28.Juli 1931-28.Juni 2001

Lieber Papa!

Ich mache die Augen zu und rufe mir Deine tiefe schöne Stimme in Erinnerung, die ich nun leider nie mehr hören werde können. In den letzten Stunden werde ich von vielen Erinnerungen an Dich überflutet, einmal mehr bin ich dankbar, daß wir Menschen die Fähigkeit besitzen, nicht zu vergessen.

Ich sehe in den Spiegel und versuche Dich in meinem Gesicht wiederzuerkennen. Meine Nase, meine Ohren und auch mein Mund - das alles habe ich von Dir geerbt. Manchmal entdecke ich Dich aber auch in meiner Art zu sprechen,  oder in meinen Ansichten über Dinge. Und das ist schön... ich wünschte, ich hätte noch mehr von Dir geerbt: Deine Ruhe, Deinen Gerechtigkeitssinn, Deine Ideale.

Du warst ein Mensch, der mit beiden Beinen im Leben stand, der realistisch und praktisch war. Fremde Menschen, die Dich kennenlernen durften sind Dir sofort mit Sympathie begegnet und waren von Deinem Humor und Deiner ehrlichen und ungekünstelten Art sofort eingenommen. Du warst nie ein Mann der großen Worte, der Reden geschwungen hat - aber was Du sagtest, kam immer aus Deinem Herzen und Du hast die Dinge beim Namen genannt. Mit großer Einfühlsamkeit hast Du Menschen beobachtet und ihre guten Seiten gesehen, ich glaube, Du warst ein Menschenkenner und hast erkannt was eine Person ausmacht: nicht der Titel, nicht das Geld.... das was ein Mensch im Herzen trägt - darauf legtest Du großen Wert. Du konntest wunderbar zuhören und warst hilfsbereit. Ein Mensch, der Dich zum Freund hatte, war nie alleine und konnte auf Dich zählen.

Als Vater warst Du der Ruhepol in unserer Familie, der einen klaren Kopf behielt, wenn das Chaos ausbrach. *Ein Fels in der Brandung* - wie abgedroschen dieser Ausdruck ist, aber er fällt mir ein, wenn ich an Dich denke. Für uns Kinder hast Du Deine eigenen Bedürfnisse immer zurückgesteckt, warst für uns still und leise da, wenn wir verzweifelt waren. Wie oft hast Du wohl auf Dinge verzichtet, nur damit wir bekommen, was wir wollten? Ich werde es nie erfahren, weil Du nie darüber geklagt hast. Habe ich Dir jemals dafür gedankt? Wußtest Du, daß ich es nie als Selbstverständlichkeit sah?

Als Kind hatte ich ein Zimmer voller Spielsachen, aber der teuerste Teddy, das modernste Spiel.... das alles bedeutete mir nicht so viel, wie die Zeit, die ich  mit Dir verbracht habe. Ich kann mich kaum noch an all die Dinge erinnern, mit denen ich einmal gespielt habe, aber tief ins Bewußtsein eingegraben, haben sich die Stunden mit Dir.

Weißt Du noch, wie wir im Sommer stundenlang am Küchenfenster hingen? Die Zeit verging immer so schnell mit Dir, Du hast mir Spaßlieder vorgesungen und mit mir *Ich-seh-ich-seh-was-du-nicht-siehst* gespielt, solange bis wir nichts mehr fanden, dessen Farbe wir nicht schon erraten hätten. Du hast mir lustige Gedichte erzählt, die ich immer wieder hören wollte und über die ich lachen konnte bis mir der Bauch wehtat. Wir haben in der Dunkelheit Fledermäuse entdeckt und sie bewundert, wie elegant sie zwischen den Zedernbäumen flatterten.

Weißt Du noch, wie wir in meinen Ferien tagelang Karten gespielt haben und nebenher lief immer das Radio. *Das blau-gelbe Wunschkonzert* mit der Kennmelodie von Brahms Ungarischen Tänzen. Oder *Evergreens* auf der Welle Ö3. Und wir haben ganze Blöcke vollgekritzelt mit Zahlenkolonnen, die deutlich zeigten, wie schlecht ich Kartenspielen konnte.

Die teuersten Brettspiele waren nicht so toll, wie *Hangman* oder *Stadt-Land-Fluß* gemeinsam mit Dir.

Weißt Du noch, wie Du mich, als ich ganz klein war, immer tragen mußtest? Huckepack  - und ich habe dann meinen Kopf an Deinen breiten Rücken gelegt und konnte Dein Brummen hören, wenn Du ein Lied leise vor Dich hingesungen hast.

Wieviele Kilometer sind wir wohl gemeinsam gelaufen beim Spazierengehen? Vorbei an den schönen Hausbergen von Wien, vorbei an der Löwenbrücke bei Nußdorf, vor der ich mich immer so gefürchtet habe. Unzählige Fußmärsche über die Donaubrücken und bei jeder Schnellbahn, die vorbeiratterte ,hast Du mich vorgewarnt, damit ich mir die Ohren zuhalten konnte. Wieviel Eis habe ich dabei wohl verschlungen! Und wenn wir eingekehrt sind, Du bei Deinem Bier, ich bei meinem Pago Johannisbeer, war das schönste der Gefühle, wenn der Wirt auch noch eine Jukebox hatte: Und noch ein 5 - Schilling Stück für weitere drei Lieder.

Das Bootfahren mit Dir auf der Alten Donau; die unzähligen Praterbesuche; die Jagd auf der Suche nach Kieselsteinen; die vielen Comichefte, die wir gemeinsam nach Hause geschleppt haben; die Bensdorp-Schokolade-Schleifen, die wir gesammelt haben; die vielen Wild West Filme, die wir im Fernsehen gesehen haben; die Kinobesuche und immer eine Tüte süß-saurer *Sportgummi* dabei; die vielen Sammelalben die wir beklebt haben...

Das alles werde ich nie vergessen. Denn all diese Momente haben mir eine glückliche Kindheit beschert und mich teilweise zu dem gemacht was ich heute bin.

Papa, Dein Weggehen hat eine große Lücke in meinem Leben hinterlassen, aber ich weiß, daß Du bei mir bist und immer noch liebevoll über meinen vielen Fehlern wachst, aber auch mit viel Stolz beobachtest, wenn ich etwas gut gemacht habe. Ich habe soviele Erinnerungen an Dich, Du lebst weiter, auch wenn ich Dein Lachen nicht mehr hören kann und Du mir nie wieder Geschichten erzählen wirst.

Wo auch immer Du jetzt bist - Ich liebe Dich

Wenn jemand eine Blume liebt, die es nur ein einziges Mal auf allen Millionen und Millionen von Sternen gibt, dann muss es ihm genügen, dass er zu ihnen hinaufschaut, um glücklich zu sein. Er sagt sich: Meine Blume ist da oben, irgendwo...

   

Eine traurige Melodie gespielt auf Harven,

für einen lieben Menschen,

der hineinfuhr in den letzten Hafen.

Der herumschwirrt im traurigsten Kopf,

und immer da war, wie für die Blume der Topf.

Nun muss die Blume allein blühen,

und all ihre Freunde und ihre Liebe wird sich bemühen,

alles zu geben ihre Blätter mit Wasser zu benetzen.

Nur leider kann man diesen Mann durch garnichts ersetzen

Menschen werden geboren

und Menschen werden sterben

das ist der Lauf des Lebens

doch was wenn jemand stirbt,

der dir am Herzen lag?

dann ist es egal

ob es der Lauf der Lebens ist

du fühlst nur noch Leere

und tiefe Traurigkeit,

hast zu nichts mehr lust

aber das Leben geht weiter

aber das merkst du nicht

denn deine Gedanken schweifen immer wieder

um die hinterlassen Lücke

warum ist das der Lauf des Lebens?????

(Danke Nina, danke Andreas für diese Zeilen, die das ausdrücken, was ich empfinde)