Feste in
China
Chun Jie (Frühlingsfest) - allein schon die Erwähnung dieses Namens läßt die Augen aller großen und kleinen Chinesen vor Freude glänzen, einer Vorfreude vergleichbar unserer eigenen kindlich-romantischen Erwartung der Weihnachtszeit. Das chinesische Neujahrs-bzw. Frühlingsfest läutet einen Reigen unzähliger chinesischer Feste ein, die ein wenig Farbe in den arbeitsreichen bäuerlichen Alltag brachten. Während der Kulturrevolution als Aberglaube und "feudalistisches Erbe" unterdrückt und verboten, konnten sich viele der traditionellen Feste ihren angestammten Platz im Festkalender zurückerobern, und fünf von ihnen, so das Neujahrs-bzw. Frühlingsfest, das Laternenfest, das Fest der lichten Klarheit (Qingming Jie) das Drachenboot - und das Mittherbstfest, konnten ihre landesweite Bedeutung bis heute erhalten. Hinzugekommen sind im modernen China auch einige säkulare Feiertage wie der
1.Januar, der Tag der Arbeit am 1. Mai und der Nationalfeiertag am 1.Oktober, der an die Gründung der VR China erinnert. Frauentag, Jugendtag, Kindertag, Tag der Gründung der KPCh und Tag der Gründung der Volksbefreiungsarmee sind weitere festlich begangene Tage, die den Betroffenen einen freien Tag bescheren.
Doch auch sonst weiß man in China zu feiern, und so gibt es zahllose weitere, meist nur regional bedeutende Feste, die sich ebenfalls am Mondkalender orientieren. Ihr Ursprung ist manchmal an ein historisches Ereignis oder eine historische Persönlichkeit gekoppelt, einige dieser Feste führen ihren Ursprung auf eine Legende oder einen Mythos zurück, andere wurzeln in der Ahnen- oder Götterverehrung, und nicht zuletzt gibt es jene Feste, die das alte Jahr verabschieden und das neue begrüßen.
Nicht zu vergessen sind natürlich die vielen verschiedenen Feste der ethnischen Minderheiten, die den Festreigen des Landes in einem Maße bereichern, wie man es wohl kaum sonst auf der Welt findet. Einige der berühmteren dieser Feste das Wasserfest der Dai, das Feuerwerkskörper-Fest der Dong, das Naadam-Fest der Mongolen, das tibetische Neujahrsfest, das Fest des Fastenbrechens zum Ende des Ramadan, das von der islamischen Bevölkerung Chinas gefeiert wird, und das Fackelfest der Yi-Nationalität.
Das Frühlingsfest
Um das Neujahr des 1912 eingeführten Gregorianischen Kalenders vom Neujahr des alten bäuerlichen Mondkalenders zu unterscheiden, setzte sich nach und nach der Begriff Frühlingsfest durch, weil es stets in den Zeitraum um die erste Solarperiode Lichun (Frühlingsanfang) fällt. Für die Bauern war diese Periode stets eine Zeit der Entspannung. Die Herbsternte war eingebracht, die Wintervorräte angelegt, und bis zum Beginn des neuen Erntezyklus herrschte Zeit und Muße zum Feiern.
Schon im Vorfeld knistert die freudige Erwartung. An den Eingangstüren der gründlich geputzten Häuser - schließlich ist Neujahr auch ein Fest der (Be-)Reinigung, bei dem man das alte Jahr abschließt und geordnet hinter sich läßt - werden neue Bilder der beiden Türgötter angebracht, die das Haus vor bösen Einflüssen schützen sollen. Überall werden Neujahrsbilder aufgehängt, deren farbenprächtige, heitere Inhalte voller Symbolik auf erhofften Reichtum und ein glückliches neues Jahr sind. Am charakteristischsten aber sind wohl die Neujahrsspruchbänder, die in der Regel paarweise links und rechts der Eingangstüren angebracht werden und mit Wünschen für Glück, Reichtum, Freude und langes Leben beschriftet sind. Meist handelt es sich um rote Papierstreifen - Rot ist die Farbe des Sommers, der Freude, der Feste und der Abwehr des Bösen.
Chinesisches Neujahr ist traditionell auch ein Fest der Familienerneuerung bzw. -einigung, und ungezählt sind die Seufzer all jener, die es fern der Heimat und ihrer Familie verbringen müssen, hektisch und ungeduldig jene, die im Verkehr steckengeblieben sind. Zuhause erwartet sie der vielleicht wichtigste Teil des Festes, das "Sylvester"-Essen, bei dem die Familie möglichst komplett erscheinen soll. Je nach Region fällt das Essen natürlich unterschiedlich aus. In Nordchina ist ein Sylvesterabend ohne Jiaozi, gefüllte halbmondförmige Nudelteigtaschen, undenkbar. Werden sie wie ein Yuanbao, jene schuhförmigen Geld- oder Silberbarren, die im alten China als Zahlungsmittel dienten, geformt, so symbolisieren sie die Hoffnung auf kommenden Reichtum, gefüllt mit Zucker verheißen sie ein süßes Leben im neuen Jahr. Manchmal wird die Köchin auch ein Geldstück in einem Jiaozi verstecken, und der glückliche Finder wird im neuen Jahr genügend Geld haben. Andere Füllungen bestehen aus Erdnüssen für ein langes Leben, während einer kinderlosen Schwiegertochter vielleicht ein Jiaozi mit Dattel- und Kastanienfüllung untergeschoben wird, ein Hinweis, daß sicher bald ein Junge geboren wird.
Anders das Essen in Südchina. Es wird Ente, Fisch und Reis geben, wobei der Reis schon mehrere Tage vorher gewaschen wurde, ein Ritual, das die Hoffnung ausdrückt, jedes Jahr genügend Getreide zum Lagern zu erübrigen. Ist im Norden das Fest ohne die Jiaozi nicht zu denken, so im Süden nur mit dem Niangao, dem Neujahrskuchen. Er wird aus Klebreis hergestellt, und je klebriger der Kuchen ist, desto besser, denn "klebrig" und "Jahr" werden beide nian ausgesprochen, und so verheißen die klebrigen Neujahrskuchen ein glückliches neues Jahr.
Nach dem üppigen Essen folgt das gesprächige Beisammensein. Das ganze Haus ist hell erleuchtet, in der Hoffnung, daß alles, was der Familie Unglück bringen könnte, aus den Ritzen und Ecken oder sonstigen Verstecken durch das helle Licht vertrieben wird. Punkt 12 Uhr Mitternacht beginnt die Knallerei mit Feuerwerkskörpern, die die noch vorhandenen Dämonen erschrecken und verscheuchen soll. In vielen Dörfern werden Scheiterhaufen angezündet, die das nian, das alte Jahr, verjagen. Man wünscht sich untereinander gongxi facai, Glückwünsche und Reichtum, ein Brauch den vor allem die Kinder den Älteren gegenüber gern pflegen, bekommen sie doch von ihnen einen roten Umschlag mit dem beliebten ya sui qian, dem Geld, das man für das Jahr aufhebt, ein willkommenes Extrataschengeld. Nun beginnt der vielleicht anstrengendste Teil, das Wachbleiben, sei es beim Kartenspiel, vorm Fernseher oder beim Gespräch, verheißt doch nach altem Glauben eine durchwachte Neujahrsnacht ein langes Leben.
Die beiden folgenden Tage, die ebenfallst Feiertage sind, werden für Verwandtenbesuche genutzt. Insgesamt dauert das Frühlingsfest bis zum 15.Tag des ersten Monats, eine Zeit, die angefüllt ist mit vielen Aktivitäten wie Tempelmärkten, Löwentänzen in den Straßen, Gong- und Trommelwettbewerben. Der Abschluß der Neujahrsfestzeit, ist das Laternenfest am 15.Tag des 1. Monats nach dem Mondkalender.
aus Dumont Reiseführer "China"