Biografie
1926
1.Juni Geburt in Los Angeles
13.Juni Unterbringung bei der Pflegefamilie Bolender
1933
Herbst Mutter Gladys Baker nimmt Norma Jeane zu sich
1934
Februar Gladys Baker wird in eine Anstalt eingewiesen
1935
1.Juni Grace McKee Goddard wird ihr Vormund
13.September Norma Jeane kommt ins Waisenhaus
1937
26.Juni Goddard holt sie aus dem Waisenhaus
1938
November Umzug zu Tante Ana Lower
1942
19.Juni Heirat mit James Dougherty
1944
April Norma Jeane findet Arbeit in der Radio Plane Munitions Factory
1946
26. April Erster Titel einer überregionalen Zeitschrift, bei Family Circle
26. Juni Fotografiert von David Conover für das Magazin Yank
19. Juli Erste Probeaufnahme für Twentieth Century-Fox
23. Juli Erster sechsmonatiger Filmvertrag, verlängert im Januar
29. Juli Zum ersten Mal in einer Klatschkolumne erwähnt (v.H.Hopper)
2. August Bewerbung bei der Blue Book Modeling Agency
13. September Scheidung von James Dougherty
1947
25. August Fox-Vertrag nicht verlängert
1948
Februar Bekanntschaft mit Filmboss Joseph M. Schenck
9. März Verlag mit Columbia Pictures
8. September Von Columbia fallen gelassen
31. Dezember Lernt den Agenten Johnny Hyde kennen, der sie fördert
1949
27. Mai Kalender-Aktfotos, fotografiert von Tom Kelley
24. Juli Erstes Interview mit Earl Wilson
15. August Drehbeginn A Ticket to Tomahawk
Oktober MGM-Vertrag
1950
5. Januar Drehbeginn The Fireball
April Rolle in All about Eve
18. Dezember Tod von Johnny Hyde
1951
29. März Überreicht einen Oscar bei der Academy Awards Verleihung
18. April Drehbeginn Love Nest
11. Mai Fox-Vertrag über sieben Jahre
8. September Langer Artikel in Collier's
1952
März Erstes Rendevouz mit Joe DiMaggio
13. März Nacktfotogeschichte wird bekannt
7. April Life-Titel, Foto von Philippe Halsman
1. Juni Erfährt an ihrem Geburtstag, dass sie in Gentlemen prefer Blondes spielen soll
31. August Radio-Live-Debüt
2. September Grand Marshal bei Miss America
1953
21. Januar Niagara Drehbeginn
9. März Photoplay Preis
26. Juni Abdrücke mit Jane Russell vor Grauman's Chinese Theater
13. September Erster Fernsehauftritt, in der Jack Benny Show
4. November Premiere How to marry a Millionare
15. Dezember Kommt nicht zum ersten Drehtag von Girl in Pink Tights
1954
4. Januar Von Fox suspendiert
14. Januar Heirat mit Joe DiMaggio
2. Februar Fans erwarten das Paar auf Flitterwochen in Tokio
16. Februar Beginn der Tournee bei den Truppen in Korea
15. September Szene mit dem hochwirbelnden Kleid für The Seven Year Itch
5. Oktober Trennung von Joe DiMaggio
27. Oktober Erste Scheidungsverhandlung
5. November Joe and Frank Sinatra brechen die falsche Tür auf, Wrong Door Raid
6. November Agent Charles Feldman gibt für Marilyn eine Party bei Romanoff's
1955
7. Januar Bekanntgabe der Gründung der Marilyn Monroe Productions
15. Januar Fox suspendiert Marilyn erneut
Februar Aufnahme des Unterrichts bei Lee Strasberg
31. März Ritt auf einem rosa Elefanten für einen guten Zweck im Madison Square-Garden
8. April Live-Interview mit Edward R. Murrow
1. Juni Premiere The Seven Year Itch
21. Oktober Scheidung von Joe DiMaggio
1956
4. Januar Bekanntgabe der Aussöhnung von Fox und Marilyn
9. Februar Pressekonferenz mit Laurence Olivier zu ihrem gemeinsamen Projekt The Prince and the Showgirl
17. Februar Spielt im Actors Studio eine Szene aus Anna Christie
25. Februar Rückkehr nach Hollywood nach einjähriger Abwesenheit
3. Mai Drehbeginn Bus Stop
29. Juni Standesamtliche Heirat mit Arthur Miller
1. Juli Jüdische Trauungsszeremonie
14. Juli Ankunft in London zum Drehbeginn von The Prince and the Showgirl
August Fehlgeburt
29. Oktober Vorstellung bei der Königin von England, Elizabeth II
20. November Rückkehr in die USA
18. Dezember Radiosendung aus dem Waldorf-Astoria Hotel
1957
13. Juni Premiere The Prince and the Showgirl
1. August Abbruch einer Bauchhöhlenschwangerschaft
1958
4. August Drehbeginn Some like it hot
6. November Ende der Dreharbeiten von Some like it hot
17. Dezember Neuerliche Fehlgeburt
1959
29. März Premiere Some like it hot
13. Mai Erhält den höchsten italienischen Filmpreis, den David Di Donatello
1960
8. März Erhält den Golden Globe Award als Beste Schauspielerin in einer Komödie für Some like it hot
Juni Beginn der täglichen Sitzungen bei dem Psychoanalytiker Dr. Greenson
18. Juli Drehbeginn The Misfits
26. August Fliegt nach einem Nervenzusammenbruch während der Dreharbeiten nach Los Angeles
11. November Ankündigung der bevorstehenden Scheidung von Arthur Miller
16. November Clark Gable stirbt an einem Herzinfarkt
1961
20. Januar Scheidung von Arthur Miller in Mexiko
31. Januar Premiere The Misfits
7. Februar Aufnahme in die Psychiatrische Klinik des New York Hospital
11. Februar Joe DiMaggio veranlasst Verlegung ins Columbia Presbyterian Hospital
5. März Entlassung aus dem Columbia Presbyterian Hospital
Oktober Treffen mit Robert Kennedy in Peter Lawfords Strandhaus
19. November Zu Gast in Peter Lawfords Strandhaus mit Präsident John F. Kennedy
1962
Februar Umzug in ihr neu erworbenes Haus in Brentwood in Los Angeles
1. Februar Ehrendinner für Robert Kennedy
5. März Golden Globe als Beliebteste Filmschauspielerin der Welt
24. März Marilyn und JFK verbringen ein gemeinsames Wochenende in Palm Springs
23. April Drehbeginn Something's got to give
19. Mai Auftritt mit "Happy Birthday" für Präsident Kennedy in Madison Square Garden
28. Mai Nacktszene am Pool für Something's got to give
1. Juni Letzter Arbeitstag bei Fox und letzter öffentlicher Auftritt
7. Juni Fox entlässt Marilyn wegen Vertragsbruchs
23. Juni Bert Stern beginnt mit der ersten von drei Foto-Sessions für Vogue, "The Last Sitting"
28. Juni Wiederaufnahme der Verhandlungen mit Fox über Weiterarbeit an Something's got to give
29. Juni George Barris fotografiert Marilyn drei Tage lang für Cosmopolitan
4. Juli Beginn ihres letzten Interviews, mit Richard Meryman
12. Juli Treffen mit den Fox-Chefs
20. Juli Aufnahme ins Cedars of Lebanon Hospital wegen Endometriose - oder, wie Verschwörungstheorien besagen, zur Abtreibung
28. Juli Wochenende im Cal-Neva Lodge
1. August Neuer Fox-Vertrag mit verdoppelter Gage und Vereinbarung zur Weiterarbeit an Something's got to give
3. August Letzer Life-Titel
4. August Marilyns letzter Lebenstag. Sechsstündige Sitzung mit Dr. Ralph Greenson
5. August Die Polizei wird zu Marilyns Haus gerufen, eine Obduktion wird vorgenommen
8. August Beerdigung auf dem Westwood Memorial Park Cemetery
Quelle "Marilyn Monroe Enzyklopädie" Könemann Verlag 2000
Die strahlende Göttin mit der nächtlichen Seele
Ein Mann fährt mit seiner Frau aufs Land. Der Gärtner hat in ihrer Abwesenheit den Rasen gemäht. Die abgeschnittenen Blüten der Kapuzinerkresse liegen auf der Wiese. Da schreit die Frau, schreit und schreit, als wäre sie verwundet, springt aus dem Auto, sammelt die Blumen auf und steckt sie in die Erde, damit sie sich wieder erholen.
Diese Geschichte ist die Wahrheit über Marilyn Monroe. Über die Frau, deren Gesicht zur Ikone wurde, deren Körper zum Fetisch wurde.
Marilyn Monroe liebte und haßte diesen Körper, dieses Gesicht. Nackt ging sie durch den Garten, nackt spazierte sie im Haus von Freunden umher, streichelte ihre Brüste und ließ sie hüpfen. Nackt hatte sie sich schon in kindlichen Phatasien erlebt: in der Kirche, gestand sie, habe sie gezittert vor Verlangen, sich auszuziehen oder in einem Reifrock ohne Unterwäsche über die Leute hinwegzuschreiten.
Daß sie aber nur als Körper, als vollendetes Stück Fleisch gesehen wurde, das kränkte sie mehr als alles andere. "Hirn heiratet Körper", war die Devise der Presse, als sie den Dramatiker Arthur Miller ehelichte.
Dabei entfernte sie sich immer mehr von diesem himmlischen Leib. "Sie müssen Ihren Körper benutzen wie ein Instrument", hatte ein Schauspieler ihr gesagt. Marilyn spielte dieses Instrument virtuoser als jede andere. Nur so konnte aus einer gedrungenen Frau mit großem Hintern, kurzen und, wie selbst die größten Verehrer beteuerten, unschönen Beinen die am meisten begehrte Frau der Welt werden.
Doch alle Virtuosität hätte nicht genügt, um Marilyn zur Göttin zu machen. Was Marilyn Monroe leuchten ließ, war ein Feuer, das sie zugleich versengte. Für den Fotografen Cecil Beaton war sie "So spektakulär wie der silbrige Funkenregen eines Vulkanausbruchs". Aber Marilyn wußte: Auch diese Funken werden zu Asche. Das Feuer in Marilyn überstrahlte die nacht in ihr. Sie sprühte Leben aus Todessehnsucht. Sie strahlte, um ihre dunkle Seele zu beleuchten. Es war wahrhaftig ihr Lebenslicht. Und das drohte dauernd zu erlöschen im Regen der Zweifel.
Auf einer Party, vier Jahre vor ihrem Ende, sah ihr Freund Norman Rosten sie auf einer Fensterbank sitzen, ein Glas in der Hand. "Von hier nach unten, das geht ganz schnell. Wen interessiert das schon, wenn ich mich runterstürze?"
Ihm schreibt sie in demselben Jahr einen Brief - auf der Schreibmaschine -, auf der sie oben eine ertrinkende Strichfrau gekritzelt hat, die nach Hilfe schreit. "Wir nähern uns dem Kap ohne Hoffnung", schreibt sie darin. Und als PS: "Liebe mich um meiner gelben Haare willen. Ich hätte dies mit der Hand geschrieben, aber sie zittert."
Sie hat aus dem Abgrund in sich nie ein Geheimnis gemacht, sie hat ihre selbstzerstörerischen Neigungen weder vor sich selber noch vor anderen verborgen. Über ihren Filmpartner Montgomery Clift sagt sie; "Er ist der einzige Mensch, den ich kenne, der in schlimmerer Verfassung ist als ich." Und dem Presseagenten Rupert Allen erzählte sie, sie habe bereits auf dem Fensterbrett gestanden in ihrem Appartement im 13. Stock, um zu springen, als unten eine Frau im braunen Tweedkostüm verbeiging und ihr klar wurde, daß sie sich umbringen würde mit ihrem Sprung. Aber die Frau blieb einfach stehen. Nach zehn Minuten wurde es Marilyn kalt, und sie legte sich wieder ins Bett.
Marilyn hielt nur eines am Leben: der Wille, andere von ihrer Lebenslust zu überzeugen. Und sich selber auch. Und es hielt sie nur eines zusammen: der Wille, ihr inneres und äußeres Chaos zu beherrschen. Daß es in ihr aussah wie in ihrer Wohnung oder ihrem Kofferraum, das wußten die Freunde alle: ein heilloses Durcheinander von Kleidern, Schmuck, Schminke, Büchern und Lockenwicklern.
Die Göttin Marilyn Monroe kam mit dem Alltag nie zurecht. Je mehr sie sich bemühte, desto weniger. Denn ihre Energien brauchte sie für etwas anderes. Etwas Überlebenswichtiges. Geboren im Sternzeichen des Zwillings, wurde sie von einem Journalisten darauf angesprochen.
"Was sind Zwillinge für Menschen?"
"Jeckyll und Hyde. Zwei in einem."
"Und das sind Sie?"
"Mehr als zwei. In mir stecken eine Menge Leute. Manchmal erschrecken sie mich. Ich wünschte, ich wäre ich selbst. Früher dachte ich, ich wäre verrückt, bis ich entdeckte, daß einige Menschen, die ich bewunderte, genauso waren." Sie war ein Vamp und eine Jungfrau, sie war das Sexsymbol, das in jedem Soldatenspind, jeder Lastwagenkabine, in jedem Männerkopf hing, und war ein kleines Mädchen.
"Sie war", sagte der Kostümdesigner Billy Travilla, "eine Frau und ein kleines Kind zugleich, Männer und Frauen vergötterten sie. Als Mann konnte man sich nicht entscheiden, ob man sie auf den Schoß nehmen und tätscheln oder in die Arme nehmen und auf die Matratze schleppen sollte." Sein Verständnis für sie war weich, aber seine Diagnose war hart; "Sie hatte eine gespaltene Persönlichkeit."
Ob sie die von ihrer Mutter Gladys Baker geerbt hat, die in einer psychiatrischen Klinik starb und bei der die Diagnose Schizophrenie einwandfrei war, oder ob sie als Kind dazu geworden war, welches bei zehn verschiedenen Pflegeeltern aufwuchs, ist nicht zu klären. Daß sie aber schon früh diese Gespaltenheit spürte, ist sicher.
Der Teenager, der noch Norma Jeane Baker hieß, zog die Jungen an wie der Honig die Bienen. Und der Teenager konnte sich bereits perfekt inszenieren, schminken und präsentieren in atemberaubend engen Pullovern und Jeans. "In Wahrheit", sagte Marilyn aber, "war ich ja mit all meinem Lippenstift, meiner Wimperntusche und meinen frühreifen Kurven so kalt und unempfänglich für das wie ein Fossil."
Ihr Körper war damals schon für sie ein Mittel zum Zweck, eine herrliche Architektur, in der sie sich nie zu Hause fühlte. Das erklärt auch, warum sie ihr Leben lang immer wieder in völliger Verwahrlosung versumpfte.
Der Friseur George Masters sah sie kurz nach ihrer Gallenblasenoperation. Sie "trug einen zerrissenen Frotee-Bademantel. Sie sagte, sie ernährte sich von Kaviar, Champagner und hartgekochten Eiern. Sie schaffte es, zwei Wochen lang total verschlampt herumzulaufen. Manchmal roch sie und kämmte sich die Haare zwei Wochen lang nicht."
Und gleichzeitig ist sie die strahlende Erscheinung, die vor den in Korea stationierten Soldaten auftritt wie eine Jeanne d'Arc. Dort holte sie sich Brennmaterial für das Feuer: Bestätigung pur. Schließlich hatte auch Venus, die Göttin, der Marilyn so ähnlich war, den Schiedsrichter Paris bestochen mit der Versprechung ihm die schönste Frau der Welt zu beschaffen, um zur schönsten Göttin gekürt zu werden. "Als ich vor den johlenden Soldaten stand, hatte ich zum ersten Mal vor nichts Angst", erklärte Marilyn, und meinte später, dieser Auftritt sei "vielleicht das Schönste" gewesen, "was ich überhaupt erlebt habe". Ein Augenblick der Angstlosigkeit - das war für sie das Kostbarste. Sie zeigte ihren Körper her, um ihre Seele zu retten.
Marilyn war exhibitionistisch und unschuldig, gerissen und rührend naiv. Sie beherrschte jede Menge Tricks, mit denen sie imponieren und betören wollte, aber sie verführte gerade deswegen, weil diese Tricks durchschaubar waren. So wie Venus, die Göttin der Schönheit, der Liebe und der Fruchtbarkeit, trotz aller Betrügereien und Lügen angebetet wurde. Zeigt das doch, daß die Göttliche schwach werden kann, daß die Verführerin verführbar ist.
Tischgespräche bereitete Marilyn vor, denn nichts war ihr wichtiger, als intellektuell etwas zu gelten. Robert Kennedy, der sich wunderte, wie genau sie informiert war über politische Themen, sah, wie sie auf einen Notizzettel in der Handtasche spickte. Einen Liebesbrief an Joe DiMaggio schrieb sie einfach ab aus dem Werk eines romantischen englischen Dichters.
Als der Kostümdesigner Billy Travilla ihr für die Rollschuhszene in Liebling, ich werde jünger einen weitgeschnittenen Rock verpaßte, sah er, "wie sie nach hinten griff und sich sorgfältig ein paar Rockfalten zwischen die Pobacken klemmte". "Hab ich dich reingelegt, Billy, stimmt's?" sagte sie hinterher. "Du und dein großer blöder Rock."
Als sie hörte, daß Jean Harlow sich erigierte Brustwarzen besorgt hatte, indem sie diese mit Eiswasser einrieb, probierte sie das auch. Aber es funktionierte nicht. Da ließ sie in ihren BH an den richtigen Stellen zwei kleine Knöpe einnähen.
Keine Frau beherrschte es besser, zufällig Träger rutschen oder auch einmal reißen zu lassen, um die göttlichen Brüste zu zeigen. Böse konnte ihr deswegen keiner sein, denn trotz dieser Tricks waren ihre Gefühle echt. Wenn sie sich bei Billy Travilla wie Kolleginnen auch beschweren kam, hatte Marilyn "immer ein Tränchen, eine echte Träne im Auge, und ihre Lippen zitterten".
Der Sohn ihres Psychiaters, der gegen alle Berufseinsicht Marilyn sein privates Haus öffnete, erwartete "ein reiches Miststück aus Hollywood" und liebte sie dann, weil sie "überhaupt nicht affektiert und künstlich" war, weil sie "echte Wärme ausstrahlte".
Sie verschenkte ihre Liebe und Zuneigung aus der Sehnsucht heraus, dafür geliebt zu werden. Das größte Sexsymbol des Planeten begehrte nicht sexuell, sondern seelische Liebe. Und das war von Anfang an so gewesen. Jim Dougherty, der Techniker, den sie mit 16 geheiratet hatte, erklärte unumwunden: " Sie bekam nie einen Höhepunkt, obwohl sie sich große Mühe gab."
Nicos Minardos, ein 20jähriger griechischer Jungschauspieler, mit dem Marilyn 1952 ein Verhältnis hatte (das sie später wieder aufwärmte), offenbarte, Marilyn sei immer schön gewesen, "wenn sie morgens ohne Make-up aufwachte - wundervoll. Sie war gescheit, vielleicht eher gewitzt als hochintelligent, und so ein sensibles Kind. Und doch war sie mies im Bett."
Toni Curtis sagte, Marilyn zu küssen sein, "wie wenn man Hitler küßt". Und Tommy Noonan verkündete nach einem Bühnenkuß mit Marilyn: "Es war, als würde man von einem Staubsauger aufgesogen."
Marilyns Psychiater Ralph Greenson sagte nach ihrem Tod zu einem Kollegen, seiner Patientin sei es "schwergefallen, mit ein und demselben Individuum eine Reihe von Orgasmen zu erleben". Und Marilyns Freundin und Nachbarin am Doheny Drive, Jeanne Carmen, verriet, nach Marilyns eigenen Angaben habe ihr Sex nichts bedeutet. "Sie hatte nie einen Orgasmus, sie tat immer nur so. Sie war furchtbar unsicher."
Sex beglückte sie nicht, er bestätigte sie. Denn so absurd es klingt: Marilyn zweifelte an dem, was sie in den Augen aller im Übermaß besaß - an ihrer Fraulichkeit. Nach der Hochzeit mit Arthur Miller erklärte sie Journalisten: "Die Ehe bewirkt, daß ich mich fraulicher fühle, daß ich stolzer bin als früher." Was sie aber noch dringender brauchte als Bestätigung, wonach sie gierte, um die Todessehnsucht in sich zu überwinden, um ihr zerbrechliches Ich zu kitten, um das Feuer in sich am Lodern zu halten, war Vertrauen.
"Liebe ist Vertrauen." Ein Jahr bevor sie Arthur Miller heiratete, offenbarte sie das. Denn die Angst, nichts wert zu sein und verlassen zu werden, trieb sie um. Ihre Freundin Jeanne Carmen sagte: "Für sie stand fest, daß sie sogar ihre besten Freunde verlöre, wenn sie je alt, häßlich und aus dem Rennen wäre." Sie selbst sah keinen Widerspruch darin, daß sie jeden ihrer Ehemänner sexuell betrog und dennoch deren unverbrüchliches Vertrauen wollte. Denn Sex hatte für das Sexsymbol mit Liebe nicht viel zu tun. Ihr Glück mit Arthur Miller, bekannte Marilyn, sei daran zerbrochen, daß er ihr nicht mehr vertraut habe: also von dem Augenblick, als sie einen Notizzettel fand, auf den er geschrieben hatte, er habe Marilyn für einen Engel gehalten, aber sie sei wie seine erste Frau - eine Hure.
Sie fühlte sich unschuldig, und sie wirkte auch so.
Simone Signoret, die Frau von Yves Montand, der Marilyn den Mann ausspannte, sagte, Marilyn sehe aus wie "das schönste Bauernmädel von der Ile-de-France, das man sich vorstellen kann, von dem Typ, der seit Jahrhunderten gefeiert wird".
Und letztlich waren auch ihre Träume vom Glück die eines Bauernmädchens: rein und klar und einfach. Mutter wollte sie werden, unter allen Umständen.
Venus war bekanntlich auch die Göttin der Fruchtbarkeit. Als Marilyn zu einer Blinddarmoperation in den OP geschoben wurde, fand die Schwester unter dem Kittel einen Zettel, den sie sich mit Klebestreifen auf den Bauch geklebt hatte, einen Brief an den Chirurgen.
"... daß ich eine Frau bin, ist wichtig und bedeutet mir viel. Retten Sie bitte (kann ich Sie gar nicht genug bitten), was Sie können - ich bin in Ihren Händen. Sie haben Kinder, und Sie müssen wissen, was das bedeutet."
Begeistert übernahm sie die Rolle als Stiefmutter von Jane und Robert, Millers Kinder aus erster Ehe. Eine wichtige Konferenz in Hollywood verließ sie kommentarlos und erklärte nachher, sie habe "die Kinder zur Schule bringen müssen". In dem Zimmer, in dem sie starb, wurde ein Seitentrakt angebaut, den Marilyn "das Kinderzimmer" nannte. Aber sie mußte den Wunsch begraben nach zwei, vielleicht auch drei schlimmen Fehlgeburten.
Tiere wurden für sie der Kinderersatz. In New York zahlte sei zwei Jungs, die Tauben gefangen hatten, 50 Cent Lösegeld, damit sie die Vögel wieder freiließen. Und das tagelang. Sie küßte ihre Hunde hemmungslos ab, ungestraft durften sie ihre Notdurft auf Marilyns weißen Teppichen verrichten. Sie warf sogar Fische, die Fischer aussortiert hatten, ins Meer zurück. Und sagte dann glücklich: "Manche von ihnen leben jetzt weiter, bis ins hohe Alter... und sehen ihre Kinder groß werden." Von einem Kind hätte sie sich den Beweis ihrer Fraulichkeit erhofft, allen anderen Beweisen mißtraute sie.
Nach Blondinen bevorzugt bekam Marilyn Monroe 5000 Fanbriefe pro Woche. Und zugleich Depressionen und schwere Selbstzweifel.
Sie, die körperlich Frühreife, wurde nie erwachsen. Ewige Jugend haben die Götter. Und das ist nicht nur ein Geschenk, es ist auch eine Strafe.
Wegen ihrer Kindlichkeit wurde Marilyn alles verziehen. "Sie hatte so etwas Kindliches an sich", sagte Billy Travilla, "daß sie sich alles leisten konnte, und man konnte ihr nicht böse sein."
Während der Dreharbeiten zu Machen wir's in Liebe machte Marilyn einfach einen Tag blau. Yves Montand tobte. Miller rief schließlich an und sagte, Marilyn habe mit ihm telefoniert, sie sollten zu ihr gehen. "Plötzlich lag ein weinendes Mädchen in meinen Armen, das immerzu sagte: 'Ich bin schlecht, ich bin schlecht, ich bin schlecht. Ich werd's nie wieder tun, das verspreche ich.'" Ihr wurde vergeben.
Sie wollte ein Kind sein und suchte ein Leben lang den Vater, den sie nicht hatte. Daddy sagte sie zu fast allen ihren Männern und Liebhabern. Sie rief Arthur Miller "Pa", er nannte sie "Penny Dreadful" - Groscheroman. Schmachtend schwor sie in einem ihrer berühmtesten Songs: "My heart belongs to Daddy." Ihr Wunschvater war Clark Gable. Er klebte auf der ersten Seite ihres Photoalbums. Die Mutter hatte Marilyn in der Kindheit ein Photo gezeigt, auf dem angeblich ihr Vater zu sehen war: ein gutaussehender Mann mit schmalem Schnurrbärtchen. Und von da an stellte sie sich den lieben Gott und ihren Vater vor wie Clark Gable.
Nach den Dreharbeiten zu Misfits starb er, und Marilyn warf sich vor, daran schuld zu sein, weil sie ihn schlecht behandelt habe. "Wollte ich dadurch meinen Vater bestrafen, ihm all die Jahre heimzahlen, die er mich hat warten lassen?" quälte sie sich.
Marilyns Magie wuchs aus dem Glauben an Magie. Und der wurde, bis über ihren Tod hinaus, immer wieder bestätigt. In Marilyns Wohnung stand ein weißer Flügel, auf dem sie To a Wild Rose klimperte oder Für Elise. Durch einen Zufall war der kostbarste Besitz ihrer Kindheit aus Kalifornien zu ihr zurückgekehrt. Die Mutter hatte ihn dereinst leicht lädiert auf einer Auktion erstanden. Als sie völlig bankrott war, hatte sie ihn verkaufen müssen.
Auch ihr zweiter Mann, das ehemalige Basketballidol Joe DiMaggio, war kurz vor ihrem Ende wieder in ihr Leben getreten, hatte sie aus der psychiatrischen Klinik befreit, sich so zum Helden gemacht, als Daddy bewährt. Sie wollte ihn nochmals heiraten.
Marilyns Bannkreis war unentrinnbar, kaum einer ihrer vielen Liebhaber konnte sich ganz daraus entfernen, fast alle umkreisten sie ihr Leben lang und darüber hinaus.
Der Polizist, der das Appartement der Toten zu durchsuchen hatte, war ihr erster Ehemann Jim Dougherty.
Magische Zirkelschläge. Und symbolische. Der Tag, an dem die nackte Leiche Marilyns gefunden wurde, eine Überdosis Schlafmittel im Leib, war der fünfte Jahrestag ihrer ersten Fehlgeburt. Marilyn wurde zu einem überirdischen Wesen, weil sie so irdisch war.
"An diese Umlaufbahn", sagte Billy Wilder, "reicht keine ran. Verglichen mit ihr, sitzen wir alle noch auf der Erde."
Daß sie bei allen Zweifeln an ihre Zauberkräfte glaubte, gab ihr das Leuchten des göttlichen Stars.
Marilyn hat daran geglaubt, die abgemähten Blumen würden wieder wachsen.
"Göttinnen des Jahrhunderts" von Eva Gesine Baur, Ullstein Verlag 2001