Eunuchen

Im Jahre 1900 war die Kastrationseinrichtung aufgehoben worden, und in Jinghai gab es dann keinen mehr, der sich leichtfertig hätte kastrieren lassen. In der Gegend von Ostweidendorf fand sich niemand mehr, der in der Lage gewesen wäre, diese Operation auszuführen. Sun Huaibao dachte natürlich an Tian Fu. Aber der Tian Fu von jetzt war nicht mehr der arme Kerl, der damals im Guanyin-Tempel Xiaode Zhang mit einem Messerhieb ausgeholfen hatte. Mit dem Aufstieg von Xiaode Zhang war auch sein Name bekannt und berühmt geworden. Tian Fu brauchte sich in Beijing nur am Tor des Göttlichen Kriegers hinzustellen, und schon kam jemand heraus und brachte ihm Silber. Xiaode Zhang zählte noch zu den Leuten mit Gewissen und vergalt erwiesene Güte. Tian Fu mußte von diesem Augenblick an nicht länger Feldarbeit verrichten. Aber obwohl er sich um Essen und Trinken keine Gedanken mehr zu machen brauchte, war er nicht bereit zu heiraten. Die kleine Kneipe am Wasser, am Dorfrand gelegen, war sein halbes Zuhause und die Wirtin fast seine Frau. Er saß den ganzen Tag bei zwei Unzen Schnaps. Die Wirtin war im mittleren Alter Witwe geworden und hatte nicht mehr geheiratet. Obwohl "Mutter Xu" nicht mehr ganz jung war, hatte sie dennoch ein Paar äußerst feiner kleiner "Goldlotusse". Sie verkaufte den Alkohol nicht hinter der Theke, sondern saß davor auf einem hohen Stuhl, das Paar spitzer kleiner Füßchen hoch erhoben. Ihr Geschäft blühte selbstverständlich. Suchte man Tia Fu, brauchte man nur in diese Kneipe zu gehen.

Sun Huaibao zog den Vorhang zur Seite und betrat den Raum. Tian Fu hockte mit dem Glas in der Hand auf einem niedrigen Hocker vor der Wirtin und nippte am Schnaps. "Sun Nummer zwei, es heißt, du möchtest deinen Sohn kastrieren lassen?" fing die Frau an. Sun Huaibao war sie lästig, er beachtete sie nicht, sondern stieß nur einen verächtlichen Laut aus und setzte sich neben Tian Fu. Eigentlich hatte Sun Huaibao ihn ja nicht aufsuchen wollen. Erstens benahm sich der alte Kerl etwas überheblich und bildete sich zuviel auf sein Können ein. Zweitens konnte er selbst mit einem Messerstich nachhelfen, aber wenn er das Ganze herunterschneiden müßte, würde das nicht unbedingt auch wirklich gelingen. Und hieß es nicht zur Zeit überall, wohin er sich wandte: "Habe ich noch nie gemacht. Hier geht es um ein Menschenleben, da wage ich nicht, Hand anzulegen." Das sollte heißen: "Jemanden von künftigen Enkeln zu trennen, macht eine gute Tat zunichte, such dir einen anderen Könner." Nach ein paar Mißerfolgen blieb nichts anderes übrig, als es bei Tian Fu zu versuchen. Der hatte diese blutige Angelegenheit wenigstens schon einmal gesehen. Tian Fu aber war anders als früher. Als Wohltäter jenes mächtigen majestätischen Beamten zweiten Ranges stellte er selbstverständlich hohe Forderungen.

"Bruder Tian, der Wind hat es dir schon längst in die Ohren geweht. Du weißt, weshalb ich gekommen bin, kannst du mir dabei behilflich sein?" Tian Fu gab überhaupt keine Antwort, sondern trank weiter. Ab und zu streifte sein Blick die Wirtin hinter Sun Huaibao, die ihre Augenbrauen hochzog, mit den Augen rollte, den Mund zusammenkniff und Daumen und Zeigefinger aneinanderhielt, als ob sie einen Silberdollar andeuten wollte. Tian Fu sagte in seiner Trunkenheit: "Weißt du, wieviel Geld mir der eine Messerstreich eingebracht hat? Setz dich erst mal hin und erschrick bloß nicht gleich!" Die Wirtin redete dazwischen: "Ich sag's dir, zweiter Bruder Sun. Das geht nicht wie bei einem Esel oder einem Pferd, einmal die Eier gepreßt, bums, einmal draufgetreten und nach oben gedreht. Wenn man es bei dem Jungen nicht richtig macht, ist das zarte Leben beendet. Macht man die Sache gut, ist es so, als ob man einen Baum gepflanzt hätte, von dem man Geld schütteln kann, der hängt zu jeder Jahreszeit voller Früchte aus Gold und Geld. 'Wenn es einem leid tut, ein Kind zu opfern, bekommt man den Wolf nicht zu fassen'. Bist du schon bereit, dein Kind zu opfern, was tut dir dann noch das bißchen Geld leid?"

Tian Fu starrte zur Decke, als ob dort oben Geld und Gold hingen. Sun Huaibao war, als hätte etwas Heißes seinen Kopf getroffen. Er stand mit einem Ruck auf und tat zwei Schritte rückwärts aus der kleinen Kneipe. Tian Fu, plötzlich erwacht, eilte zur Tür und brüllte ihm nach. "Zweiter Bruder Sun, zweiter Bruder Sun! Laß uns die Sache einmal genau bereden, ich mach' ganz einfach einen Schnitt für dich!" Sun Huaibao lief nach Hause, ohne auch nur den Kopf umzudrehen. Tian Fu kehrte in die kleine Kneipe zurück und sagte wütend: "Das kommt alles von deinem Dazwischengerede. Mit einem Messerstich aushelfen, bedeutet nichts anderes, als einmal mit einem Messerstich auszuhelfen. Wenn du den Kleinen festhältst, wirst du in Zukunft vielleicht mal bei einem Oberverwalter Zutritt haben."

Am fünfzehnten Tag des achten Monats 1912 nach dem Bauernkalender, genau zur Zeit des Mittelherbstfestes, schickte Sun Huaibao seine Frau mit den drei Kindern über die Festtage zu ihren Eltern. Nur er und Liujin blieben zu Hause. Sun Huaibao verriegelte Tor und Tür, dann steckte er ein Bündel trockenes Feuerholz in den Ofen. Das Feuer flackerte und gab seinem schwarzen Gesicht einen bronzefarbenen Glanz. Liujin war aschfahl aber ruhig. Er wußte, der Augenblick war gekommen, der sein weiteres Geschick entscheiden sollte. Sein Vater hatte von irgendwoher ein paar Eier und Nudeln besorgt und bereitete daraus eine Suppe, die er mit den Worten: "Iß sie auf", seinem Sohn vorsetzte. Liujin sah, daß seinem Vater Tränen in den Augen standen, tat aber so, als hätte er es nicht bemerkt. Mit gesenktem Kopf aß er die Nudeln. Zwei heiße Tränen tropften in die Suppe. Schon seit Tagen war er sehr hungrig, hatte nichts anderes als wilde Kräuter im Bauch und hatte nie zuvor so gute Nudeln gegessen, aber in diesem Augenblick schmeckten sie ihm nach gar nichts. Nachdem er sich gezwungen hatte, die Schale zu leeren, goß ihm Sun Huaibao eiskaltes Wasser ein: "Ich habe gehört, daß man nach der Operation sofort urinieren muß, weil sonst die Harnröhre verstopft ist und man daran stirbt."

Liujin trank das Wasser auf einmal aus. Sun Huaibao überprüfte noch einmal den Türriegel und ließ Liujin sich mit entblößtem Unterleib auf den Holzladen legen, der als Operationstisch diente. Liujin zitterte so sehr, daß der Holzladen klapperte. Sun Huaibao holte einen groben Strick und band Liujin damit fest, so daß er weder Hand noch Fuß bewegen konnte. Dann band er ein dünnes Hanfseil um den Penis des Jungen, dessen anderes Ende er am Fensterrahmen befestigte. Der kleine Penis wurde in die Länge gezogen. Anschließend nahm er ein scharf geschliffenes Metzgermesser in die Hand. Das Messer schien ihm tausend Pfund schwer, und er brachte es nicht übers Herz, zu beginnen. Schweiß strömte ihm aus allen Poren, sein Herz klopfte wie wild. Sun Huaibao drehte sich um zu der Nische mit den Buddhafiguren. Obwohl es dunkel war und man nicht genau sehen konnte, war ihm doch so, als starrten alle Geister, Bodhisattvas und Buddhas ihn an. Sun Huaibao nahm das Messer in den Mund und zündete Kerzen und Weihrauch an. Dann bezeugte er allen Geistern, Bodhisvattas und Buddhas dreimal mit Stirnaufschlag Verehrung. Im Inneren betete er: "Ihr Geister und Buddhas im Himmel, bitte zeigt mir an, ob es gut geht. Wenn es gut ausgeht, laßt diesen Weihrauch drei Rauchkringel bilden." Der Kerzenschein beleuchtete das schmerzerfüllte Gesicht Sun Huaibaos. Liujin sah dem Ganzen mit zur Seite gewandtem Kopf zu. Sein bleiches Gesicht war völlig ausdruckslos. Er erinnerte sich an seine Worte vor zwei Tagen: "Ich verzichte grundsätzlich auf Nachkommen!" Liujin konnte sich nicht vorstellen, wozu Kinder und Enkelkinder gut sein sollten. Seine Eltern hatten vier Kinder, und ihre Lage verschlechterte sich von Tag zu Tag. Wenn die Kinder beim ersten Hahnenschrei aufwachten und sich die Augen rieben, wollten sie zuallererst etwas essen. Vier Fässer ohne Boden, die einen zu Tode grämten, das war der Nutzen von Kindern. Liujin wollte für alle Zeiten auf Kinder und Kindeskinder verzichten. Er erinnerte sich ebenfalls noch an einen Satz seines Vaters: "Du wirst dich, fürchte ich, auf den Weg zur Höllenpforte aufmachen, vielleicht kommst du zurück, vielleicht aber auch nicht..."

Liujin dachte, daß er, sollte er von der Höllenpforte zurückkehren, sich bemühen würde, Obereunuch zu werden, um nach ein paar Jahren auf einem Schiff in die Heimat zurückzukehren, auch von einer Operntruppe begleitet. Behielt ihn der Totenrichter gleich da, ersparte er seinen Eltern wenigstens eine Ration Getreide. In einen Hungergeist verwandelt, würde er dann den Schurken Shang Buying umbringen. Er dachte daran, wie er diesen Hund als Geist dazu treiben würde, sich aufzuhängen, wie er ihn und sein ganzes Gesinde nachts nicht zur Ruhe kommen lassen würde. Wie er für seine Eltern Getreide stehlen würde. Auf Liujins Gesicht zeigte sich ein Lächeln.

"Es hat sich gekräuselt, es hat sich gekräuselt", Sun Huaibao glitt das Messer aus den Händen und fiel zu Boden, er beeilte sich, Kotau zu machen. Dann hob er das Messer auf, steckte es in den Ofen und wendete es ein paarmal, rieb es anschließend mit einem Lumpen ab und ging auf Liujin zu. Wiederum machte das Messer am Ansatz zum Oberschenkel halt. Ein Mann klopfte an der Tür: "Sun zwei, ich bin da!" Es war die Stimme von Tian Fu. Die Muskeln auf Sun Huaibaos Kopf schwollen mit einem Mal an, heftig faßte er den Messergriff und führte einen wuchtigen Schnitt in Richtung der Hoden Liujins.

Alles war voller Blut. Aus der Wunde schoß in Strömen Rotes, Weißes, Gelbes. Sun Huaibao wurde es schwindelig und übel, sein Körper war in kalten Schweiß gebadet. Ziellos schnitt er mit dem Messer drauflos. Draußen ertönte wieder die Stimme von Tian Fu. Sun Huaibao spürte, daß jemand die Tür gewaltsam geöffnet hatte und hereingekommen war. In seiner Hand hielt er etwas Weiches, Blutiges, die Knie wurden ihm schwach. Er wollte sich aufrichten, aber es gelang ihm nicht.

Liujin hielt beide Augen geschlossen und lag, bereits ohnmächtig geworden, regungslos auf dem Holzladen. Sein mageres Gesicht war schneeweiß. Auf  seiner Unterlippe hatten die Zähne tiefe Spuren hinterlassen.

Der Eindringling war natürlich Tian Fu, er brüllte: "Du dumme Sau, du dumme Sau, beeil dich!" Beim Kastrieren muß man sofort einen Gänsefederkiel in die Harnröhre stecken, weil sie sonst zu verwachsen droht. Sun Huaibao hatte sich frühzeitig darauf vorbereitet, in der Hast und Verwirrung aber vergessen, den Kiel griffbereit hinzulegen. Tian Fu setzte eine Könnermiene auf und stocherte mit einem Kiel im Unterleibsbereich von Liujin herum, bis er die Harnröhre gefunden hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Sun Huaibao wieder gefangen und bedeckte die Wunde mit Baumwolltampons, die er zuvor in Wachs, Sesamöl und Blütenpfeffer getränkt hatte. Bei dem Anblick des auf dem Holzladen ausgestreckten Liujin brach er in Tränen aus und legte sich auf das geheizte Ofenbett.

Auszug aus dem Buch "Der letzte Eunuch" von Sun Yaoting, Heyne Verlag

Die besondere Neigung zur Intrige wird vielleicht verständlich, wenn wir einmal verfolgen was mit einem armen kleinen Jungen geschah, nachdem er von hungernden Eltern an das Pekinger "Seidenraupenhaus" verkauft worden war.

Im "Seidenraupenhaus" hat man den Jungen in einen Stuhl mit schräger Lehne gesetzt. Unterleib und Schenkel wurden stramm abgebunden, um zu starken Blutverlust zu verhindern. Der Operateur - ebenfalls ein Eunuch - wusch die Genitalien des Kinds dreimal mit warmem, gepfefferten Wasser. Ein Helfer hielt das Opfer am Oberkörper fest, zwei andere spreizten ihm die Beine auseinander. Dann schnitt der Operateur mit einer einzigen Bewegung seiner rasiermesserscharfen Klinge Hoden und Penis ab. Eine Nadel aus Zinn wurde in die Harnröhre eingeführt und später, nach Abheilung der Wunde, durch ein Schilf- oder Silberröhrchen ersetzt. Damit sollte er künftig sein Wasser abschlagen.

Die Wunde wurde mit nassem Papier bepackt und bandagiert. Daraufhin mußte das Opfer drei Stunden lang auf- und abgehen. Drei Tage lang bekam der Knabe nichts zu trinken. Wenn nach diesen drei Tagen entsetzlicher Qualen die Nadel aus der Harnröhre herausgezogen wurde, kam der Augenblick, der über Leben und Tod entschied: Konnte der Junge urinieren, war er außer Gefahr. Wenn nicht, war der Urintrakt entzündet, und dies bedeutete den Tod.

Aber so richtig lebten auch die Überlebenden fortan nicht meh. Die moderne Wissenschaft definiert einen Menschen als nichts anderes als einen bestimmten genetischen Code, der wiederum nichts anderes im Sinn hat, als sich zu reproduzieren und in die nächste Generation zu bringen. Alles, was dieser Code an Körper und Geist um sich "herumgewickelt" hat, dient diesem Zweck. Alles was der Mensch tut, bewußt oder unbewußt, verfolgt nur das Ziel, den eigenen Code zu erhalten, weiterzubringen und die weitergebrachten Gene zu schützen. Alles, was ein Mensch im Leben anstrebt, sind nur Etappenziele auf dem Weg zu diesem Endziel. Ein Eunuch, der erwachsen wird und klug, erkennt oder ahnt wohl diese unheimliche Zielgerichtetheit des unverstümmelten Menschen, besitzt aber selbst diesen inneren Motor nicht oder nur sehr unvollkommen. Er treibt ziellos hin und her wie ein Kind.

Wie ein Kind allerdings, das keine sozialen Wurzeln hat. Ein Eunuch wird keine Frau als Partner haben. Und die Geschwister und Eltern werden ihn, wenn er noch in iher Nähe leben sollte, bald meiden. Auch auf öffentlichen Nachruhm können Eunuchen nicht hoffen. Denn wer würde nicht über ein Denkmal lachen, auf dem ein Mann steht, der eigentlich fast wie eine Frau aussieht: Durch die Kastration im Kindesalter fiel die Produktion männlicher Hormone aus. Der dadurch verzögerte Schluß des Wachstums der Röhrenknochen in den Beinen und des Beckens betont seine Unterlänge. Die Muskulatur ist durch den gestörten Eiweißstoffwechsel unterentwickelt; die Haut bleibt blaß, zart und unbehaart; kindliche Gesichtszüge, Fettpolster an Hüften, Gesäß und im Brustbereich geben dem Eunuchen nach einer überlangen Kindhaftigkeit ein matronenhaftes Aussehen. Weil er schon als Kind kastriert wurde, ist sein Kehlkopf klein geblieben. Seine Stimme bleibt hell und klar wie die eines Knaben, ist aber wegen des massigen Oberkörpers kraftvoll wie die eines Mannes.

Auszug aus einem Artikel über Eunuchen, PM-Magazin

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