Laust sie etwa der Affe?
Ich empfinde tiefe Zuneigung zu diesen uns so verwandten Primaten. Ihre Gestik und ihre Mimik erinnern mich daran, daß sie uns genetisch sehr nahe stehen. Leider haben die Menschen es geschafft sie fast völlig auszurotten und es steht sehr schlecht um sie. Zuerst war es ein falsches Bild, das über sie vermittelt wurde; als Bestien, als Monster wurden sie dargestellt und stachelte den Jadgergeiz so mancher Möchtegernhelden an. Köpfe und Hände wurden als Trophäen über Kaminsimse gehängt. Heute leiden sie größtenteils unter den Kriegen in Afrika und deren Auswirkungen. Gorillas wandern, um Futter zu suchen, dabei halten sie sich selbstverständlich nicht an Grenzen und betreten oft Gebiete die zu Kriegsschauplätzen gehören und werden somit selbst Opfer dieser sinnlosen Töterei.
Gorillas
Der Gorilla, in einem Bericht aus dem 19. Jahrhundert als "halb Mensch, halb Tier" bezeichnet, ist zwar groß, aber nicht bösartig. Wenn ein Männchen sich aufrichtet, ist es bis zu 1,80 Meter groß. Die Männchen wiegen etwa 200 Kilogramm; die Weibchen sind kleiner und nur halb so schwer. Gorillas laufen auf allen Vieren; auf zwei Beinen gehen sie nur selten. Sie können auf Bäume klettern, scheinen aber nicht gern zu schwimmen. Wahrscheinlich betrachten sie Flüsse und sogar Bäche als natürliche Reviergrenzen. In Feuchtgebieten waten sie allerdings auf der Nahrungssuche auch ins Wasser.
Der Gorilla ist ein Pflanzenfresser mit einem gewaltigen Appetit. Manchmal schluckt er mit einer Handvoll Pflanzen zwar auch ein paar Insekten, doch er würde sich nie an Eiern oder verletzten Vögeln vergreifen.
Einige Gorillas leben als Einzelgänger, doch die meisten sind Mitglieder einer Gruppe, der bis zu zwei Dutzend Tiere angehören. Angeführt werden diese Gruppen von einem Männchen, das mit heulenden Lauten für Ordnung sorgt. Dieser Boß regiert jahrelang und wird eines Tages durch einen seiner Söhne ersetzt. Junge Männchen, die nicht seine Söhne sind, verlassen die Gruppe wenn sie erwachsen werden. Sie leben dann entweder allein oder schließen sich anderen Gruppen an. Die Einzelgänger ziehen umher, bis sie auf Weibchen stoßen, die bereit sind, mit ihnen eine neue Gruppe zu bilden.
Anders als bei den Schimpansen oder Pavianen verlassen die weiblichen Gorillas bei Eintreten der Geschlechtsreife die Gruppe, in der sie geboren wurden.
Bei ihren Streifzügen durch den dichten Wald halten die Mitglieder der Gruppe durch grunzende und bellende Laute Kontakt zueinander. Benachbarte Gruppen ignorieren einander gewöhnlich. Gelegentlich entschließt sich jedoch einer der Anführer, der anderen Gruppe seine Präsenz durch eine eindrucksvolle Aufführung zu demonstrieren. Dabei heult er laut, richtet sich zu seiner vollen Größe auf und schlägt sich auf die gewaltige Brust, die einen Umfang von fast 1,80 Meter hat. Das Hämmern, das mit den hohlen Händen durchgeführt wird, ist laut und rhythmisch und endet, wenn der Gorilla losrennt und durch die dichte Vegetation bricht. Solche Vorstellungen haben die Menschen wahrscheinlich zu der Annahme geführt, Gorillas wären gefährliche Bestien - ein Irrglaube, der auch den Leinwandmythos King Kong hervorgebracht hat.
Gorillas haben ein hochentwickeltes Kommunikationssystem, das aus einer Vielzahl von Lauten und Gebärden besteht. Das Heulen, einer von etwa 20 verschiedenen Lauten, ist rund 800 Meter weit zu hören und scheint sich gegen Eindringlinge zu richten. Bei Gefahr verstummen die Gorillas allerdings sofort. Das plötzliche Schweigen ist ein äußerst wirksames Warnsignal, denn es macht die Gruppe aufmerksam, ohne ihre Position zu verraten.
Ein Leittier, das die Futtersuche anführt, zeigt seinen Artgenossen den Weg, indem es sich aufrichtet, in die gewählte Richtung blickt und dann jedes einzelne Gruppenmitglied fixiert. Wenn der Boß spürt, daß einer seiner Untergebenen ihn nicht verstanden hat, berührt er ihn kurz und siehst dann noch einmal in die neue Richtung.
Mehrere Wissenschaftler haben das Sprachvermögen der Gorillas untersucht. Das Gorillaweibchen Koko zum Beispiel lernte, mehr als 500 Worte zu signalisieren, so zum Beispiel "Zähne", wenn man ihm das Bild eines grinsenden Schimpansen zeigte. Außerdem konnte es mit Hilfe der Zeichensprache ausdrücken, daß es ängstlich, traurig, glücklich oder ärgerlich war, und diese Selbsterkenntnis wird als Grundlage für eine Kommunikation auf gehobener Ebene betrachtet. Ob Koko und andere die Gebärdensprache beherrschende Gorillas wirklich eine Sprach benutzen, ist noch heute unumstritten. Skeptiker behaupten, die Gorillas hätten nur andressierte Verhaltensweisen gezeigt.
Die meisten Gorillas leben in den Regenwäldern im Tiefland, doch eine Art, der Berggorilla, ist in den dichten Wäldern der erloschenen Vulkane heimisch (der höchste ist 4500 Meter hoch), die die Virunga-Bergkette in Zentralafrika bilden. Die meisten Erkenntnisse über Berggorillas stammen von Dian Fossey, die 1967 begann, diese Tiere zu studieren. Sie schrieb "Gorillas im Nebel", ein Buch, das später verfilmt wurde. Anfangs rannten die Gorillas schreiend weg, wenn sie die Wissenschaftlerin sahen, doch später wagten sie sich näher heran und berührten sie sogar. Jede von ihr beobachtete Gruppe beanspruchte einen Lebensraum von rund acht Quadratkilometern Größe.
Die Gorillas durchstreiften jeden Tag ein Stück davon, gewöhnlich auf festen Wegen, die zu den bevorzugten Futter- und Ruheplätzen führten. Sie fraßen Rankpflanzen, Bambus, wilden Sellerie, Farne, Disteln, Nesseln, Baumrinde und Beeren. Am Ende jeden Tages baute sich jedes Mitglied ein Nest aus Blättern und legte sich schlafen. Diese Nester wurden nur einmal benutzt.
Jede Gruppe wurde von einem älteren Männchen, einem Silberrücken, angeführt. Dian Fossey beobachtete neun Gruppen, die aus fünf bis zwanzig Tieren bestanden. Jeder Silberrücken verfügte über untergebene Männchen, die Wache standen und auf die Weibchen und Jungtiere aufpaßten. Einmal beobachtete sie, wie ein Silberrücken ein Junges, das seine Mutter nicht wiederfand, unter seine Fittiche nahm und ihm erlaubte, den Schlafplatz mit ihm zu teilen.
Dian Fossey fand heraus, daß der Charakter einer Gruppe häufig vom Charakter ihres Anführers abhängt. Sie war dabei, als der Silberrücken Whinny starb. Daraufhin übernahm der bisher an zweiter Stelle rangierende Silberrücken Onkel Bert die Führung: "Er erstickte alle Aktivitäten der Gruppe wie ein strenger Schulleiter", schrieb sie. "Die bisherige Gelassenheit, mit der die Gorillas meine Anwesenheit toleriert hatten, wich Brustgetrommel, Schlagen auf Büsche, Verstecken und ähnliche Tätigkeiten, die Aufregung demonstrierten."
Die Weibchen paaren sich etwa mit zehn Jahren zum ersten Mal, die Männchen mit 15. Die Jungen kommen im Abstand von dreieinhalb bis fünfeinhalb Jahren zur Welt. Ein Gorillakind, das bei der Geburt kleiner ist als ein Menschenbaby, wird fast zwei Jahre lang gesäugt, lernt aber durch das Beobachten der Mutter schon vom dritten Monat an, welche Pflanzen eßbar sind.
Mittags ruht die Gruppe in schnell hergerichteten Tagesnestern aus gebogenen Ästen. Während die Jungtiere spielen - Abhänge und Baumstämme hinunterzurutschen, ist ein bevorzugtes Spiel -, ruhen die ausgewachsenen Tiere und zupfen trockene Haut oder Schmutz aus dem eignen Fell oder dem der anderen.
Eines Tages hörte Dian Fossey ein "leises Heul-Bellen" ganz in ihrer Nähe. Sie kletterte in die Astgabel eines großen Baums; ein Gorilla, dem sie den Namen Peanuts gegeben hatte, näherte sich. "Ich lehnte mich zurück in die Blätter und versuchte, so harmlos auszusehen wie möglich", schrieb sie. "Ich streckte die Hand aus. Dann drehte ich sie langsam und ließ sie liegen...Es schien unendlich lange zu dauern, bis Peanuts seine haarige Hand ausstreckte und meine Finger zweimal sanft berührte... Für einen kurzen Augenblick verband eine Brücke unsere beiden Arten, eine Brücke, die einen großen Teil der Zeitgeschichte überspannte."
An einem anderen Tag entdeckte sie ein Massaker: Fünf Gorillas waren getötet worden, "von Hunden zerbissen, von Speeren durchbohrt und mit Steinen erschlagen, anscheinend nur aus Lust am Töten." Der Anblick versetzte Dian Fossey in Wut, genau wie der Landhunger der Hirten und Farmer, Wilderer töteten ihre Gorillas, und andere nahmen Peanuts und den anderen Gorillas, die sie lieben gelernt hatte, immer mehr von ihrem Lebensraum. Aus diesem Grund wurde aus der objektiven Wissenschaftlerin eine erbitterte Kämpferin für die vom Aussterben bedrohten Tiere. Doch mit dieser Verwandlung machte sie sich auch Feinde. Im Dezember 1985 drang jemand in ihre Hütte in Karisoke ein, in der sie ihr Forschungszentrum hatte. Der Eindringling, der nie vor ein Gericht gestellt werden konnte, erstach sie.
Ihre Forschungsergebnisse sind einzigartig und von großem Wert. Noch wichtiger ist jedoch die Tatsache, daß ihre Liebe zu den Berggorillas die ganze Welt auf diese gefährdete Art aufmerksam gemacht hat. Als sie 1967 in die Berge ging, schätzte man den gesamten Bestand auf etwa 250 Tiere. 1993 wurden 600 gezählt, von denen 300 in Ugandas sogenanntem Undurchdringlichen Wald leben. Dieser Anstieg des Bestandes ist Dian Fosseys Vermächtnis.
"Die Tiere Afrikas" Könemann Verlag
"Wir folgten ihnen und begegneten einem Gorilla nach dem anderen, bis wir schließlich auf einen Silberrücken stießen, der unter einem Busch auf der Seite lag, sich mit seinem hinter dem Kopf verschränkten langen Arm am gegenüberliegendem Ohr kratzte und dabei ein einigermaßen untätiges Astbüschel betrachtete. Uns war sofort klar, was er tat. Er lungerte herum. Das war ganz offensichtlich. Oder besser: Die Versuchung, es ganz offensichtlich zu finden, war überwältigend.
Sie sehen aus wie Menschen, sie bewegen sich wie Menschen, sie halten Dinge in den Händen wie Menschen, und ihre Mimik und die ungemein menschlichen Blicke drücken etwas aus, das wir ganz instinktiv als Ausdruck menschlicher Gefühle empfinden. Wir sehen ihnen ins Gesicht und denken: "Wir wissen, wie sie sind", aber genau das wissen wir nicht. Oder blockieren zumindest jeden möglichen Verständnisschimmer, indem wir uns mit ebenso einfachen wie verlockenden Mutmaßungen begnügen.
Auf Händen und Knien kroch ich langsam und ruhig dichter an den Silberrücken heran, bis ich nur noch einen halben Meter von ihm entfernt war. Er warf mir einen unbeteiligten Blick zu, als sei ich nur irgendwer, der gerade ins Zimmer gekommen war, und setzte seine Betrachtungen fort. Ich schätze, daß das Tier ungefähr so groß war wie ich - fast zwei Meter - , hielt es aber für ungefähr doppelt so schwer. Größtenteils Muskeln, mit weicher schwarzgrauer Haut, die ihm ziemlich locker und, von groben schwarzen Haaren bedeckt, von der Vorderseite hing.
Als ich mich erneut bewegte, rückte er von mir ab, ungefähr fünfzehn Zentimeter, als ob ich mich etwas zu dicht neben ihn aufs Sofa gesetzt hätte und er jetzt grummelnd ein bißchen Platz machte. Dann legter er sich, die Faust unter das Kinn gestemmt, auf den Bauch und kratzte sich träge mit der anderen Hand die Wange. Ich blieb so ruhig und still wie möglich sitzen, obwohl mir aufging, daß ich gerade von Ameisen zu Tode gebissen wurde. Er sah uns ohne besondere Anteilnahme nacheinander an und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder seinen Händen zu, während er sich mit dem Daumen träge einige Schmutzflecken von einem der Finger kratzte. Ich hatte den Eindruck, daß wir für ihn ungefähr so interessant waren wie ein langweiliger Sonntagnachmittag vor dem Fernseher. Er gähnte.
Es ist so verflucht schwierig, Tiere nicht zu vermenschlichen. Derartige Eindrücke drängen sich einem ununterbrochen auf, weil sie soviel spontanes Wiedererkennen auslösen, wie illusorisch dieses Wiedererkennen auch sein mag. Nur auf diese Art und Weise läßt sich vermitteln, an was es erinnert.
Nach einer längeren schweigsamen Pause zog ich vorsichtig mein rosa Schreibpapier aus der Tasche und begann mir die Notizen zu machen, von denen ich gerade abschreibe. Das schien ihn schon mehr zu interessieren. Ich nehme mal an, daß er vorher einfach noch nie rosa Schreibpapier gesehen hatte. Er verfolgte meine über das Blatt kritzelnde Hand eine Zeitlang mit den Augen, stand schließlich auf und berührte zuerst das Papier und dann die Spitze meines Kugelschreibers - nicht, um ihn mir wegzunehmen, sondern um zu sehen, was das war und wie es sich anfühlte. Ich war wirklich gerührt und wurde von dem albernen Impuls gepackt, ihm auch noch meine Kamera zu zeigen.
Er zog sich ein Stück zurück und legte sich etwa einen Meter von mir entfernt wieder hin, das Kinn wie zuvor auf die Faust gestützt. Mir gefielen sein ungewöhnlich nachdenklicher Gesichtsausdruck und die Art und Weise, wie sich seine Lippen durch den nach oben gerichteten Druck der Faust aufbauschten. Der beunruhigenste Hinweis auf Intelligenz allerdings schien mir aus den plötzlichen Seitenblicken hervorzugehen, die er mir nicht infolge bestimmter Bewegungen meinerseits zuwarf, sondern offenbar immer dann, wenn ihm gerade eine Idee gekommen war.
Ich begriff, welche Überheblichkeit hinter unserer Annahme steckt, wir könnten ihre Intelligenz beurteilen - als wäre die unsere irgendeine Norm, an der alles andere zu messen ist. Also versuchte ich mir vorzustellen, wie er uns sah, nur ist das natürlich so gut wie unmöglich, wiel man beim Versuch, seine Vorstellungslücken zu überbrücken, unwillkürlich wieder bei den eigenen Annahmen landet und die irreführendsten Annahmen zudem ausgerechnet jene sind, von denen man gar nicht bewußt ausgeht.
Ich malte mir aus, wie er da unbeschwert in seiner eigenen kleinen Welt lag, meine Gegenwart darin tolerierte, obwohl er mir, wie ich glaube, womöglich Signale zuschickte, auf die ich nicht zu reagieren wußte. Und dann malte ich mir aus, wie ich da neben ihm saß, geschmückt mit meinen Intelligenzapparaten - meiner Gore-Tex Kutte, meinem Stift und meinem Papier, meiner autofokusierenden, belichtungsautomatischen Nikon F4 - und meiner ganzen Unfähigkeit, auch nur irgend etwas von dem Leben zu begreifen, das wir hinter uns im Wald zurückgelassen haben. Aber irgendwo in der genetischen Geschichte, die wir alle in jeder einzelnen Körperzelle mit uns herumtragen, bestand eine innige Verbindung zu diesem Lebewesen - für uns so unerreichbar wie die Träume vom letzten Jahr, aber genau wie diese Träume, immer unsichtbar und unergründlich gegenwärtig.
Wieder betrachtete ich die Augen des Gorillas, weise und wissende Augen, und machte mir meine Gedanken über die Versuche, Affen eine Sprache beizubringen. Unsere Sprache. Wozu? Es gibt doch genügend Mitglieder unserer eigenen Spezies, die in und mit dem Wald leben und diese Sprache kennen und verstehen. Denen hören wir doch auch nicht zu. Wie kommen wir also darauf, daß wir uns ausgerechnet das anhören würden, was uns ein Affe zu sagen hätte? Oder darauf, daß er uns etwas von seinem Leben mitteilen könnte, in einer Sprache, die nicht aus diesem Leben entstanden ist? Vielleicht, dachte ich, ist es gar nicht so, daß sie eine Sprache erwerben müßten, sondern daß wir eine verloren haben.
Unsere Anwesenheit schien den Silberrücken doch zu ermüden. Er wuchtete sich auf die Füße und schleppte sich gemächlich in einen anderen Teil seiner Behausung."
Auszug aus "Die Letzten ihrer Art" von Douglas Adams und Mark Carwandine, Heyne Verlag