Chinas Aufbruch in die Neuzeit

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die beherrschenden Themen in China: Wie kann der westlichen Herausforderung begegnet werden, wie kann das geschwächte China wieder so stark werden, daß es einen ebenbürtigen und gleichberechtigten Platz unter den Staaten und Völkern dieser Welt einnehmen kann? Der Zerfall des alten konfuzianischen Chinas war unaufhaltsam und unübersehbar, aber was sollte an seine Stelle treten? Konnte es reformiert werden, oder war eine Modernisierung des Landes ausschließlich auf dem Weg des revolutionären Umsturzes möglich?

Als Zeichen für das Ende der Mandschu-Herrschaft zwangen republikanische Soldaten die Einheimischen kurz nach der Revolution ihren Zopf abzuschneiden.

Niedergang, Zerfall und Kriege: In der Abdankungsurkunde des letzten Kaisers Puyi ist festgehalten: "Yuan Shikai, der vor einiger Zeit zum Präsidenten der Nationalversammlung in Beijing gewählt worden ist, hat nun die Möglichkeit, den Norden und Süden zu einigen, er möge darum alle Vollmachten erhalten, dies zu tun und eine provisorische Regierung zu bilden. Dies geschah im Einverständnis mit den Vertretern der Volksarmee, damit der Frieden gewahrt bliebe und die fünf Rassen der Chinesen, Mandschu, Mongolen, Mohammedanern und Tibetanern einen einzigen großen Staat mit dem Namen Republik China bilden."

Yuan Shikai

Der General Yuan Shikai als Taoist um 1910 in Changte in der Provinz Hunan. Yuan war Kommandant der Beiyang - Armee und mächtigster General der Qing-Armee. Nach seiner Entlassung durch die Qing im Jahr 1908 gab er sich als traditioneller Einsiedler, um auf diese Weise seinen stummen Protest zu demonstrieren. die Darstellung eines Mannes in einem Bastumhang, der beim Fischen meditiert, war seit alters her ein beliebtes Motiv auf chinesischen Gemälden.

Die Dynastie war gestürzt, aber keine stabile neue politische Ordnung trat an ihre Stelle, so daß sich der Wunsch nach Frieden nicht erfüllte. Der Norden des Landes blutete unter den Raubzügen und Kriegen der sogenannten Warlords (feudale Militärmachthaber), die das entstandene Machtvakuum zum eigenen Vorteil brutal ausnutzten. Sun Yatsen gründete nach dem Tode Yuan Shikais 1916 im südchinesischen Kanton (Guangzhou) eine Republik, von wo aus er die feudalen Militärmachthaber im Norden bekämpfte.

In den Jahren des Ersten Weltkrieges wuchs in China eine neue linke Intellektuellenbewegung heran. Am 4. Mai 1919 manifestierte sich diese junge politische Kraft in einer großen Studentenbewegung, die unter der Bevölkerung viel Sympathie genoß. Anlaß dieser in China unter dem Namen Vierte-Mai-Bewegung bekannten Protestbewegung war der Versailler Friedensvertrag., in dem die ehemals deutschen Gebiete in Shandong nicht, wie von China gefordert, zurückgegeben, sondern Japan zugesprochen wurden. Die Wut über diese Demütigung der chinesischen Nation war bei den patriotisch gesinnten Intellektuellen groß. Es folgten Aufrufe und Aktionen zum Boykott japanischer Waren und Handelshäuser, in vielen Städten kam es auch zu Generalstreiks. Die unmittelbaren Erfolge dieser Bewegung waren bescheiden: Die Warlords im Norden konnten nicht gestürzt werden, die westlichen Mächte ließen sich wenig beeindrucken, aber dennoch gilt die Vierte-Mai-Bewegung bis heute als erste große nationale Bewegung Chinas und als einer der entscheidenden Wendepunkte in der modernen chinesischen Geschichte.

Eine neue politische Kraft - die Kommunisten: Im Juli 1921 wurde in Shanghai von nur dreizehn Delegierten, die lediglich 50 Mitglieder vertraten, die Kommunistische Partei Chinas gegründet. Unter den kühnen Gründungsmitgliedern befand sich auch der junge Mao Zedong. In der ersten Hälfte der zwanziger Jahre wuchs und stabilisierte sich die KP Chinas überraschend schnell. Nach europäischem Vorbild versuchte sie zunächst, bei der städtischen Arbeiterschaft Streiks zu organisieren, meist jedoch erfolglos. Die Guomindang (Nationale Volkspartei) unter Führung von Dr. Sun Yatsen, enttäuscht von der mangelnden westlichen Unterstützung, wandte sich unter dem Eindruck der russischen Revolution ebenfalls  mehr und mehr der jungen Sowjetunion zu. Es kam zu einem offiziellen Bündnis zwischen der Guomindang und der KP Chinas, und in Whampoa bei Kanton wurde eine gemeinsame Militärakademie unter der Leitung Tschiang Kaischeks gegründet, dessen Stellvertreter der kommunistische Parteiführer Zhou Enlai war. In einem gemeinsamen Nordfeldzug kämpfte die südliche Republik gegen die nördlichen, lokalen Militärmachthaber. Dem Oberkommandierenden der Nationalen Volksarmee, Tschiang Kaischek gelang es, China bis zum Februar 1928 zum großen Teil unter seine Kontrolle zu bringen.

Guomindang Soldat

Ein Guomindang Soldat posiert in seiner neuen Uniform mit dem weißen Stern der Republikaner auf der Mütze. Seinen Uniformkragen hält er mit einer Sicherheitsnadel zusammen. Trotz der schäbigen Erscheinung ihrer Truppen konnten die Guomindang dank ihrer Organisation und ihres Kampfgeistes die Qing-Armee besiegen.

Wichtigste Gegner waren aber die Kommunisten, mit denen er gegen Ende des Nordfeldzuges gebrochen hatte und deren Bekämpfung große Beträge aus der Staatskasse verschlang.

Maos Langer Marsch: Die Kommunisten wichen den zahllosen Vernichtungsfeldzügen der Guomindang aus und zogen sich in das südostchinesische Jinggangshan Gebirge zurück, wo Mao Zedong dann Ende der zwanziger Jahre eine neue Strategie für die Revolution entwickelte. Anstelle der bisher unter dem Einfluß sowjetischer Berater der Kommunistischen Internationale (Komintern) praktizierten Konzentration auf die Städte und das Industrieproletariat, entdeckte Mao die Bauern als die wichtigste Kraft für eine Revolution in China. Gleichzeitig entwickelte er eine Guerillastrategie und -taktik. Wichtigster politischer Programmpunkt wurde eine Landreform, die bei den verarmten Bauern natürlich auf Zustimmung und Unterstützung stieß.

Mao Zedong

Ein vom Marsch erschöpfter Führer der Kommunisten

In insgesamt fünf Feldzügen versuchte Tschiang Kaischek zwischen 1931 und 1935, die Kommunisten zu vernichten. Um den ständigen Angriffen zu entgehen, verließen diese ihre Stützpunktgebiete in Südchina und begannen den legendären Langen Marsch, der sie durch insgesamt elf Provinzen des Riesenreiches führte. 12 000 Kilometer wurden zurückgelegt: von 130 000 Teilnehmern zu Beginn des Marsches überlebte nur ein Zehntel, und dennoch war das Ansehen der KP Chinas durch diesen Marsch beträchtlich gewachsen. Mao konnte sich 1935 während dieses Marsches als Führer der chinesichen Kommunisten durchsetzen und blieb es bis zu seinem Tode im Jahre 1976.

Die Invasion der Japaner: Bereits 1931 hatte Japan Teile Nordostchinas annektiert und dort mit dem letzten, abgedankten Mandschu-Kaiser Puyi an der Spitze einen Marionettenstaat (Mandschuguo) gegründet. Doch die Japaner beabsichtigten weitere Eroberungen in China. Tschiang Kaischek konnte angesichts dieser Bedrohung nicht alle seine Truppen gegen die Kommunisten zusammenziehen. Zudem mehrten sich kritische Stimmen innerhalb seiner eigenen Partei. Diese Oppositionellen wollten den Bürgerkrieg beenden und gemeinsam mit den Kommunisten Front gegen Japan machen: schließlich gelang es ihnen sogar, Tschiang Kaischek zu einem Bündnis mit den Kommunisten zu bewegen. Zwei Guomindang-Generäle hatten Tschiang 1937 in Xi'an festgesetzt und ihn zu Verhandlungen mit den Kommunisten gezwungen. Man vereinbarte in dem neuen Bündnis, beide Armeen unter einem gemeinsamen Oberkommando zu vereinigen, und die Kommunisten verzichteten darüber hinaus auf die Durchführung von Teilen ihres Programms. Alles sollte der Aufgabe des nationalen Widerstands untergeordnet werden.

Puyi und Muto Noboyushi

Auf Initiative Japans wurde Puyi 1932 Regierungschef in Manchukuo und 1934 sogar Kaiser. Er blieb vollständig unter japanischer Kontrolle. Auf dem Foto ist er 1936 mit dem japanischen Botschafter in Manchukuo, Muto Noboyushi (rechts), zu sehen. In seiner Autobiographie schrieb Puyi später, daß Noboyushi der "wahre Kaiser von Manchukuo" und "so mächtig wie ein Gott" gewesen sei.

Ein von den Japanern am 7. Juli 1937 inszenierter Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke bei Beijing führte zum Chinesisch-Japanischen Krieg. Noch im selben Jahr wurde Shanghai bombardiert und von den Japanern eingenommen. Tschiang Kaischek zog sich nach Chongqing in der Provinz Sichuan zurück. Während die Kommunisten von ihren Stützpunktgebieten im Norden aus einen Guerillakrieg gegen die Japaner führten, leisteten die Truppen von Tschiang Kaischek im Süden den japanischen Invasoren Widerstand. Guomindang und chinesische Kommunisten stoppten schließlich den japanischen Vormarsch, so daß die Amerikaner nach 1942 allmählich die militärische Überlegenheit über die Japaner gewinnen und damit eine Wende im Zweiten Weltkrieg herbeiführen konnten.

Das Massaker von Nangking im Dezember 1937 wird immer als eines der furchtbarsten Ereignisse in der Geschichte der Kriegführung in Erinnerung bleiben. Vergewaltigungen und sadistische Morde wurden von den japanischen Kriegsteilnehmern selbst als "Souvenirs" fotografisch dokumentiert. Auf dem Foto stehen japanische Soldaten mit den Händen in den Taschen herum oder schauen gelangweilt in eine andere Richtung, während ihre Kameraden chinesische Gefangene bei lebendigem Leib begraben.

Entscheidung im Bürgerkrieg: Nach der Kapitulation der Japaner im September 1945 klärten sich die Fronten: auf der einen Seite der von den Amerikanern unterstützte Tschiang Kaischek, auf der anderen Seite die Rote Armee und die Bauernguerilla. Die sowjetische Hilfe im Bürgerkrieg war gering. Aus heutiger Perspektive betrachtet, fiel der Kommunistischen Partei der Sieg im vierjährigen Bürgerkrieg fast in den Schoß, denn die Guomindang hatte die Unterstützung nahezu aller Klassen und Schichten Chinas verloren.

Kaischek und seine Frau

General Tschiang Kaischek und Frau in traditioneller chinesischer Kleidung, um 1936

In einigen Großoffensiven wurden zunächst Beijing und die anderen Städte im Norden von der Roten Armee besetzt, und in mehreren Feldzügen nach Südchina wurde die Guomindang schließlich bei der entscheidenden Schlacht am Yangzi-Fluß dermaßen geschwächt, daß sie sich mit ihren Resttruppen und annähernd zwei Millionen Flüchtlingen auf die Insel Taiwan zurückziehen mußte.

Gründung der Volksrepublik China: "China ist auferstanden!" Mit diesen Worten rief  Mao Zedong am 1. Oktober 1949 vom Tor des Himmlischen Friedens (Tiananmen) die Volksrepublik China aus. Den chinesischen Kommunisten war es gelungen, China zu vereinigen und unter eine zentrale Regierung zu stellen. China galt damals als der kranke Mann Asiens, die Bevölkerung hatte unvorstellbar gelitten. Dies belegen annähernd die folgenden Daten: Von zehn Kindern im Schulalter konnte schätzungsweise nur eines schreiben und lesen; vor 1949 lag die Sterbequote bei jährlich drei Prozent der Bevölkerung; die durchschnittliche Lebenserwartung betrug 36 Jahre; von 1 000 lebend geborenen Kindern starben 160 bis 170 im Säuglingsalter; für 500 Millionen Menschen standen nur 84 000 Krankenbetten zur Verfügung.

Zudem waren durch Krieg und Bürgerkrieg Wirtschaft und Infrastruktur schwer geschädigt. Es existierte keine nennenswerte moderne Industrie. Mit einem Bruttosozialprodukt von 50 US-Dollar war China eines der ärmsten Länder der Welt. Mit ausländischer Hilfe konnte kaum gerechnet werden. Die sozialistische Sowjetunion hatte mit ihren eigenen Problemen nach dem Zweiten Weltkrieg genug zu tun, und die Amerikaner betrachteten diesen neuen sozialistischen Staat mit Mißtrauen. Die chinesischen Kommunisten hatten ein schweres Erbe angetreten. Die Revolution war gewonnen, aber wie sollte das Land wiederaufgebaut werden?

Wiederaufbau des Landes: In den ersten Jahren der Volksrepublik China gelang es, die Kriegsschäden auszugleichen und so die Voraussetzungen für eine Industrialisierung und Modernisierung des Landes zu schaffen. Grundlage dafür war die von Mao Zedong entwickelte Politik der Neuen Domokratie. Damit war die Zusammenarbeit mit den patriotisch gesinnten, nationalen Unternehmen gemeint, welche vor 1949 nicht mit ausländischen Imperialisten kollaboriert hatten. Während diese zunächst ihre Fabriken behalten durften, wurden alle Betriebe, die sich im Besitz ausländischen Kapitals sowie der Kompradorenbourgeoisie befanden, verstaatlicht. Wichtigstes Ereignis dieser Zeit war aber die Landreform von 1952. Hundert Millionen von Bauern wurde Land zugeteilt, das den Großgrundbesitzern enteignet worden war. Hunderttausende reicher Grundbesitzer wurden vor sogenannte Volkstribunale gestellt und meist zum Tode verurteilt.

Einer der wichtigsten innenpolitischen Erfolge in diesen ersten Jahren war die feste Eingliederung der Gebiete, die seit dem Sturz der Qing-Dynastie 1911 nur noch punktuell oder gar nicht mehr mit dem chinesischen Reich verbunden waren. Dazu gehörten Tibet, Xinjiang,die Innere Mongolei und die südchinesische Provinz Yunnan. Die Sowjetunion zog ihre Truppen aus der Mandschurei ab und verzichtete auf Vorrechte in diesem Gebiet.

Mit Unterstützung der Sowjetunion und osteuropäischer Staaten führte die VR China den Ersten Fünfjahresplan (1953-1957) mit dem Schwerpunkt auf die Entwicklung der Schwerindustrie durch. Am Ende dieser Periode waren nahezu alle Betriebe verstaatlicht, während die Bauern nach einer kurzen Zeitspanne der Unabhängigkeit in Genossenschaften zusammengefaßt wurden. 1954 erklärte die Volksrepublik China die Übergangsperiode der Neuen Demokratie für beendet. In ihrer ersten Verfassung definierte sie sich als sozialistischer Staat vom Typn der Diktatur des Proletariats, angeführt von der KP China. Eine streng zentralistische Regierung wurde aufgebaut, und der Druck auf die innenpolitischen Gegner wuchs. Hauptopfer waren meist Intellektuelle. 1956 entstand innerhalb und außerhalb der Partei heftige Kritik an deren Politik, die sich an der stalinistischen Sowjetunion orientierte. Bereits 1957 erklärte die Parteiführung ihre Kritiker zu rechtsradikalen Bürgerlichen und beendete diese kurze Phase der Liberalisierung sehr schnell durch Internierung von Hundertausenden in Gefängnissen oder Arbeitslagern.

Der "Große Sprung": Ermutigt durch die gute wirtschaftliche Situation am Ende des ersten Fünfjahresplans propagierte Mao Zedong 1958 mit Unterstützung nahezu der gesamten Parteiführung einen "Großen Sprung nach vorn". In einem Zeitraum von nur wenigen Jahren wollte man wirtschaftlich fortgeschrittene Länder, wie zum Beispiel England in der Pro-Kopf-Produktion einholen. Wichtigstes Mittel für dieses Vorhaben sollten die Volkskommunen werden. Bis Ende 1958 waren praktisch alle Bauern in solchen großen Kollektiven zusammengefaßt, in denen sie ähnlich einer militärischen Organisation zahlreiche, meist unbezahlte Arbeitseinsätze leisten mußten. Die Bauern, die die Kommunisten bis 1949 wegen deren Versprechungen auf Landzuteilung unterstützt hatten, sahen sich nun von der KP Chinas getäuscht. Die Widerstände gegen diese Politik, bei der ihnen das letzte bißchen Privatland weggenommen worden war, nahmen zu. Der "Große Sprung" endete in einer Katastrophe, keines der angestrebten Ziele war erreicht worden. Durch gigantische Arbeitseinsätze fehlten der Landwirtschaft Arbeitskräfte. Gleichzeitig gerieten Arbeiter und Bauern an die Grenze ihrer physischen Leistungsfähigkeit. Viele Großprojekte wie zum Beispiel der Bau von Staudämmen waren völlig mangelhaft ausgeführt worden. Mißernten und Naturkatastrophen führten zu einer dramatischen Verschärfung der Situation, so daß eine Hungerkatastrophe ungefähr 20 Millionen Menschen das Leben kostete.

In den Siedlungsgebieten nationaler Minderheiten beinhaltete die Politik des "Großen Sprungs in den Kommunismus" den Versuch der zwangsweisen Abschaffung ihrer Sitten und Gebräuche. Die ohnehin latent vorhandenen, nationalen Konflikte entluden sich schnell in bewaffneten Aufständen. 1959 erhoben sich die Tibeter erfolglos gegen die Chinesen. Ihr Oberhaupt, der Dalai Lama, floh nach Indien und lebt seitdem dort im Exil.

1960 war es zwischen China und der Sowjetunion zum offenen Bruch gekommen. Beide Staaten bezichtigten sich gegenseitig des Verrats an den Idealen des Marxismus-Leninismus, die Sowjetunion hatte sich außerdem geweigert, den Chinesen die geforderte Atombombe zur Verfügung zu stellen. Im Jahr 1960 beendete die Sowjetunion zudem jegliche Wirtschaftshilfe und holte ihre Berater samt allen technischen Unterlagen zurück.

Die Innenpolitik in den auf das Desaster des "Großen Sprungs" folgenden Jahren zwischen 1961 und 1965 war von einer pragmatischeren Grundhaltung geprägt, für die Politiker wie Liu Shaoqi und Deng Xiaoping verantwortlich zeichneten. Zwar blieben die Volkskommunen als Institution erhalten, die überstürzten Kollektivierungsversuche aber wurden teilweise zurückgenommen. Privatinitiative wurde in begrenztem Rahmen wieder zugelassen. Die Wirtschaft begann, sich langsam von den schweren Rückschlägen der Jahre des "Großen Sprungs" zu erholen, bis im Jahre 1965 das Niveau von 1957 wieder erreicht war. Mao Zedong, dessen Image durch das Scheitern des "Großen Sprungs" schwer angeschlagen war, versuchte in jenen Jahren, seine politische Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. Seiner Meinung nach würde der pragmatische Kurs zum Kapitalismus führen und die Macht der KP Chinas untergraben. Insbesondere mit der Unterstützung des Verteidigungsministers Lin Biao, der sein Nachfolger werden sollte, steuerte er diesem Kurs entgegen.

In den Jahren seit 1958 hatte sich viel sozialer Sprengstoff angesammelt: Zwischen 1958 und 1961 war die städtische Bevölkerung um 20 Millionen angewachsen, die zu ernähren das Vermögen der chinesischen Landwirtschaft überstieg. Um Abhilfe zu schaffen, wurden Jugendliche in abgelegene, meist unterentwickelte Regionen zur Landarbeit verschickt.

Die Kulturrevolution:  1966 kulminierte die Unzufriedenheit der jungen Leute in massiven Protesten an den Hochschulen. Diese Proteste nutzte Mao Zedong geschickt zur Ausschaltung seiner innerparteilichen Widersacher aus. Die von ihm initiierte "Große Proletarische Kulturrevolution" und die von willfährigen Kadern entfachte Massenbewegung der Rotgardisten stürzten das Land in ein erneutes Chaos und brachten es an den Rand eines Bürgerkriegs. Politiker, Intellektuelle und Künstler, aber auch einfache Leute fielen dem rotgardistischen staatlichen Terror zum Opfer, darunter auch Maos Hauptwidersacher, Liu Shaoqi, der ihn 1959 im Amt des Staatspräsidenten abgelöst hatte.

Hundertausende kamen bei den "revolutionären Exzessen" ums Leben. Die Schulen waren jahrelang geschlossen, und das künstlerische Leben kam zum Erliegen. Während viele Gegner Maos entmachtet und verfolgt wurden, genoß er in einem weltweit beispiellosen Personenkult gottgleiche Verehrung.

Rotgardisten schwenken das Rote Buch mit Mao-Zitaten

1969 wurde Lin Biao, der maßgeblich den Personenkult um Mao mit aufgebaut hatte, designierter Nachfolger Maos, aber schon bald geriet auch er in Widerspruch zu dessen Politik. Nach einem gescheiterten Attentat stürzte Lin Biao bei einem Fluchtversuch - so die offizielle chinesische Version - 1971 mit einem Flugzeug über der Mongolischen Volksrepublik ab.

In den folgenden Jahren nahmen die Auseinandersetzungen zwischen den politisch gemäßigten und den radikalen Kräften an Schärfe zu. Eine Schlüsselrolle spielte dabei Ministerpräsident Zhou Enlai, der bei den Fraktionskämpfen schon immer eine Vermittlerrolle zwischen den beiden Seiten eingenommen hatte. Im Jahr 1973 holte er Deng Xiaoping als Vizepremier zurück, um durch einen pragmatischen Kurs die angeschlagene Volkswirtschaft vor allem das Bildungswesen des Landes wieder aufzubauen.

Zhou Enlai bemühte sich ebenfalls um die Überwindung der außenpolitischen Isolierung. Nachdem China 1971 Miglied in der UNO geworden war, stattete 1972 Präsident Nixon dem Land einen Besuch ab (Ping-Pong-Diplomatie). Die Bundesrepublik Deutschland nahm 1972 diplomatische Beziehungen zu China auf. Die Beziehungen mit der Sowjetunion hatten allerdings ihren absoluten Tiefpunkt erreicht: Im Jahre 1969 hatten am Ussuri sogar mehrere von Waffeneinsatz begleitete Grenzzwischenfälle stattgefunden.

In immer heftigeren Kampagnen versuchte die Fraktion um Maos Witwe Jiang Qing, die sogenannte Viererbande, der pragmatischen Politik Zhous und Dengs entgegenzusteuern und die Macht in der Partei zu übernehmen. Nach dem Tode Zhou Enlais im Januar 1976 kam es am Totengedenktag im April des gleichen Jahres zu spontanen Massenkundgebungen gegen die Viererbande und für Zhou Enlai und Deng Xiaoping. Am 9.September 1976 starb Mao Zedong. Einen Monat später wurden die führenden Kräfte der radikalen Gruppe verhaftet.

Neuanfang: Die Entmachtung der Radikalen schuf die Voraussetzungen für einen Kurswechsel, der allerdings erst ab 1978/79 mit dem erneuten Aufstieg Deng Xiaopings Gestalt annahm. Die Bilanz der Kulturrevolution ist verheerend. Zwar verfügte China Mitte der siebziger Jahre über eine eigene, vom Ausland unabhängige Industrie, aber das Land befand sich, bedingt durch die zahllosen politischen Auseinandersetzungen, in einer schweren Wirtschaftskrise. Das Ansehen der KP Chinas hatte den Tiefpunkt erreicht: Mitte der siebziger Jahre war der Lebensstandart der Bauern nicht höher als in den fünfziger Jahren, das gleiche gilt für die städtische Arbeiterschaft. Nach Schätzungen der Kommunistischen Partei Chinas waren Ende der siebziger Jahre zwischen 150 und 200 Millionen Chinesen vom Hunger bedroht. Örtlich kam es zu Revolten, selbst in Beijing demonstrierten Bauern: die Zahl der Bettler stieg sprunghaft an, und vor allem nahmen die Klagen über den Bürokratismus und die Willkürherrschaft der Parteikader zu. 1978 formierte sich in Beijing und anderen großen Städten Chinas die sogenannte "Demokratische Bewegung", die neben den offiziell propagierten Vier Modernisierungen eine fünfte Moderniesierung verlangte: die Demokratisierung. Obwohl die Bewegung von der KP Chnas verboten worden war und einige ihrer Führer ins Gefängnis kamen, so wurde dennoch ein grundlegender Wechsel in der Innen- und Außenpolitik eingeleitet. 1978 wurde die Kollektivierung der Landwirtschaft rückgängig gemacht, die Bauern durften das Land wieder privat nutzen, freie Märkte waren wieder zugelassen. Leichtindustrie und Dienstleistungssektor wurden wieder stärker gefördert. Die ökonomischen Maßnahmen wurden von einer vorsichtigen Liberalisierung begleitet, Religionsfreiheit wieder gewährt. Literatur und Kunst bekamen mehr Spielraum als zuvor. Viele der während der Kulturrevolution zu Unrecht Verfolgten wurden rehabilitiert.

Ideologisch ist die KP Chinas seitdem bemüht, die Kulturrevolution und deren Einflüsse durch ein System von wirtschaftlichen und politischen Reformen, die die Realität des Landes berücksichtigen sollen und langfristig auf ein Mischsystem von staatlicher und Marktwirtschaft abzielen, zu überwinden. Private Betriebe sind in China wieder zugelassen. Gleichzeitig soll ein sozialistisches Rechtssystem aufgebaut werden. 1982 trat eine neue Verfassung in Kraft. Auch wenn darin nach wie vor die KP als die führende Kraft der chinesischen Nation definiert ist, so soll langfristig auch sie an die Verfassungsgesetze gebunden sein. Wichtiger Bestandteil dieses Modernisierungskurses, der Chinas wirtschaftliche Leistungsfähigkeit bis zum Jahre 2000 vervierfachen soll, ist die außenpolitische Öffnung.

APA Guides China, 1990, RV-Verlag

Fotos aus dem Fotoband "Das Jahrhundert Chinas", Bertelsmann