Lao-tse

Der Name Lao-tse bedeutet "der alte Meister" und meint eine geheimnisvolle und historisch umstrittenePersönlichkeit. Er soll der Überlieferung nach zwischen 604 und 517 v.Chr. gelebt haben und im Dorfe Chu Jen (Provinz Hu) geboren worden sein. Sein wirklicher Name soll Li Erh Tan gewesen sein, und er soll zeitweilig Reichsarchivar beim König von Chou in der damaligen Hauptstadt Lo-yang gewesen sein. Moderne Forscher bezweifeln, ob er wirklich zu dieser Zeit gelebt hat und sein Name Lao-tse nicht eher der Beiname eines Philosophen aus dem 4.Jahrhundert v.Chr. gewesen ist. Seine Schrift das Tao-te-king, ist aber bereits für das 3.Jahrhundert v.Chr. bezeugt.

Eine große Anzahl von Legenden rankt sich um sein Leben und seine Persönlichkeit, so auch die bekannteste, daß er am Ende seines Lebens auf einem schwarzen Ochsen reitend China gen Westen verlassen wollte und von einem Grenzposten aufgefordert wurde, vorher seine Gedanken niederzuschreiben, woraus das Tao-te-king entstanden sein.

                                                          entnommen aus "Weltreligionen" Könemann Verlag

Eine Legende

Laotse ist eigentlich älter als Himmel und Erde. Er ist der gelbe Alte, der mit den anderen vieren die Welt geschaffen. Zu verschiedenen Zeiten aber hat er sich  auf der Erde unter verschiedenen Namen gezeigt. Seine berühmteste Menschwerdung jedoch ist die als "altes Kind" (Laotse) mit dem Namen Pflaume (Li). Das ging aber so zu: Seine Mutter empfing ihn auf übernatürliche Weise und trug ihn 72 Jahre lang. Als er geboren wurde, kam er aus der linken Achselhöhle seiner Mutter hervor. Er hatte gleich von Anfang an weiße Haare, darum nannte man ihn altes Kind. Auch konnte er schon sprechen. Da er keinen menschlichen Vater hatte, deutete er auf den Pflaumenbaum, unter dem er zur Welt gekommen war, und sprach: "Dies soll mein Name sein!"

Er erlangte große Zauberkünste, durch die er sein Leben verlängerte. Einst dingte er einen Knecht zu seinem Dienst. Mit dem ward er eins, daß er ihm täglich hundert Kupferstücke geben wollte; doch bezahlte er ihn nicht aus und war ihm schließlich sieben Millionen zweihunderttausend Kupferstücke schuldig. Da bestieg er einen schwarzen Stier und ritt nach Westen. Er wollte seinen Knecht mitnehmen. Als sie aber an den Han-Gu Paß kamen, da weigerte sich der Knecht und verlangte seine Bezahlung. Doch Laotse gab ihm nichts. Als sie sich dem Hause des Paßwächter nahten, da zeigten sich am Himmel rote Wolken. Der Paßwärter verstand das Zeichen und wußte, daß ein Heiliger nahe. So ging er ihm entgegen und nahm ihn in seinem Hause auf. Er fragte ihn nach geheimer Weisheit. Laotse aber streckte die Zunge weit heraus und sagte nichts. Dennoch beherbergte ihn der Paßwächter aufs ehrerbietigste in seiner Wohnung. Laotses Knecht erzählte dem Diener des Paßwächters, daß sein Herr ihm noch viel Geld schuldig sei, und bat, ein gutes Wort für ihn einzulegen. Als der Diener von der großen Summe hörte, da lockte es ihn, so einen reichen Mann zum Schwiegersohn zu haben, und er gab ihm seine Tochter zur Frau. Schließlich hörte der Paßwächter von der Sache und  trat mit dem Knecht zusammen vor Laotse. Da sprach Laotse zu seinem Knecht: "Du Schalksknecht! Du wärst eigentlich schon lange tot. Ich habe dich gedingt, und da ich arm war und dir kein Geld geben konnte, hab ich dir einen Zauber des Lebens zu essen gegeben. Darum bist du noch heute am Leben. Ich sagte dir: "Wenn du mir nachfolgst nach Westen ins Reich der seligen Ruhe, dann will ich dir deinen Lohn in gelbem Golde zahlen. Du aber hast nicht gewollt." Damit klopfte er dem Knecht auf den Nacken. Da öffnete der den Mund und spie den Zauber des Lebens auf die Erde. Noch sah man darauf die Zeichen mit Zinnober geschrieben, wohlerhalten, wie neu. Der Knecht aber brach plötzlich zusammen und verwandelte sich in einen Haufen trockenen Gebeins. Der Paßwächter warf sich zur Erde und legte Fürbitte für ihn ein. Er versprach, für Laotse den Knecht zu bezahlen, und bat, er sollte ihn wieder lebendig machen. Da tat Laotse den Zauber unter die Knochen, und augenblicklich war der Knecht zum Leben erweckt. Der Paßwächter entlohnte den Knecht und ließ ihn gehen. Dann verehrte er den Laotse als seinen Meister, und Laotse teilte ihm die Kunst des ewigen Lebens mit und hinterließ ihm seine Lehre in fünftausend Worten, die der Paßwächter  niederschrieb. Das Buch, das so entstand, ist das Buch "Vom Sinn und Leben". Laotse verschwand darauf den Blicken der Menschen. Der Paßwächter aber hat seine Lehre befolgt und wurde unter die Unsterblichen versetzt.

                                                                    aus "Chinesische Märchen" Bertelsmann Club

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