Die Ming-Zeit

"Es gibt keine größere Lust", soll Dschingis Khan einmal gesagt haben, "als seinen Feind zu verfolgen und zu unterwerfen, seine Habe wegzunehmen, seine Familien von Tränen überströmt zu sehen, auf seinen Pferden zu reiten und seine Weiber zu schänden." Alle männlichen Kinder jeder Mongolenstämme, die von Dschingis Khan geeinigt wurden, erlernten schon von klein auf das Kriegshandwerk. Im Alter von drei Jahren wurden sie auf dem Pferderücken festgebunden, bis sie selbst reiten konnten; mit fünf lernten sie, mit dem Pfeil und Bogen ihrer Väter umzugehen, mit vierzehn traten sie in die Armee ein und blieben dort, bis sie im Kampf getötet wurden oder das Alter von sechzig erreichten und sich zur Ruhe setzen durften. Alle nichtmilitärischen Arbeiten wurden von Sklaven, Kriegsgefangenen oder Frauen ausgeführt. Was das Kunstgewerbe, die Kochkunst oder die Literatur betraf, so hätte sich kein Krieger von Dschingis Khan dazu herabgelassen, sich mit solch weibischen Dingen zu befassen.

Dschingis Khan

Der rücksichtslose, aber militärisch geniale Dschingis Khan begann mit der Eroberung Chinas, zerstörte die Stadt Chorezm im westlichen Innerasien und schickte Expeditionstruppen nach Rußland. Seine Nachfolger gründeten das größte Reich aller Zeiten, das sich von Korea bis Ungarn erstreckte.

Die so heranwachsenden Reiterheere waren die stärksten und unbarmherzigsten, die die Welt je gesehen hatte. Wenn die Mongolen eine Stadt angriffen, trieben sie gefangene Bauern in Scharen vor ihren Reihen her, damit diese den Pfeilhagel des Feindes abfingen. Sie metzelten die Bewohner einer jeden Stadt nieder, die sich ihnen widersetzte; sei es als Warnung für andere Städte oder um sich den Rücken von Partisanen freizuhalten.

Trotz ihrer extremen Rohheit waren die Mongolen äußerst diszipliniert und organisiert. Das mongolische Reiterheer, das über Asien hinweg bis nach Europa fegte, kämpfte nicht nur mit bloßer Übermacht, wie der Begriff "Mongolenhorde" vermuten läßt. Vielmehr unterteilte Dschingis Khan sein riesiges Heer in Einheiten, die den Divisionen, Kompanien und Zügen moderner Streitkräfte entsprachen. Auf dem Schlachtfeld kämpften diese Einheiten mit äußerster Präzision. Sie stimmten ihre Kampfhandlungen durch ein Signalsystem ab und eroberten mit ihrer Kampftaktik riesige Gebiete: von Korea bis Polen und Ungarn, von Moskau bis Bagdad und den östlichen Küsten des Mittelmeers. Dschingis Khan und seine Nachfolger regierten dieses Reich durch eine strenge Gesetzgebung, die Dschingis Khan selbst entwarf. Diese Gesetze betrafen alle menschlichen Aktivitäten. Über ihre Einhaltung wachten mongolische Häuptlinge und sogar Fremde, die man in die eroberten Länder gebracht hatte. Die jeweiligen Landesbewohner erhielten nur untergeordnete Positionen, eine Karriere im Beamtendienst blieb ihnen versagt.

Als Dschingis Khan 1218 bereits einen großen Teil Nordchinas erobert hatte, berief er einen noblen Kitan Aristokraten an seinen Hof in der Mongolei, nämlich Yelü Chucai, den er in mongolische Dienste aufzunehmen gedachte. Dschingis Khan hatte zuvor von seinen Ratgebern gehört, daß die Chinesen zu nichts nütze seien. "Es wäre das beste" behaupteten sie, "alle zu töten und das Land in eine einzige Weide für unsere Tiere zu verwandeln."

Doch Yelü Chucai war anderer Meinung. "Nachdem Ihr alles unter dem Himmel und innerhalb der vier Meere erobert habt", sagte er zu dem Khan, "könnt Ihr haben, was Ihr wollt, wenn Ihr's nur richtig plant. Ihr könnt Steuern erheben für Landbesitz und Handel, aber auch mit Wein, Salz, Eisen und den Erzeugnissen der Berge und Sümpfe läßt sich Profit erzielen. Auf diese Weise gewinnt Ihr in einem einzigen Jahr 500 000 Unzen Silber, 80 000 Ballen Seide und 400 000 Getreidesäcke. Wie kann man nur behaupten, daß die Chinesen Euch nichts nützen!" Dieses Argument überzeugte Dschingis Kahn, und so kolonialisierte er China, statt es zu verwüsten. Die Mongolen gerieten mit der Zeit so sehr unter den Einfluß chinesischer Ideen und Wertvorstellungen, daß ein neuer Prozeß der Assimilierung einsetzte. Wieder einmal verschmolz eine fremde Rasse und fremdes Brauchtum mit der aufstrebenden Kultur Chinas. Die chinesische Einstellung zur Geschichte als "Veränderung innerhalb der Tradition" wurde erneut bestätigt. Unter dem segensreichen Einfluß von Yelü Chucai - unterdessen offizieller Schreiber und Sekretär sowie Astrologe und Astronom - gestand Dschingis Khans Nachfolger Ügedai den Chinesen in ihren Angelegenheiten mehr und mehr Eigenständigkeit zu. Mit der Zeit war es ihnen sogar wieder möglich, eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen. Eine Generation später beschloß Dschingis Khans Enkel Kublai Khan, die mongolische Hauptstadt von Karakorum, weit im Norden, jenseits der  Großen Mauer, nach Zhongdu zu verlegen. Dieser Stadt, dem späteren Peking, gab er den Namen Dadu. Er ließ eine Stadt von enormen Ausmaßen erbauen und ummauern, die unter seinen Nachfolgern zu einem der Wunder Ostasiens wurde.

Kublai Khan

Schon zu Kublai Khans Zeiten war Dadu für fremde Völker ein Ort voller Geheimnisse. Durch die endlosen Weiten des Mongolenreiches führten Poststraßen zu der Stadt, die von Dschingis Khan begonnen und von seinen Nachfolgern verbessert und ausgebaut worden waren. An diesen Straßen gab es in regelmäßigen Abständen Karawansereien. Läufer, Reiter und - im Norden - Hundegespanne beförderten Nachrichten und Waren. Die Läufer, die die Etappen von je 4,8 Kilometer in einer guten Viertelstunde bewältigten, hatten an ihren Gürteln Glöckchen und trugen bei Nacht brennende Fackeln. Handelskarawanen und Reisegesellschaften ritten auf diesen Poststraßen zum Reich des Großen Khans. Mongolische Reiter patrouillierten auf den Straßen, die daher so sicher waren, daß ein zeitgenössischer Chronist mit Stolz schrieb: "Eine Jungfrau, die einen Klumpen Gold auf dem Kopf trägt, könnte gefahrlos durch das mongolische Reich wandern."

1260 ließ Kublai Khan die Gründung einer neuen Dynastie verkünden, die später Yüan (Anfang) hieß. Kublai Khan war ein strenger Herrscher, der großen Pomp entfaltete. Auf dem Weg von Dadu zu seinem Sommerpalast geleitete ihn ein gewaltiger Zug von Elefanten. Der Große Khan thronte in einer prächtigen Sänfte, die außen mit Löwenfellen bedeckt und innen mit goldgewirkten Tüchern ausgeschlagen war. Wann immer der prächtige Zug anhielt, errichteten Diener in großer Eile Hunderte von einfachen Zelten sowie das Luxuszelt des Khans, das mit Hermelin und Zobelpelz ausgeschlagen war und von würzig duftenden Holzpfeilern getragen wurde.

Doch Kublai Khan war kein Sybarit. Er organisierte selbst bis ins Detail mehrere ehrgeizige Militärkampagnen, eroberte Yunnan, fiel in Burma ein und brannte dessen Hauptstadt nieder. Eine Strafexpedition fuhr auf seinen Befehl nach Java, um die Kränkung eines mongolischen Botschafters zu rächen. Außerdem sandte er eine gewaltige Armada gegen Japan, die jedoch vom "göttlichen Sturm", dem "kamikaze" zerstört wurde. (Diese Bezeichnung ist mit den selbstmörderischen Helden eines viel späteren Krieges eng verknüpft.) Doch Kublai Khan war nicht nur ein rächender Kriegsherr, sondern auch ein weiser und verständnisvoller Herrscher. Er gestattete christlichen Missionaren, in seinen Städten zu predigen, und förderte den immer besser florierenden Handel mit dem Ausland. Diverse chinesische Erfindungen wie das Schießpulver, die Druckkunst, das Kartenspiel und verschiedene Textilien gelangten nach Europa. Umgekehrt lernte China neue Techniken der Bronze-, Keramik-, Glas- und Emailleherstellung kennen sowie bisher unbekannte Nahrungsmittel und Weine.

Aber schon fünfzehn Jahre nach dem Tod des großen Kublai Khan, im Jahre 1294, begann das mongolische Reich zu zerfallen. Korrupte Verwaltung und überhöhte Besteuerung führten zu Bauernaufständen, die von den mongolischen Garnisonen - inzwischen keine harten, disziplinierten Steppenkrieger mehr - nicht niedergeschlagen werden konnten. Bei einer dieser Revolten kam ein pockennarbiger, bemerkenswert häßlicher Mann bäuerlicher Herkunft nach oben. 1368 gründet er die Ming-Dynastie, nach dem Beispiel jenes Bauernführers, der gegen Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. die Han-Dynastie installiert hatte.

Dieser Bauer des 14. Jahrhunderts, Zhu Yuanzhang, entstammte einer armen Familie aus der Provinz Anhui. Er war der jüngste von vier Söhnen und der einzig Überlebende, nachdem ein Heuschreckenschwarm in das nach einer Dürreperiode übrig gebliebene Getreide eingefallen war. Er trat als Novize in ein buddhistisches Kloster ein, fühlte aber keine Berufung zu diesem Leben und wanderte drei Jahre lang als Bettler umher, bis ihn der Hunger wieder zum Kloster zurücktrieb. Kurz darauf machte ein Haufen Rebellen die Gegend unsicher, und der neunzehnjährige Zhu Yuanzhang riß aus dem Kloster aus, um sich ihnen anzuschließen. Der Anführer der Aufständischen war beeindruckt von der offensichtlichen Charakterstärke dieses häßlichen jungen Mannes, nahm ihn in seine Truppe auf und gab ihm eine hübsche Waise zur Frau. Wenige Jahre später, als Anführer der Rebellen, nahm Zhu die Stadt Dadu ein und vertrieb den letzten mongolischen Kaiser, der seine Tage hauptsächlich mit der Herstellung von Uhren verbracht hatte.

Chronisten der Ming-Dynastie mußten deren Gründer glorifizieren, ihn als göttlichen Retter darstellen und seinen Werdegang mit Wundern und Legenden ausschmücken.

Er wurde der "Große Ahne, der himmelöffnende, wegbereitende, Dynastie gründende, auf dem Gipfel stehende, hochwürdige, heiligste, gütige, gebildete, gerechte, kriegerische, edle, vortreffliche und erfolgreiche Hohe Herrscher". Zhu Yuanzhang, der den Kaisernamen Hongwu annahm, war bestrebt, seine einfache Herkunft zu verbergen. "Ich gedenke, wie die Tang und die Song zu regieren", erklärte er.

Kaiser Hongwu

Tatsächlich einte er das Reich, wie es die Tang und die Song getan hatten, und eroberte verlorene Gebiete zurück. Er ließ die vernachlässigten Staatsprüfungen für den Beamtendienst wiederaufleben und richtete ein staatliches Schulsystem ein. Die Prüfungskanditaten mußten tagelang in kleinen separaten Zellen sitzen, um zuerst das Vorexamen in der Präfekturstadt abzulegen, dann das zweite Examen in der Provinzhauptstadt und das dritte Examen schließlich in der Hauptstadt des Reiches. Die Schüler verwendeten die gleichen Bücher, die von Song-Gelehrten zu Studienzwecken ausgearbeitet worden waren, verfaßte Aufsätze in den vorgeschriebenen acht Fächern und kommentierte Zitate der Klassiker. Erfolgreiche Kanditaten gehörten wie in der Vergangenheit zu einer privilegierten Elite, die von Steuern und Arbeitsdienst befreit waren.

Obwohl Hongwu oft davon sprach, die mongolischen Institutionen auszumerzen und diese durch entsprechende der Tang und der Song zu ersetzen, behielt er viele mongolische Einrichtungen bei, darunter auch die starre Einteilung der Familien und Berufe, die gewährleistete, daß ein Bergarbeiter ein Bergarbeiter blieb und sein Sohn ein Bergarbeiter wurde. Hongwu führte aber auch neue Praktiken wie die körperliche Züchtigung von Regierungsbeamten ein, die sich irgendeines Vergehens schuldig gemacht hatten. Früher waren solche Männer dazu gebracht worden, Selbstmord zu begehen, sie waren jedoch nie öffentlich gedemütigt worden. Nun wurden sie so brutal ausgepeitscht, daß mehrere daran starben, und bei Beamten war es Brauch, sich gegenseitig zu gratulieren, wenn man unversehrt aus der Hauptstadt nach Hause zurückkehrte.

Hongwu herrschte viel unumschränkter als seine Song-Vorgänger. dies gilt auch für seine Nachfolger. Weniger paranoid als der Gründer der Dynastie, förderten sie zunehmend die Kontakte mit der Außenwelt. Von 1405 bis 1433 wurde eine Reihe außergewöhnlicher See-Expeditionen in weit entfernte, auf Karten noch nicht verzeichnete Meere unternommen: in den Indischen Ozean und den Persischen Golf, in den Süden von Borneo und möglicherweise sogar nach Australien (1879 fand man in der Nähe von Darwin, im Stamm eines Affenbrotbaumes, eine kleine Statue aus der Ming-Zeit). Vermutlich haben die chinesischen Seefahrer die Südküste von Afrika schon zweihundert Jahre früher als die vom Westen her kommenden Europäer umsegelt. Einerseits wollten sie Handel treiben, andererseits waren sie auf der Suche nach neuen Kenntnissen. Ihre Schiffe waren weit eindrucksvoller und größer als alle, die in westlichen Gewässern segelten.

Ungefähr sechzig Jahre bevor der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama 1497 das Kap der Guten Hoffnung umschiffte und Asien dem europäischen Handel und der Kolonialisierung öffnete, setzten politischer Widerstand und die hohen Kosten den Erkundungsfahrten ein Ende. Im frühen 16. Jahrhundert gründeten die Portugiesen in kurzer Zeit eine Kette von Handelsplätzen entlang den afrikanischen und asiatischen Meeresküsten und gelangten bis nach China, wo sich 1555 portugiesische Händler in Macao niederließen. Als die Europäer ein Vermögen damit verdienten, chinesische Waren in andere asiatische Länder zu transportieren, verboten die Ming-Kaiser den Bau seetüchtiger Schiffe, untersagten ihren Kaufleuten, die Grenzen Chinas zu überschreiten, und wandten sich vom Ausland ab.

Viele Künstler erlebten in der Ming-Zeit eine neue Blüte. Decken und Teppiche wurden gewebt und geknüpft, die alles Bisherige übertrafen. Auch die Architektur begann sich zu entfalten: Ming-Architekten errichteten Wundervolle Brücken, Tempel, Villen, Reliquienschreine und Pagoden, die man noch heute überall in China bewundern kann. Vor Pekings Toren wurden prächtige Grabmäler erbaut - sie beherbergen dreizehn Ming-Kaiser - samt einer Prachtstraße, die von majestätischen Elefanten, Kamelen und mythischen Tieren aus Stein flankiert wird. Auch die Malerei erlebte unter der Ming-Herrschaft eine neue schöpferische Zeit. Die Zahl der aus dieser Zeit stammenden, sehr lebendigen und originellen Bilder ist sehr groß. In erster Linie aber ist die Ming-Epoche heute für ihre Keramik berühmt. Die meisten dieser prachtvoll glasierten farbigen Porzellangefäße wurden in Jingdezhen hergestellt, einer Stadt in Jiangxi, in der Nähe des Berges Gaoling, von dem das Kaolin seinen Namen hat. Auf diesem Berg wurde jene feine weiße Tonerde gefunden, die für die Herstellung von Porzellan ideal ist. Jingdezhen, im Jahr 1369 wiederaufgebaut, wurde zum Zentrum der Porzellanmanufaktur und blieb es bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

Prachtstraße zu den Ming-Gräbern

Vase aus der Ming-Zeit

Ein Großteil des schönsten Ming Porzellans war für die frühere mongolische Metropole Dadu bestimmt, die vom Kaiser Yongluo neu erbaut worden war und den Namen Peking erhielt, was Nördliche Hauptstadt bedeutet. Bei der Anlage der Stadt folgt Peking dem traditionellen Song-Muster, und auch das Konzept von "Städten innerhalb der Stadt" wurde übernommen. Peking wurde in einem Zeitraum von mindestens zehn Jahren von einer Million Arbeitern errichtet, und zwar auf einem rechteckige eingeteilten Grundriß. Die Kaiserliche Stadt, umgeben von den Mauern und Gebäuden der äußeren Stadt, barg die Paläste und Residenzen des Kaiserhofs. Dieser innere Kern, genannt die Verbotene Stadt , war durch eine mit Zinnen bewehrte Mauer geschützt und hatte an allen vier Seiten Tore - die Tore der Östlichen und Westlichen Herrlichkeit, das nördliche Tor der Göttlichen Militärischen Begabung und das südliche Mittagstor.

Von einer Terrasse oberhalb des Mittagstors inspizierte der Kaiser die Palastwache. Durch dieses Tor schritten Beamte, Offiziere und Vasallen auf dem Weg zu Staatsempfängen, wobei sie Eingänge benutzten, die ihrem Rang entsprachen. Nachdem diese Würdenträger hindurchgegangen waren, traten zwei Reihen von Elefanten, die das Tor flankierten, aufeinander zu und verschlangen ihre Rüssel, um den Weg zu versperren. Auf der anderen Seite des Mittagstors bildete ein gewundener Kanal, genannt der Goldwasserfluß, einen dekorativen Burggraben, den fünf Brücken überspannten. Hinter diesem Graben führte ein weiteres Tor in einen prachtvollen, zweihundert Meter breiten Hof, der die Besucher mit Ehrfurcht erfüllen sollte, während sie sich der Halle der Höchsten Harmonie näherten.

Dieses Gebäude - es ist der älteste existierende Holzbau Chinas - enthielt den Drachenthron, auf dem der Kaiser bei sehr feierlichen Anlässen präsidierte. In einer Nebenthronhalle - die Halle der Erhaltung der Harmonie - entrichtete Abordnungen aus Korea, Japan, Tibet, Annam (Vietnam), Siam und vielen anderen Ländern den Ming-Kaisern ihren Tribut, was gleichbedeutend war mit der Anerkennung der politischen und kulturellen Vorherrschaft Chinas über ganz Ostasien. Zweimal pro Jahr veranlaßten religiöse Pflichten den Kaiser, die Verbotene Stadt zu verlassen und sich in den Bezirk des Himmelstempels im südlichen Teil Pekings zu begeben. In zwei Tempeln, die zu den Meisterwerken chinesischer Architektur zählen, verrichtete der Kaiser Gebete und bot Opfergaben dar.

Der Drachenthron in der Verbotenen Stadt

Die absolute Abgeschiedenheit und der Luxus des Lebens in der Verbotenen Stadt hatten zur Folge, daß die späteren Ming-Kaiser das Interesse an den Staatsgeschäften verloren. Den meisten von ihnen fehlte zum Regieren die Begabung oder Lust, und so überließen sie politische Entscheidungen intriganten Höflingen und Eunuchen. Kaiser Wanli empfing während seiner fünfundzwanzigjährigen Regierungszeit nicht einen einzigen Beamten, sondern pflegte den Kontakt mit ihnen nur über Eunuchen. Hongwu hatte nur hundert Eunuchen an seinem Hof geduldet, doch Wanli hielt sich in den verschiedenen Kaiserpalästen über 100 000 - eine verhängnisvolle Schattenregierung. Die offizielle Bürokratie mißtraute diesem unnatürlichen Einfluß auf die kaiserliche Politik und lehnte die finanziellen Belastungen ab, die dem Staat von den Eunuchen auferlegt wurden.

Von derartigen Mißständen am Hof wußten die Millionen chinesischer Untertanen kaum etwas. Die Grundbesitzer beherrschten ihr Leben. Typisch für die damaligen Verhältnisse war das Landgut einer gewissen Madame Gong, der Tante eines einflußreichen Beamten. Bei Tagesanbruch erstatteten ihre hundert Sklaven Bericht. Diejenigen, die sie für faul hielt, ließ sie auspeitschen, während sie den Fleißigen einen Becher Wein reichte. Fu Yiling, ein moderner Historiker, schreibt darüber: "Jeder, den Madame Gong einstellte, erwies sich folglich als tüchtig. Auf ihren Wiesen weidete das Vieh zu Hunderten, in ihren Flüssen gediehen Fische und Schildkröten, und ihre Gärtner züchteten Obst, Senfpflanzen und Gemüse auf zehn Morgen Land."

Einige Landbesitzer sicherten sich die Loyalität ihrer Sklaven dadurch, daß sie mit ihnen auf die Felder gingen, um die zermürbende Arbeit des Pflügens und Säens zu überwachen, doch viele behandelten ihre Bauern mit Grausamkeit oder Verachtung. In einigen Fällen erhoben sich die Bauern. Falls sie nicht wieder unterjocht oder von anderen Landbesitzern beansprucht wurden, schlossen sie sich häufig jenen Rebellenbanden an, die in der späteren Ming-Zeit ganz China unsicher machten. Einer der mächtigsten Anführer dieser Rebellen war ein desertierter Soldat namens Li Zicheng, wieder einer dieser talentierten und ehrgeizigen Bauern, die seit Laozis Zeiten bis zu Mao Zedong immer wieder aufgetaucht sind, um den Lauf der Geschichte zu verändern.

1643 eroberte Li Zicheng mit einem gewaltigen Heer Sian und marschierte nach Peking. Zwei Drittel der 150 000 Soldaten, die die Stadt beschützen sollten, waren geflohen oder desertiert, um sich den Aufständischen anzuschließen. Der für das Südtor verantwortliche Eunuch beging Verrat und öffnete den Aufrührern. Lis Anhänger stürmten bereits die Stadt, als der letzte Ming-Kaiser aus dem Palast zu einem Pavillon auf dem Meishan-Hügel flüchtete. Während schon die Flammen die Verbotene Stadt umschlossen, schrieb er mit seinem Blut eine letzte Botschaft: "Meine Tugend war gering, weshalb mir der Himmel zürnt - Rebellen haben meine Hauptstadt erobert." Dann erhängte er sich.

Die Rebellen unter Li Zicheng

Aber Li Zichengs Macht war nicht von Dauer. An der Nordgrenze verteidigte ein Ming-General die Große Mauer gegen barbarische Eindringlinge: die Mandschu. Li Zicheng forderte diesen General auf, sich ihm anzuschließen. Doch der General hielt die Mandschus für weniger gefährlich als die Bauernrebellen seines eigenen Landes. So ließ er die Mandschu über die Große Mauer eindringen, verbündete sich mit ihnen gegen Li Zicheng und trug damit zur Etablierung einer neuen fremden Dynastie bei.

"Die Kaiser von China" CV-Verlag, 1982