Die Grabstätte des Qin Shi-huangdi
Ein ganz normaler Frühlingstag im März 1974. Noch etwas verschlafen geht im Norden Chinas eine Gruppe Bauern über die Lößebene, die zu ihrer Volkskommune gehört. Nichts deutet darauf hin, daß diese Männer, die mit geschulterten Spaten und Hacken durch den Morgennebel schreiten, für eine Weltsensation sorgen werden. Die Bauern wollen eigentlich nur einen Brunnen bohren. doch daraus wird nichts. Kaum setzen sie die Schaufel an, stoßen sie auf Balkenreste und Ziegelbrocken. Verwundert schauen sie sich an. Hier hat seit Menschengedenken keine Stadt, nicht einmal ein Dorf gelegen. Vorsichtig graben sie weiter. Plötzlich platzt eine Erdscholle von der Grubenwand. Ein Bauer schreit erschrocken auf. Fast will ihm das Herz stehen bleiben. Mit kaltem Blick starrt ihn eine Gestalt an, wie er noch nie zuvor eine gesehen hat. Für einen Moment ist seine marxistisch - atheistische Erziehung vergessen. Er glaubt, vor einem Fürsten der Unterwelt zu stehen.
Doch schnell hat er sich wieder gefangen. Es ist kein Geist, es ist eine große lebensechte Statue. Allerdings eine Figur, wie er keine zuvor gesehen hat, auch nicht im Provinzmuseum, das er schon einmal besucht hat.
Nach wenigen Tagen bereits ahnten die herbeigerufenen Archäologen, daß hier Jahre der Arbeit auf sie warten. Daß sie allerdings auch 1986 noch mit dieser Entdeckung beschäftigt sein würden, daß es sich um einen Jahrhundertfund handelt, hätte damals keiner vorhergesagt. Auch wenn heute, zwölf Jahre danach, noch immer nicht alle Statuen konserviert und wissenschaftlich ausgewertet sind, so ist allein das, was wir bisher wissen, so unglaublich, daß sich kaum jemand der Faszination entziehen kann. Was die Kommunebauern gefunden haben, waren nicht etwa einfach ein paar Statuen, sondern eine mit echten Waffen ausgerüstete Geisterarmee. Eine Armee von mehr als 7000 Mann, aus Ton modelliert. Jeder Krieger lebensgroß und mit ganz individuellen Zügen versehen. Die Hauptstreitmacht bildet die Infanterie, angeführt von vierspännigen Streitwagen. Ganz in der Nähe fanden die Archäologen eine Kavallerieabteilung. Jedem Tonkrieger hatte man sein Streitroß, ebenfalls aus Ton, beigegeben. Den absoluten Höhepunkt aber bildet die Truppe der Streitwagenfahrer, sozusagen die Panzertruppe der Antike. 89 echte Streitwagen, versehen mit je vier Tonpferden und mit ihrer Besatzung, hatte man vor fast zweieinhalb Jahrtausenden hier vergraben. In einer separaten Grube fand sich der Kopf dieser Geisterarmee, der Generalstab. Ausnahmslos besonders sorgfältig modellierte Offiziere.
Was diese tönerne Armee, die seit zweitausend Jahren hier in klassischer Schlachtordnung verharrt, bewachen sollte, war den Archäologen sofort klar. Etwa anderthalb Kilometer im Westen der Fundstelle erhebt sich ein Erdhügel, von dem man wußte, daß er einmal die Grabpyramide des ersten chinesischen Kaisers war. Sein Name: Qin Shi-huangdi.
Nach dem Fund der Geisterarmee hätte so manche finanziell gut ausgestattete westliche Universität gern sämtliche Grabungskosten übernommen, nur um ihre Archäologen mit dem Spaten an diesen Hügel schicken zu dürfen. Doch das wollten die Chinesen verständlicherweise lieber selbst machen. Allerdings wird es noch einige Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, bis die Chinesen damit fertig sind.
So lange wollten wir bei P.M. nicht warten. In einer Art theoretischer Ausgrabung wollen wir einen Blick in das bisher nicht ausgegrabene Kaisergrab werfen.
Wie wir das machen? Da gibt es einmal in klassischen chinesischen Werken Hinweise über die wunderbare Ausstattung dieses Grabes. Wenn wir darüber hinaus auf Vermutungen angewiesen sind, so stehen diese nicht im Widerspruch zu den schriftlichen Quellen und archäologischen Fakten.
Doch bevor wir in das Grab hinabsteigen wollen wir den ersten Kaiser Qin Shi-huangdi näher beleuchten.
Als er 259 v. Chr. zur Welt kam, hatten seine Vorfahren, die Fürsten von Qin, bereits aus einem kleinen, unbedeutenden Fürstentum im Norden der chinesischen Kernlande ein gut organisiertes Staatswesen gemacht, das ständig Eroberungsfeldzüge gegen seine Nachbarn unternahm. Mit nur 13 Jahren bestieg der spätere Kaiser als Fürst Zheng von Qin den Thron.
Die Kriege gingen unter ihm weiter, anfänglich noch unter Führung seines Kanzlers. Der älteste Historiker Chinas, Sima Qian, berichtet von einem solchen Feldzug: "Doch am Paß trafen sie auf die Qin-Armee, die unbeeindruckt gegen sie vorrückte. Ohne Widerstand zu leisten, begannen die Angreifer zu fliehen, und Qin errang einen entscheidenden Sieg, und sie verfolgten und vernichteten ihre Feinde, bis ihre Schilde auf einem Fluß von Blut dahintrieben."
Im Jahr 221 v. Chr. war das Werk vollbracht: Alle chinesischen Lande, die gesamte ihm bekannte zivilisierte Welt war Qins Herrschaft unterworfen. Doch er wollte mehr. Er wollte nicht nur das größte aller Fürstentümer, er wollte ein Reich, das für immer und ewig Bestand haben würde. Ein Universalreich, in dem die von ihm begründete erste Kaiserdynastie für immer und ewig herrschen konnte. Man kann sogar fast sagen: Das chinesische Kaiserreich wurde begründet, weil ein Mann unsterblich werden wollte.
Damit dies nicht nur eine Hoffnung blieb, tat er auch alles, um eine völlig neue Form von Staat aus dem zusammeneroberten Flickenteppich zu schaffen: Das Reich wurde unter Mißachtung der alten Fürstentümer in Kommandanturen eingeteilt; alle Maße und Gewichte wurden standartisiert; sogar ein Wörterbuch mit neu genormten Schriftzeichen wurden herausgegeben. Am Ende dieser Reformwelle wurde noch mit eisernem Besen gekehrt. Alles Schrifttum, das auch nur den Keim der Opposition in sich trug, soll in einer großen Bücherverbrennung vernichtet worden sein.
Damit sein Reich - dieses "Haus", in dem er durch seine Kinder und Kindeskinder eine gewisse Form der Unsterblichkeit erlangen wollte - auch gegen Angriffe aus der barbarischen Steppenwelt gesichert war, ließ er kurzerhand eines der gewaltigsten Bauwerke der Antike errichten: die Chinesische Mauer. Unter Einbeziehung aller Grenzbefestigungen wurde ein gewaltiger "Limes" aus Erde und Stampflehm errichtet, bestückt mit Pallisaden und hölzernen Wachtürmen. Wie viele Kriegsgefangene und zur Fron gezwungene Arbeiter dabei ihr Leben ließen, entzieht sich jedoch jeder Kenntnis.
Und mit genau der gleichen caesarischen Geste, mit der er den Bau der Mauer befahl, traf er auch Vorsorge gegen die Bedrohung von innen, gegen eine Opposition aus dem örtlichen und unterworfenen Adel. Allein 12 000 mächtige und reiche Familien wurden aus allen Teilen des Landes in die Hauptstadt umgesiedelt. Hier waren sie viel leichter zu kontrollieren und außerdem hatten sie immer ihre hoffnungslose Lage vor Augen. Der Kaiser hatte nämlich aus den Waffen der unterworfenen Völker zwölf Kolossalstatuen gießen lassen, die in der Hauptstadt aufgestellt waren. Doch damit nicht genug. Der Kaiser hatte eine weitere Demütigung parat, die einzigartig in der Weltgeschichte ist: Von jedem unterworfenen Land hatte er sich eine Kopie des dortigen Herrscherpalastes in seiner Hauptstadt errichten lassen.
Doch dieser gewaltige Feldherr und Staatsmann, der sämtliche äußeren und inneren Feinde niedergerungen hatte un der sich auf Steinstelen als Weltordnung verherrlichen ließ- "...Er, der die vier Ecken der Welt befriedete..." - , in ihm waren die Todesfurcht und die Sehnsucht nach Unsterblichkeit in unmenschlichen Größen gewachsen. Das lag sicher nicht nur an den Attentaten, die gegen ihn versucht wurden. Als "Herr der Welt" wollte er einfach nicht glauben, daß es zwei Feinde gab, die er niemals niederringen konnte: die Zeit und den Tod. Seine Reaktion war geradezu modern. So wie sich heute Leute in Amerike einfrieren lassen um, den nahen Tod vor Augen, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen und in einer fernen medizinisch weiter fortgeschrittenen Zukunft wieder aufgetaut zu werden, so rief auch der Kaiser nach der Wissenschaft. Wissenschaft hieß im dritten vorchristlichen Jahrhundert in China vor allem Magie.
Es gibt keinen Zweifel: Ihm genügte die abstrakte Unsterblichkeit durch seine Kindeskinder nicht mehr. Qin Shi-huangdi wollte als Herrscher der Welt auf der Erde bleiben. Seine ganze Hoffnung setzte er auf die sagenumwobene Droge der Unsterblichkeit. Er finanzierte alles, was auf der Suche nach dieser Wunderdroge seiner Hoffnung Nahrung gab. Zum Beispiel Reisen von Alchimisten und Magiern in ferne Gebirge, um geheimnisvolle Pilze zu suchen, die notwendiger Bestandteil dieser Droge sein sollten. Außerdem sollte im Ostmeer nach alter Überlieferung ein Inselparadies liegen, auf dem das Kraut der Unsterblichkeit wuchs. Zweimal rüstete der Kaiser, der um jeden Preis glauben und hoffen wollte, demm Magier Hsu Fu von Chi, große Expeditionen aus. Bemannt mit mehreren tausend geweihten Knaben und Jungfrauen wurden sie nach Osten geschickt.
Das erstemal kehrte die Expedition unverrichteter Dinge zurück. Der Magier aber wußte genau zu berichten: "Das Kraut der Unsterblichkeit findet sich auf der Insel Penglai. Doch wir wurden von monströsen Walfischen bedrängt, so daß wir die Insel nicht erreichen konnten."
Mit einer Truppe von Armbrustschützen stach er erneut in See. Bis zu seinem letzten Atemzug hoffte der Kaiser auf die Rückkehr der Expedition, die ihm vielleicht noch in letzter Sekunde das Unsterblichkeitskraut bringen würde.
Sein Ziel, als Unsterblicher auf Erden wie ein Gott für immer zu herrschen, hat er nicht erreicht. Doch er wäre nicht Qin Shi-huangdi gewesen, wenn er sich auf diesen mit den Jahren immer dünner werdenden Hoffnungsschimmer verlassen hätte. In seinem Kopf muß es unablässig gearbeitet haben. Wenn wirklich keine Hoffnung bestand, als ewiger Herrscher auf Erden zu bleiben, dann mußte alles für das Jenseits gerüstet sein, und zwar so, wie es sich für einen Weltenherrscher gebührt. Ja, vielleicht waren siene Gedanken noch radikaler: Wenn ich schon nicht auf der Erde bleiben kann, dann muß mein Reich, ja die gesamte Welt mit mir ins Grab, mit ins Jenseits.
Ganz scheint er also den Magiern nie verfallen gewesen zu sein, denn bereits bei seiner Thronbesteigung hat er, der Dreizehnjährige, den Bau seines Mausoleums befohlen. Chronisten berichten, daß 700 000 Arbeiter über 30 Jahre lang an diesem Grab und seiner Ausstattung gearbeitet haben.
Nach dem Fund der Tonfigurenarmee rutschten diese Zahlen in den Bereich des Wahrscheinlichen. Allein für die Armee braucht man mehr als nur ein paar Brennöfen, man braucht eine komplette Keramikfabrik. Ton muß herangeschafft und aufbereitet, die Brennöfen müssen errichtet und befeuert werden. Modelleure mußten die Statuen zusammensetzen und nacharbeiten. Und anschließend wurden die Tongestalten noch bemalt. doch es wurde ja nicht nur Ton verarbeitet. Es muß auch Bronzegießereien und Waffenschmieden gegeben haben. Wo allerdings dieses kleine "Ruhrgebiet" gelegen hat, wo Tausende gelebt und gelitten haben, ist bis heute ein Rätsel. Genau wie bei den Pyramiden, von denen auch niemand weiß, wo die Menschenmassen lebten, die hier Quader auf Quader türmten.
Doch mit einer einfachen Pyramide hat sich der erste Kaiser Chinas nicht zufrieden gegeben. Seine Grabanlage ist wie eine chinesische Palaststadt konzipiert. Umgeben war der Grabbezirk von einer sechs Kilometer langen Stadtmauer. Ausgerichtet nach den traditionellen kosmischen Regeln in Nord-Süd-Richtung. Nach jeder Himmelsrichtung öffnete sich ein gewaltiges Tor. Im Inneren eine weitere ummauerte Fläche, die Verbotene Stadt, in deren Zentrum sich die gestufte Grabpyramide erhebt.
Das war nicht nur eine gewaltige Totenstadt: Qin Shi-huangdi hat seine letzte Ruhestätte als riesiges Weltdiagramm gestalten lassen. Er hat das Reich der Mitte geschaffen, hat mit seiner Totenstadt die "Stadt der Mitte" errichten lassen, in deren Zentrum sich eine 50 Meter hohe Erdpyramide als symbolischer Weltberg, als Achse des Universums erhebt, um die sich alles dreht. Dieses kosmische Diagramm setzt sich auch unter der Erde fort.
Doch lassen wir den Chronisten zu Wort kommen: "Die Arbeiter gruben durch drei unterirdische Ströme (gemeint sind Wasseradern), die sie abschnitten und in die sie Bronze gossen, um die Grabkammer zu errichten. Diese füllten sie mit den Modellen von Palästen, Türmen und den hundert Ämtern, ferner mit kostbaren Gefäßen und Steinen sowie mit wunderbaren Raritäten. Handwerker erhielten den Auftrag, Armbrustfallen mit mechanischen Selbstauslösern zu installieren. Die verschiedenen Ströme des Landes, der Yangzi und der Gelbe Fluß, selbst der große Ozean wurden mit Quecksilber nachgebildet und von einer mechanischen Einrichtung in Bewegung gehalten. Oben waren die Konstellationen des Firmaments auf einem Kupferhimmel dargestellt und unten das Relief der Erde. Leuchter wurden mit Walfischöl gespeist, auf daß sie, ohne zu verlöschen, für immer brennen."
Diese Kühnheit haben selbst die Pharaonen nicht besessen. Sie haben sich Diener und Luxusgüter mit ins Grab genommen, um im Jenseits nicht zu darben. Qin Shi-huangdi hat kurzerhand nicht nur sein Reich, sondern die Erde einschließlich des Himmels, der sich darüber spannt, mit ins Grab genommen. Selbst im Jenseits wollte er über die Welt herrschen.
Nachdem der Herrscher in seinem Miniaturuniversum beigesetzt war und alle Schätze in den Grabkammern verstaut waren, sprach sein Sohn, Kaiser Qin Erh-huangdi: "Es ist nicht recht, daß die Damen meines Vaters, die ihm keinen Sohn geschenkt haben, fortgeschickt werden." Sie mußten ihm ins Grab folgen.
Die Handwerker aber, die das Innere des Grabes und seine Sicherungsmaßnahmen kannten, wurden nach dem Versiegeln der innersten Grabpforte zwischen dem zweiten und dem äußeren Tor lebendig eingeschlossen.
Doch war dies nicht das letzte Massaker im Leben des ersten Kaisers von China: Eine seiner Liebhabereien war das Sammeln von Tieren. In seiner Hauptstadt hatte er einen der ersten Zoos der Welt, in dem sich nicht nur heimische Tiere befanden, sondern auch alle Exoten, die er aus fernen Ländern erlangen konnte. Qin Shi-huangdi hatte selbst befohlen, diesen Zoo zu opfern. Im inneren Mauerring werden deshalb vergrabene Tierkadaver vermutet. Des Kaisers jenseitige Welt sollte auch mit seinen Tieren bevölkert sein.
Wenn man dies aber zum Teil in China seit Jahrhunderten weiß, wie groß sind dann die Chancen, dies Wunder noch einmal ans Licht zu holen? Haben nicht längst Grabräuber alles beraubt und zerstört? Tatsächlich gilt das Grab bereits bei den Chronisten des Altertums als geplündert. Jüngste Forschungen am Grabhügel haben auch zwei Raubgräbertunnel ausfindig gemacht, doch enden diese blind. Die Räuber haben ihr Ziel, die Grabkammer, nicht erreicht. Sollten sich die alten Berichte nur auf diese Fehlversuche beziehen? Sollten ausgerechnet diese Grabräuber - Ironie des Schicksals - dafür gesorgt haben, daß das Grab unberaubt blieb? Was kann es denn für einen besseren Schutz für ein reiches Grab geben als die Auffassung, daß es bereits beraubt ist!
Noch haben die chinesischen Archäologen das Grab ihres Reichsgründers nicht geöffnet. Aber bis jetzt spricht alles dafür, daß sie das finden werden, was dieser Bericht angekündigt hat. Vor kurzem hat man Bodenproben entnommen. Sie weisen in der Pyramidenerde einen Quecksilbergehalt auf, der keinen natürlichen Ursprung haben kann. Eines ist auf jeden Fall sicher: Egal was immer man noch finden wird, eine gewisse Unsterblichkeit ist Qin Shi-huangdi heute schon sicher - gerade auch durch dieses Grab.
PM Magazin 1986