob ich wohl aus Versehen meine Antwort auf serbokroatisch formuliert hatte.
Schön sind natürlich auch die mitleidigen Blicke, die man demütig entgegennimmt, wenn man die Frage nach dem "T-Shirt mit gelbgrünem Aufdruck, dänischer Kleinverlags-Comic-Held, auf graurosa Hintergrund", welches der Kunde vor 15 Jahren in Neu Mexiko in einem Laden hängen sah, verneinen muß. Mit hochgezogener Augenbraue wird man in Grund und Boden gestarrt: "Ich dachte, ich wäre hier in einem Fachgeschäft."
"Jau, aber nicht im Kuriositätenarchiv des gesamten Erdballs", denke ich mir und frage mich, ob jemals ein Verkäufer mich so zum Teufel gewünscht hat, wie ich es manchmal tue.
Unvergeßlich bleiben auch solche Momente, wie: Tür wird aufgerissen und der Kunde baut sich vor einem auf, um mir siegessicher sein: "Hören Sie, Sie haben doch sicherlich NICHT den Titel "soundso" vorrätig" in mein Gesicht zu schleudern. Was denkt der Drecksack eigentlich? NATÜRLICH haben wir - ein Griff ins Regal - dem Kunden unter die Nase gehalten, der arrogant kontert: "Na dann weiß ich ja in Zukunft wo ich es kaufen kann."
Und was wäre das Verkäuferleben, ohne die "War-Schauer"? Sogenannte Stammkunden, die es schaffen, sich mit unglaublichem Geschick derart ins Gedächtnis einzugraben, so daß man jedesmal freudestrahlend den Gruß erwidert. Wobei bei näherem Nachdenken klar wird, daß diese namenlosen aber fast prominenten Gestalten eigentlich noch nie eine müde Mark hiergelassen haben, aber sich seit 5 Jahren bei uns aufwärmen oder abkühlen (je nach Jahreszeit) und sich gewissenlos gratis durch das Repertoire lesen. Böten wir Kekse an, so würden sie auch diese ganz ohne Skrupel auffuttern. Für sie gehören wir zum täglichen Leben, wie der Gang zu Toilette oder der Schlag auf den morgentlich rasselnden Wecker. Für uns sind sie greifbar wie Quallen, ohne eigene Identität schwimmen sie anonym wie ein Deja vue druch den Laden und unterscheiden sich kaum von der wirklich zahlenden Masse.
Und trotzdem: Irgendwie mag ich ihn - den chaotisch frech daherplappernden Wirrkopfkunden, er belebt den Alltag und jagt den Adrenalinspiegel gesund in die Höhe.
Ich liebe meinen Beruf!