Cixi
Rachsüchtig, grausam und blutrünstig, machtbesessen und heimtückisch, skrupellos und grenzenlos ehrgeizig, eine Herrscherin, die ihr Land durch Mord, Intrige, Verschwendungssucht und sexuelle Ausschweifung in den Abgrund führte: das sind die Charakteristika, die in fast jedem Geschichtswerk, Roman und Reiseführer das Wesen jener Frau beschreiben, die fast ein halbes Jahrhundert lang die Geschicke Chinas lenkte. Doch sie regierte ein Kaiserreich, das sich in Agonie befand, ein Imperium, in dem der Wurm an allen Fronten nagte, das durch zwei von den Engländern angezettelte Opiumkriege in halbkoloniale Abhängigkeit geraten war, das eine schicksalsschwere Niederlage im Chinesisch-Japanischen Krieg erleiden sollte und schließlich die Demütigung des Boxerprotokolls schlucken mußte. Als Frau in einer von Männern dominierten Gesellschaft waren ihr jedoch die Hände gebunden, so daß Cixi nichts anderes als eine Marionette zwischen rivalisierenden Palastfraktionen war. So blieb ihr letztlich nur eines zu wollen: ihre Familie und sich selbst in der feindlichen, von Intrigen und Blutfehden geprägten Welt des Kaiserhofs am Leben zu erhalten.
Daß sich das abschätzige Bild der Kaiserinwitwe überhaupt entwickelt und bis heute erhalten konnte, ist vor allem zwei Männern und der Bequemlichkeit der westlichen Wissenschaft zu verdanken. Einer dieser Männer war der Hochstapler und selbsternannte Reformator Kang Youwei, dem es als Trittbrettfahrer gelang, die ernsthaften Ansätze einer Reformbewegung gründlich in Mißkredit und schließlich zum Scheitern zu bringen. Er selbst konnte sich einer Verhaftung entziehen, aber sein Bruder wurde gefaßt und mit fünf weiteren Reformern hingerichtet. Kangs Rache war die maßlose Verunglimpfung der Kaiserinwitwe Cixi, in den damals wichtigsten Zeitungen. Angetan von der internationalen Beachtung, die ihm zuteil wurde, erging sich Kang in immer fürchterlicheren Details und dichtete Cixi zahllose Morde innerhalb der kaiserlichen Familie an. Ein sensations- und klatschsüchtiges Publikum in Europa und Amerika nahm diese Horrorgeschichten schaudernd und mit lustvollem Ekel auf.
Vermutlich wäre diese Dämonisierung langsam in den Zeitungsarchiven verstaubt und in Vergessenheit geraten, wäre da nicht ein unscheinbar wirkender Mann 1899 in Peking aufgetaucht, der einen großen Gefallen an diesen Interna aus dem Kaiserhof fand: Edmund Backhouse, der später den Titel eines Barons erben sollte und sich von da an Sir nennen durfte. Hochintelligent, aber schwer neurotisch, von seinen Mitschülern und Kommilitonen als verlogen, diebisch und absonderlich charakterisiert, war Backhouse ein blendender Geschichtenerzähler und angemaßter Chinaexperte, der sich "Originaldokumente" des kaiserlichen Hofs selbst ausfertigte oder schreiben ließ und die internationale Presse über die unkritischen Londoner "Times"-Korrespondenten George Morrison (in Peking) und J.O.P.Bland (in Shanghai) mit seinen angeblichen Insidernachrichten versorgte. Heute würde er vielleicht als Klatschkolumnist über die Fürstenhäuser schreiben - ein Tagesgeschäft mit Kurzzeitwirkung -, aber Kalkül und Zeitgeist wollten es, daß seine Klatschgeschichten selbst "Geschichte" wurden. Nach dem Tod der Kaiserinwitwe, deren Leben der ganzen westlichen Welt als Rätsel erschien, sah Blackhouse seine große Chance gekommen. 1910 legte er eine 525 Seiten umfassende Darstellung mit dem Titel "China under the Empress Dowager" vor, die von J.O.P. Bland stilistisch bearbeitet und als Gemeinschaftswerk herausgegeben wurde. Grundlage dieses vielgelobten Buchs, auf das sich so ziemlich alle Sinologen bei ihren Forschungen über Cixi und die historischen Ereignisse stürzten, war das "Tagebuch seiner Excellenz Jing Shan", das Backhouse angeblich durch Zufall in die Hände gefallen war. Das Diarium konnte zwar schnell als Fälschung entlarvt werden, aber das haltlos gewordene Machtwerk von Backhouse und Bland war bereits ein solcher Erfolg, daß alle Einwände großzügig beiseite geschoben wurden und schließlich Gras über die Sache wuchs. So wird "China under the Empress Dowager" zusammen mit der zweiten Gemeinschaftsarbeit, "Annals and Memoirs of the Court in Peking" (1914), noch heute zuweilen wider besseres Wissen zitiert. Selbst in China wurde das Buch übersetzt, da im Laufe des Boxeraufstands zahllose Dokumente zur Amtszeit Cixis vernichtet worden waren und es einer Reihe von Höflingen nicht ungelegen kam, die Kaiserinwitwe in einer derartigen Form diskreditiert zu sehen.
Das tatsächliche Wesen Cixis wird erst seit wenigen Jahren und auch nur unwillig zur Kenntnis genommen. Hugh Trevor-Roper war es, der in einer Studie zur großen Bestürzung vieler Sinologen nachweisen konnte, daß das gesamte Werk von Backhouse eine Fälschung darstellte. Nach Meinung des britischen Historikers war Cixi zweifelsohne eine Frau mit Energie, Findigkeit, Eigensinn und Risikobereitschaft. Sie war reizbar und dickköpfig, und - was am wichtigsten war - sie verstand es, in einer konfuzianischen Männerwelt, die Frauen geringschätzte, zu bestehen. Letztlich war sie aber wohl, wie es Chinas berühmter General Zeng Guofan erlebte und der Autor Sterling Seagrave treffend beschreibt, so "unspektakulär wie Trinkwasser".
(Peking, Dumont Reise-Taschenbücher, 1996)
Am frühen Morgen sind selbst hinter den zehn Meter hohen Mauern der Verbotenen Stadt die Geräusche von Beijing zu hören. Die Rufe der Straßenhändler, das Rumpeln hölzener Karren, schwingende Bronzegongs. "Stadtecho" nennen die kaiserlichen Eunuchen das Phänomen, bei dem die Mauern selbst weit entfernte Töne so verstärken, dass sie in die abgelegensten Winkel der Paläste, der Hallen, Höfe und Gärten dringen.
Doch am 21. Juni 1900 beherrschen andere Geräusche das Klangbild Beijings: Kanonendonner und Gewehrfeuer und immer wieder ein Schrei aus unzähligen Kehlen - "Sha! Sha!" - "Töten! Töten!"
Das Getöse ist wohl auch im Ningshougong zu hören, im "Palast des Ruhevollen Alters", den Cixi bewohnt, die Beherrscherin Chinas.
In der Stunde des Hasen, gegen fünf Uhr morgens, hat sich die Witwe des Kaisers bereits erhoben. Sie weiß, was der kriegerische Lärm bedeutet. Und was ihn verbindet mit den in Rot gehüllten Männern, die seit Wochen durch die Gassen der Hauptstadt streifen und angeblich mit Geistern im Bund stehen. Sie nennen sich Mitglieder der "Gesellschaft für Rechtschaffenheit und Harmonie". Der Gouverneur von Shandong hat Cixi informiert üäber die Roten, die in seiner Provinz aufgetaucht sind und die von den verhassten Barbaren, den Europäern und Amerikanern, als "Boxer" bezeichnet werden.
Und die nun alles tun, um jeden Barbaren in China - gleich ob Diplomat, Missionar, Soldat, Kaufmann - umzubringen.
Cixi trägt seidene Pyjamas. Ihre Kopfkissen sind mit Rosenblüten gefüllt, und alles - die Betttücher aus Seidenbrokat, die Satinsteppdecke - ist in kaiserlichem Gelb gehalten. Nachdem Cixi die Notdurft des Morgens verrichtet hat, entfernen die Zofen den Nachttopf aus Sandelholz. Er hat die Form einer Eidechse, mit Rubinen als Augen, und trägt den Namen "Haus des Mandarins". Eunuchen bringen eine Wanne mit hautwarmem Wasser.
Nach der Wäsche von Gesicht und Händen schälen die Dienerinnen Cixi aus dem Pyjama. Allein wäre ihre Herrin dazu kaum in der Lage - nicht zuletzt wegen ihrer mehr als sieben Zentimeter langen Nägel an den kleinen und den Ringfingern, die zudem in Futteralen aus Gold und Jade stecken.
Anschließend hüllen die Zofen Cixi in mehrere Schichten von Kleidern. Zuunterst trägt sie einen Schurz aus Baumwolle und Seidenpantalons, dann folgt ein Hemd aus Flanell, und darüber liegt eines ihrer Satinkleider. Fast ist es, als wäre in der Verbotenen Stadt die Zeit stehengeblieben, als wäre China noch immer das Reich der Mitte, das dem Rest der Welt den Rücken kehren kann.
Doch neben dem Bett der Kaiserinwitwe hängt ein Portrait von Englands Königin Victoria, die Cixi bewundert. Auf Holztischen und Lacktruhen ticken ein Dutzend Uhren.
Die Herrscherin, die von ihren Untertanen respektvoll der "Alte Buddha" oder der "Alte Drache" genannt wird, ist eine kleine, 64 Jahre alte Frau mit Strähnen von Grau im Haar, mit faltigem Hals und lockeren Zähnen.
Im "Palast des Ruhevollen Alters" neigt sich die Morgentoilette der Kaiserinwitwe dem Ende zu und die Stunde des Drachen ihrer Mitte. Cixi richtet sich auf. Die Zofen legen ihr ein Cape um, besetzt mit 3500 Perlen. Und dann steht der "Alte Drache" da, geziert mit Juwelen und Geschmeide wie ein Kirschbaum des Frühlings mit seinen Blüten.
Cixi ist bereit für den täglichen Weg durch das Labyrinth der Hofpolitik, der Etikette, der inneren sowie der auswärtigen Dinge. Acht Eunuchen tragen sie ineiner Sänfte, links und rechts flankiert von je einem Obereunuchen. Vorneweg schreiten vier Eunuchen des 5. Ranges, hinten folgen zwölf des 6. Ranges.
Die Prozession endet in der Dongnuandian, der "Ostkammer der Wärme". Cixi nimmt Platz auf dem Thron, und die Mitglieder des Großen Staatsrates verrichten den Kotau.
Mandschu-Frauen war es verboten, ihre Füße zu binden. Da chinesische Männer ungebundene Füße abstoßend fanden, sollten auf diese Weise Mischehen verhindert werden. Gleichwohl wollten sich Mandschu-Frauen ebenfalls im elegant schwingenden Gang fortbewegen, was die merkwürdigen Plateauschuhe an Cixis Füßen erklärt
An diesem Tag, dem 21. Juni 1900, erscheint ein kaiserlicher Erlass, gesiegelt von Cixi. "Unter Tränen", ist zu lesen, "haben Wir in den Templen Unserer Ahnen den Ausbruch des Krieges verkündet." Mit diesem Edikt erklärt die Kaiserinwitwe, in deren Hauptstadt seit Tagen die rotgewandeten "Boxer" Jagd auf Ausländer und chistianisierte Chinesen machen. Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Österreich - Ungarn, Belgien, Italien, Holland, Japan und den USA offiziell den Krieg.
Es ist ein aussichtsloser Kampf.
CHINA UM 1900: Provinzbeamte schicken ihre Berichte inzwischen zwar schnell und effizient per Telegrafenleitungen an den Hof - doch dort werden sie, wie seit Jahrhunderten, von Palasteunuchen bearbeitet.
Dampfboote befahren den Yangzi - aber die meisten Frauen gehen nach wie vor mit gebundenen Füßen.
Große Druckereien publizieren Tageszeitungen, und chinesische Gelehrte beschäftigen sich mit westlichen Wissenschaften - Karriere machen kann jedoch wie seit Jahrhunderten nur, wer die konfuzianische Beamtenprüfung besteht.
Viele Offiziere erhalten auf modernen Militärakademien eine westliche Ausbildung - aber ihnen ist, wie allen Männern, nicht einmal erlaubt, ihre Haartracht frei zu wählen. China ist zu dieser Zeit eine zwischen Tradition und Moderne taumelnde Macht, in der alles aus dem Lot geraten ist.
1685 lebten rund 100 Millionen Menschen im Reich unter dem Drachenthron. Nun, 215 Jahre später, sind es bereits knapp 470 Millionen. Dieses enorme Bevölkerungswachstum zerstört die traditionellen Strukturen: Millionen Bauern müssen sich mit winzigen Parzellen zufrieden geben - wenn sie nicht ganz landlos geworden sind. Und selbst für die Gebildeten wird es, angesichts der immer zahlreicher werdenden Konkurrenz, immer schwerer, in der Beamtenhierachie noch Karriere zu machen.
In Europa, wo zur gleichen Zeit ähnliche Probleme entstehen, saugt die wachsende Industrie Talent und Arbeitskraft auf. Doch Chinas Eliten verharren weiterhin in der Tradition. Aus dem Land, das dem Rest der Welt einst in vielen Bereichen um Jahrhunderte voraus war, ist ein rückständiges Gebilde geworden, in dem sich Wissenschaft und Unternehmertum nicht entfalten können.
In dieser Situation, da der allgemeine Lebensstandart sinkt, nimmt sich jeder, was er kriegen kann. Die Folge ist hemmungslose Korruption unter den Beamten des Kaisers. So verschlammt der Große Kanal, weil die zu seinem Unterhalt nötigen Steuergelder in einer gigantischen Unterschlagung versickern. Was dazu führt, dass der Reistransport vom Süden in den überbevölkerten Norden stockt. Zudem werden Tausende von Flusskahn-Führern und Treidlern arbeitslos, was wiederum das Elend verstärkt und die Korrumpierbarkeit erhöht. Ein Teufelskreis.
Das macht China verwundbar. Das Reich, das die westlichen Barbaren jahrhundertelang ignoriert oder bestenfalls rüde behandelt hat, vermag den Geschick und der Gier europäischer Händler, den Kanonenbooten und Maschinengewehren immer weniger entgegenzusetzen.
Großbritannien, das sich bereits Indien untertan gemacht hat, exportiert von dort aus Opium ins Reich der Mitte. 1729 waren es 200, im Jahre 1838 bereits 40 000 Kisten - rund 2240 Tonnen, der Bedarf von fast anderthalb Millionen Süchtigen.
Als der Kaiser versucht, diesen Drogenhandel zu stoppen, schießen britische Kanonenboote in den "Opiumkriegen" den Markt frei: 1842 muss Beijing den unreglementierten Immport über fünf "Vertragshäfen" akzeptieren, muss Reparationen zahlen und zulassen, dass Hongkong "auf ewig" zum Empire gehört. Es folgen weitere demütigende Niederlagen (1860 brennen europäische Truppen den Sommerpalast in Beijing nieder) sowie diplomatische Knebelverträge mit Frankreich, mit Deutschland, mit Russland, mit den Vereinigten Staaten.
Der Kaiser hat fortan gar keine oder nur noch eingeschränkte militärische und polizeiliche Macht in seinen wichtigsten Hafenstädten. Er verliert die Kontrolle über den Außenhandel und die dabei anfallenden Steuern, über Eisenbahnlinien und Telegrafenleitungen, die quer durch sein Reich führen. China wird nach und nach zu einem Gebilde, für das es in der Politik keinen Begriff gibt: autonomer zwar als eine Kolonie, aber auch kein souveräner Staat mehr.
Neben ihren Waren bringen die Ausländer auch ihre Religionen ins Land: Katholische und protestantische Missionare sind zwar untereinander so uneins, dass sie sich nicht einmal auf ein gemeinsames chinesisches Wort für "Gott" verständigen können - doch einig darin, den traditionellen Götterglauben abzuschaffen.
Nach 1850 zerbricht die überbevölkerte, unterentwickelte, gedemütigte chinesische Gesellschaft. Der Aufstand von Zehntausenden Bauernrebellen zerreißt das Land ebenso wie fast 20 Jahre währende Revolten in den muslimischen Westprovinzen.
Die Mandschurei, Port Arthur und Teile der Äußeren Mongolei stehen nun unter russischem Einfluss. Der Süden mit Vietnam und der Insel Hainan ist französisch; Burma, Hongkong, Kanton, Shanghai und die Halbinsel Weihaiwei britisch. Macau gehört den Portugiesen, die Bucht von Qingdao den Deutschen. Die USA vertreten eine "Politik der Offenen Tür" und garantieren allen Nationen, die Handel treiben, Zugang zum chinesischen Markt. Und für jeden Versuch des Widerstands gegen die Fremden müssen die Chinesen hohe "Reparationen" leisten.
Der Kaiser ist hilflos.
Seit 1644 regieren die Qing. Es sind Mandschu, tungusischstämmige Eroberer, die der einheimischen Ming-Dynastie die Macht entrissen haben. Gegenwärtig bilden sie eine kaum drei Millionen Köpfe zählende Elite - eine Elite, die viele wichtige Posten in Verwaltung und Armee unter sich aufteilt. Eine Elite aber auch, die sich nie vollständig assimiliert hat, die von den Chinesen nie wirklich als ihresgleichen akzeptiert worden ist.
Der villeicht größte Schock kommt 1895. Japan, jahrhundertelang ein Staat in kultureller Abhängigkeit von China und nach außen noch isolierter als das Reich der Mitte, hat sich in einer 30 Jahre währenden radikalen Moderniesierung zur imperialistischen Macht aufgeschwungen - und entreißt China nach einem kurzen Feldzug die Kontrolle über Korea, die südliche Mandschurei, Taiwan und die Ryukyu-Inseln und setzt vier neue Vertragshäfen durch.
Zusammen ist all dies, ohne dass es schon jemand ahnt, der Todesstoß für das mehr als 2000 Jahre alte Kaisertum im Reich der Mitte.
DIE MACHT IM GELÄHMTEN Riesenreich liegt in den Händen einer der geschicktesten und skrupellosesten Frauen in der chinesischen Geschichte: Cixi.
Am 8. Juni 1851 ist die Tochter eines unbedeutenden Manschu-Adeligen als Konkubine 5. Ranges in die Verbotene Stadt gekommen. 15-jährig, eine halbe Analphabetin, aber eine Schönheit und mit einem Haarschopf schwarz wie die Flügel eines Raben. Kaiser Xianfeng bevorzugt Cixi. Und mit der Geburt ihres Sohnes beginnt am 27. April 1856 ihr Aufstieg. Zaichun ist der einzige männliche Nachkomme des Kaisers. So ist die Konkubine bald mächtiger als Kaiserin Cian, die Gemahlin Xianfengs.
1861 stirbt der Kaiser. Cixi führt gemeinsam mit dessen offizieller Witwe Cian, deren Einfluss bis zu ihrem Tod im Jahr 1881 gering bleibt - die Regierungsgeschäfte für ihren Sohn, den fünfjährigen Kindkaiser. Von jetzt an prägt sie die Politik am Hof der Mandschu und im Reich der Mitte.
1875 stirbt Cixis Sohn, der als Kaiser den Namen Tongzhi angenommen hat, mit 18 Jahren. Cixi soll, auch wenn dies bis heute nicht endgültig bewiesen ist, daraufhin dessen schwangere Frau in den Selbstmord getrieben haben. So kann sie nach eigenem Gutdünken einen neuen Kaiser inthronisieren - ihren Neffen, einen Jungen von gerade drei Jahren.
Doch als Kaiser Guangxu am 11. Juni 1898, inzwischen ein junger Mann und inspiriert von westlich orientierten Intellektuellen und dem Vorbild Japans, das erste Dekret zur Reformierung Chinas verabschiedet, sieht Cixi ihre Macht gefährdet.
Die Neuerungen - 40 Verordnungen zur Modernisierung von Bürokratie, Militär, Wirtschaft und Bildung - stapeln sich in den Amtstuben der Mandarine. Die hohen kaiserlichen Beamten in ihren bestickten Seidenmänteln, mit den langen Zöpfen und den Amtshüten, auf denen Knöpfe und Federn die Rangstufen anzeigen, tun nichts zur Umsetzung des Dekrets. Von Reformen, die sie womöglich ihr Amt kosten würden, wollen sie nichts wissen. So warten sie ab. Warten auf die Reaktion der Kaiserinwitwe.
Cixi lebt 15 Kilometer nordwestlich von Beijing. Im Sommerpalast, mit dem sie sich verewigen will. Finanziert hat sie den Wiederaufbau der 1860 zerstörten Pavillons und Hallen mit Geldern, die für die Kriegsflotte bestimmt warfen. Durch Späher und Lauscher weiß Cixi, dass die Reformer um Guangxu in ihr die Verkörperung der chinesischen Misere sehen: Verschwendung, Erstarrung, Korruption. Ein Ungeheuer, dessen Hofhaltung pro Jahr sieben Millionen Unzen Silber verschlingt.
Gegen Ende des Sommers 1898 schart Cixi die Einflussreichen unter den Konservativen um sich. Prinzen und Mandarine der höchsten Ränge. Ronglu, seit 40 Jahren Cixis Vertrauter und Protegé, ist gegenwärtig ihr Militärchef. Sein Enkel Puyi wird einmal auf dem Drachenthron sitzen.
Cixi handelt schnell. Sie kehrt zurück in die Verbotene Stadt. In der Morgendämmerung des 22. September 1898, nach exakt 100 Tagen der Reform, lässt sie ihren 27-jährigen Neffen durch die Palastwache festnehmen - unter dem Vorwurf, der Kaiser zerschlage den konfuzianischen Staat. Guangxu wird auf der "Ozeanterrasse" interniert, einer Insel im südlichen Palastsee unweit der Verbotenen Stadt. Mit dem Ufer verbindet sie ein Steg. Dort postiert Ronglu eine Wache. Damit enden die Reformen, noch ehe sie begonnen haben.
Cixis erstes Edikt nach der Gefangennahme ihres Neffen verkündet: "Da der Kaiser erkrankt ist, hat die Kaiserinwitwe die Regentschaft übernommen."
Seit 47 Jahren lebt Cixi nun in der Verbotenen Stadt. Ein halbes Jahrhundert höfischer Intrigen und stummer Machtkämpfe hat sie darin zur Meisterin gemacht. Sie allein garantiert den korrupten, den erzkonservativen Beamten, Armeeführern und Eunuchen den Status quo. Deshalb kann sie auf deren Treue zählen - selbst als sie den Kaiser verhaften lässt.
Doch die Verbotene Stadt der Cixi und ihrer 1500 Eunuchen ist wie ein physisches und wie ein geistiges Gefängnis. Mag sein, dass Cixi sogar selbst die Notwendigkeit erkannt hat, dass sich das Reich, soll es nicht von den fremden Mächten zerstückelt werden, den verhassten Barbaren anpassen muss. Doch wie könnte die Kaiserinwitwe Reformen anordnen? Reformen, die letztendlich ihre eigene Macht hinwegfegen würden?
Im April 1900 tauchen in Beijing junge Männer auf, die allesamt aussehen, als entstammten sie einer Operninszenierung. Rote Tücher schlingen sich um ihre Köpfe und rote Gürtel um ihre Gewänder, rote Bänder schmücken Hand- und Fußgelenke. Und weil man sie auf Plätzen und vor Tempeln "Schattenboxen" üben sieht, heißen sie bei Europäern bald nur "Boxer". Aber was wollen die roten Männer in Beijing?
Die Anfänge der Organisation liegen im Osten des Reiches - dort, wor sich die westlichen Barbaren besonders hervortun. Anfang 1898 ist in der Provinz Shandong der Gelbe Fluss über die Ufer getreten und hat Dörfer und Felder verschluckt. Dann brannte die Sonne wie eine Flamme am Himmel. Mit den heißen Winden trieb eine surrende Wolke heran - Heuschrecken. Bald glich das Land einer Wüste. Im Herbst und im Winter 1899 kam es zu Hungersnöten.
Männer in roter Kluft tauchten auf - arme Bauern, arbeitslose Kulis, Entwurzelte. Sie haben Halt gefunden in der "Gesellschaft für Rechtschaffenheit und Harmonie", einer Organisation, von der niemand weiß, wer sie gegründet hat. Die weder einen charismatischen Führer noch einen geschickten Organisator zu haben scheint - dafür aber den Glauben an die eigene Unverwundbarkeit und an einen himmlischen Auftrag. Magische Rituale sowie die auffällige Gewandung machen, so munkelt man, die Boxer unverwundbar.
Es sind einfache Männer, und der Hunger hat ihre Wut auf die Fremden im Reich angefacht. Unablässig und mit den brutalen Methoden des Imperialismus dringen Europäer in Chinas Provinzen vor. Auf der Suche nach Erzen und nach Kohle pflügen sie die Erde um. Dampfboote wühlen die Flüsse auf. Telegrafendrähte zerschneiden die Luft, Eisenbahnschienen den Boden. Missionare taufen Einheimische und bezeichnen das Opfer für die Ahnen als Sünde.
Durch all das, glauben die Boxer, haben die Großnasen die Geister erzürnt und die Harmonie zwischen Himmel und Erde zerstört. Deshalb müssten die Chinesen hungern. Und deshalb bewaffnen sich die zornigen roten Männer, um die Fremden zu vertreiben.
Im Frühjahr 1900 leben eine Million Menschen in Beijing - und nur 900 Ausländer, darunter Händler, Botschafter, Missionare und Soldaten aus Europa, Japan und den USA: eine winzige Minderheit, die isoliert ist im Diplomatenviertel, umgeben von hohen Wällen. Im ganzen Kaiserreich mit seinen 470 Millionen Menschen leben gerade mal 10 855 Fremde.
Die Ausländer von Beijing sind beunruhigt. Schon am 2. Januar 1900 hat sich unter ihnen die Nachricht vom Tod Sidney Brooks verbreitet. Der englische Geistliche ist am letzten Tag des alten Jahrhunderts von einer Bande Chinesen in Schandong überfallen und geköpft worden. Die Menschen im Diplomatenviertel fürchten, dass der Mord an dem Missionar mehr war als ein räuberischer Akt. Sie wissen, dass in Cixi und in vielen ihrer Untertanen der Hass auf die Fremden brennt wie ein Feuer.
Überall in der Hauptstadt und in der sie umgebenden Provinz Zhili sind kurz darauf die roten Männer zu sehen. Tag für Tag wächst ihre Zahl, sie kaufen Messer, Dolche, Eisenspeere. Ausländer werden bedroht, vereinzelt kommt es zu Attacken. Die Schmiede arbeiten ohne Unterlass. Und George Morrison, ein Korrespondent der Londoner Times, vermerkt in seinem Tagebuch: "Der Preis für Messer hat sich verdoppelt."
Ende April kleben Plakate an den Häusern von Beijing. "Vernichtet die Fremdlinge! Unterstützt die Qing!" Wandzeitungen bedecken Mauern und hetzen gegen die "Schweine-Ziegen-Religion", wie die Boxer das Christentum nennen. Die Fremden, heißt es, seien Teufel, die Abbilder ihres Buddha auf Holzkreuze nageln würden.
Über ihrer eisernen Schlange (dem Telegrafendraht) sei bei Wind das Winseln der Geister zu hören, deren Qual so groß sei, das Blut (vom Rost der Drähte geröteter Regen) vom Himmel tropfe. Irrwitzige Gerüchte streuen die Boxer. Von Kindern, denen Ausländer die Organe herausreißen würden, von Schiffen voller Menschenaugen, die als Linsen in Fotoapparate eingesetzt würden.
Wie soll sich der Hof verhalten? Die gemäßigten Konservativen im kaiserlichen Rat empfehlen, die Fremdenfeindlichkeit zu mäßigen. Denn vor der Küste kreuzen die Kanonenboote der Ausländer. Außerdem liegt die Kontrolle über etwa ein Drittel der Staatseinnahmen in fremder Hand: Die kaiserlichen Seezölle erhebt Generalinspektor Robert Hart, ein Schotte, bevor er sie an den chinesischen Fiskus weiterleitet.
Auch im Diplomatenviertel am Südrand der Verbotenen Stadt wird in diesen Apriltagen debattiert über die Boxer und die Rolle, die Cixi in der ganzen Sache spielt. Unter den Ausländern heißt es, die Kaiserinwitwe sei abergläubisch bis zur Lächerlichkeit, krankhaft fremdenfeindlich und von unersättlichem Machthunger. Aber: Auch wenn Cixi in die Bewegung der Boxer verstrickt sei, so habe sie doch Verstand genug, die westlichen Kriegsschiffe nicht zu vergessen.
Was am Bild der Fremden von der Kaiserinwitwe stimmt, ist die Tatsache, dass Cixi an der Macht hängt und die Ausländer hasst, aber auch die chinesischen Christen, von denen es fast 800 000 im Reich gibt. Sicher ist zudem, dass Cixi seit Ende 1899 die Bewegung der Boxer unterstützt. Bereits am 11. Januar 1900 ist, gezeichnet mit ihrem Siegel, ein merkwürdiges Edikt erschienen. "Wenn friedliche und gesetzestreue Menschen ihre Fertigkeiten in mechanischen Künsten üben, um sich und ihre Familien zu erhalten, steht das im Einklang mit dem Prinzip: 'Auf der Hut sein und sich gegenseitig helfen'. " Die Ausländer haben sofort begriffen: Das ist der Freibrief für die Boxer.
IN DER OSTKAMMER DER WÄRME besprechen die Kaiserinwitwe und er Große Staatsrat jetzt, Mitte April 1900, täglich die Meldungen, in denen die Mandarine den Thron über die Aktivitäten der Boxer und ihrer "Gesellschaft für Rechtschaffenheit und Harmonie" ins Bild setzen. Durch Ankündigungseunuchen und Eunuchenboten der Inneren und der Äußeren Abteilung für Eingaben wandern die Berichte einen komplizierten Amtsweg und verschlossen in Schatullen durch die Verbotene Stadt. Zu Cixi, die jede Nachricht als Erste erfährt.
Weshalb entscheidet sich die Kaiserinwitwe für die roten Männer - für eine anarchische Bewegung, die ebensowenig zu kontrollieren ist wie eine Springflut? Für ein Bündnis erbärmlich bewaffneter und halb verhungerter Bauern, die mit Messern und Dolchen herumfuchteln, absurde Dinge behaupten und vorgeben, sie seien unverwundbar, könnten fliegen, mit dünnen Baumwollfäden Häuser niederreißen oder durch bloßes Fächerwedeln die Luft entzünden?
Die vom Schamanismus geprägte Cixi weiß wahrscheinlich, dass Menschen, die sich - wie die Boxer - in Trance tanzen und besessen wähnen von Geistern, keinen Schmerz fühlen. Dehalb meint sie möglicherweise auch, dass dies der Grund für die angebliche Unverwundbarkeit der Boxer sei.
Aber es gibt andere Gründe, die ihre Entscheidung verständlich machen. Die Regentin fördert die Boxer, damit sich deren Wut nicht gegen sie selbst und die Dynastie der Mandschu richtet. Und hinter den Mauern der Verbotenen Stadt, abgeschirmt von der Wirklichkeit und ohne die Truppenstärke und die Bewaffnung der Kolonialmächte zu kennen, glaubt sie vielleicht auch, ein Aufstand der Massen könne die Macht der Fremden wenn schon nicht brechen, so doch mindern.
Anfang Mai 1900 verlegt Cixi ihren Hof wie meist zu Beginn der warmen Jahreszeit in den Sommerpalast. Dort erörtert sie mit den Staatsräten und dem Militärchef Ronglu die Frage, ob man die Boxer als kaiserliche Soldaten anerkennen solle. Die Lage spitzt sich zu in Beijing und im Land. Die französische Gesandtschaft erhält die Nachricht von einem Massaker an 60 chinesischen Katholiken, begangen von Boxern in Gaoluo, südwestlich der Hauptstadt. Der katholische Bischof von Beijing drängt den Gesandten Frankreichs, unverzüglich Schutztruppen von der Küste anzufordern. Die Morde an den Konvertierten seien nur der Anfang: "Das tatsächliche Ziel ist die Ausrottung sämtlicher Europäer." Doch nichts geschieht.
Warum bleiben die Diplomaten und die Ausländer so gut wie untätig angesichts der Ereignisse draußen im Reich und der wütenden Boxer in der Hauptstadt? Warum veranstalteten sie weiterhin Empfänge, Dinners, Theateraufführungen?
Wertvolle Zeit verstreicht, und schließlich ist es zu spät. Am 9. Juni brennen Boxer die Tribüne der Rennbahn von Beijing nieder. Cixi und der Hof kehren überraschend aus dem Sommerpalast in die Verbotene Stadt zurück, begleitet von einer Elite-Einheit aus der Provinz Gansu, aus Chinas muslimischem Westen.
Am 10. Juni - kurz nachdem im Diplomatenviertel per Telegraf die Nachricht eingegangen ist, Vizeadmiral Sir Edward Seymour machte sich nun mit 2100 Mann zum Schutz der Ausländer auf den Weg von Tianjin nach Beijing - ist die Leitung tot. Am nächsten Tag wird der Kanzler der japanischen Gesandtschaft ermordet.
Nicht von Boxern. Sondern von Kämpfern aus Gansu.
Damit schlagen sich Cixi und Ronglu offen auf die Seite der roten Männer, deren Bewegung ohnehin kaum mehr zu stoppen ist. Die Ausländer bauen ihr Viertel mit Barrikaden zur Festung aus. Und Bischof Favier verwandelt die Beitang-Kathedrale, nordwestlich der Botschaften in eine Zitadelle.
Am 12. Juni tauchen plötzlich blutrote Zeichen auf den Haustüren chinesischer Christen auf. Tausende von ihnen fliehen daraufhin ins Diplomatenviertel und in die Kathedrale. In der Nacht des 13. Juni schreibt George Morrison von der Londoner Times ins Tagebuch: "Grauenhafte Schreie im Westteil der Stadt. Das Gebrüll der Niedergemetzelten, Plünderung und Massaker." Brände erleuchten den Himmel, und das Geschrei der Boxer füllt die Nacht: "Sha! Sha!" - "Töten! Töten!" Aber noch erfolgt kein ernsthafter Angriff auf das Botschaftsviertel.
Am 20. Juni wird der Gesandte Clemens Freiherr von Ketteler von einem Offizier der kaiserlichen Armee erschossen. Der Deutsche hatte sich aus dem Viertel gewagt, um im Außenministerium vorzusprechen und herauszufinden, was die Kaiserinwitwe nun plane.
An diesem Tag drängeln sich in dem etwa zwei Quadratkilometer großen Ausländerviertel 473 Diplomaten, Kaufleute, Missionare, daneben 400 Soldaten und Wachmannschaften der Botschaften und mindestens 3000 chinesische Christen. Zehntausende von Boxern und Soldaten der Mandschu belagern das Viertel. Die Ausländer sind abgeschnitten von der Außenwelt, ihr Vorrat an Munition und Lebensmitteln ist begrenzt. Bald werden sie die 150 Tunierpferde schlachten, die sich seit dem Brand der Rennbahn im Viertel befinden.
55 Tage dauert die Belagerung. Und die Vorgänge in diesen knapp acht Wochen sind so bizarr, wie sie wohl nur ein Kampf zwischen zwei völlig unterschiedlichen Kulturen hervorbringen kann - ein Kampf, in den die Imperialisten des Fin de siècle und ein von Traditionen gefesseltes Land verstrickt sind.
Massiven Angriffen auf das Fremdenviertel folgen umgehend Friedensangebote. Kaiserliche Versöhnungsboten tauchen auf mit Melonen und Eis, und Soldaten nähern sich mit Fahnen und verkaufen den Eingeschlossenen gegen Dollar Munitionen und Waffen. Kurz darauf zerreißen wieder Explosionen die Luft. Die Herrscherin in der Verbotenen Stadt scheint zu zweifeln am Sinn des Krieges, scheint zugleich für als auch gegen die Vernichtung der Fremden zu sein, die sich erbittert verteidigen und im Leichengestank und in Wolken aus Fliegen sitzen und Pferdefleisch mit Trüffeln verzehren.
Gleich zu Beginn der Attacken, als Boxer am 23. Juni mit flammenden Fackeln angreifen, fängt die "Hanlin" - Akademie Feuer. Sie liegt im Norden des Botschaftsviertels, zwischen der Mauer der Verbotenen Stadt und der Britischen Gesandtschaft. Ihre Räume sind voll gestopft mit Tausenden in Seide gebundener Folianten, geschrieben von Meistern der konfuzianischen Lehren und der Kalligraphie. Die grandiose Bibliothek brennt nieder. Auch Cixi muss die Säulen aus Feuer und Rauch gesehen haben. Und vielleicht spürt sie, dass sich mit der lodernden Akademie das alte, das konfuzianische China in Asche verwandelt.
Am Morgen des 14. August 1900 erreichen die ausländischen Truppen unter Vizeadmiral Seymour Beijing. Es sind Japaner, Russen, Amerikaner, je ein kleines Kontigent Franzosen sowie Deutsche und britische Kolonialsoldaten aus Indien. Die Bilanz der chinesischen Angriffe auf das Diplomatenviertel bis dahin: 66 tote Ausländer, 150 Verwundete. Die Leichen der chinesischen Christen hat niemand gezählt, auch nciht die der Boxer. In der Beitang-Kathedrale, wohin sich Bischof Favier mit 3420 Menschen geflüchtet hat, kommen mehr als 400 Christen um.
Innerhalb eines Tages nach Ankunft der Truppen ist kein einziger Boxer mehr zu sehen, und auch Cixi und der Hof sind verschwunden. Mit mehreren tausend Soldaten, ihren Leibeunuchen und der Elite-Einheit aus Gansu flieht sie aus der Hauptstadt. Ihren Neffen Guangxu schleppt sie mit. Nur Ronglu bleibt zurück, um in ihrem Auftrag mit den Alliierten zu verhandeln.
Ein Ortsrichter, in dessen Dorf der kaiserliche Flüchtlingstreck rastet, notiert, Cixi und ihr Gefolge hätten ausgesehen "wie deprimierte Schakale".
DOCH CIXI kommt nicht nur mit dem Leben davon, sie scheint sogar trotz allem zu triumphieren. Zwar will jede der fremden Mächte nun ein möglichst großes Stück des Reiches. Aber genau diese Konkurrenz der Ausländer untereinander verhindert Chinas völlige Kolonialisierung. Als die Kaiserinwitwe diese Entwicklung begreift und zudem erkennt, dass die Alliierten keine politische Alternative zur Dynastie der Qing haben, erklärt sie die Flucht des Hofes einfach zu einer "Reise der Inspektion des Reiches".
Bis weit in den Sommer 1901 ziehen sich die Verhandlungen über das so genannte Boxerprotokoll hin. Es geht vor allem um die Höhe der "Entschädigungen", die China zu leisten hat. Schließlich einigt man sich auf 450 Millionen Silbertael, mit Zinsen sind das etwa 660 Millionen Dollar. Am 17. September rückt die internationale Truppe wieder ab. Der Weg ist frei für die Rückkehr des "Alten Drachen".
Am 7. Januar 1902 zieht der Hof wieder ein in die Verbotene Stadt. Die "Inspektionsreise" ist beendet. Doch es ist eine andere Herrscherin, die zurückkehrt aus dem Exil. Etwas in ihr scheint zerbrochen zu sein - und: sie hat sich abgefunden mit der Präsenz der Fremden. Fotos aus dieser Zeit zeigen Cixi häufig gemeinsam mit den Gattinnen von Diplomaten: Frauen in viktorianischen Kostümen und in deren Mitte eine kleine, alt gewordene, irgendwie geschrumpfte Kaiserinwitwe, begrapen unter ihrem Perlencape.
Cixi verbringt viel Zeit bei Aufführungen chinesischer Opern; manche Stücke beginnen am Vormittag und enden nicht vor neun Uhr abends. Wie es das Ritual vorschreibt, werden der Witwe des Kaisers nach wie vor zu einer Mahlzeit 108 Gänge auf gelbem Porzellan serviert. Obwohl sie zum Frühstück meist nur heiße Milch mit Mandeln trinkt und danach Tee, Früchte, Süßigkeiten zu sich nimmt.
Im Juni 1908 sprechen die Bulletins der Hofärzte von einem verschlechterten Gesundheitszustand der Kaiserinwitwe. Am 12. November vermerkt die ärztliche Chronik, dass Cixi nicht mehr regelmäßig Nahrung zu sich nimmt. Zwei Tage darauf bestimmt sie in ihrem letzten Edikt Puyi, den zwei Jahre und neun Monate alten Enkel ihres Protegés Ronglu, zu ihrem Thronfolger.
Puyi (rechts stehend) mit seinem Vater und kleinem Bruder
Am 14. November stirbt Cixis Neffe Guangxu, der seines Amtes beraubte Kaiser und lebenslange Gefangene seiner Tante. Cixi habeihn ermorden lassen, damit er sie keinesfalls überlebe, sagen die einen. Guangxu sei der Tuberkulose erlegen, an der er nachweislich seit Herbst 1907 litt, die anderen.
Knapp 24 Stunden später ist auch die 73-jährige Kaiserinwitwe tot. Kurz zuvor ist ihr eine schwarze Perle auf die Zunge gelegt worden, um die Lebensgeister am Verlassen des Körpers zu hindern. Dann beginnen 42 Eunuchen mit der Totenwache. Am 2. Dezember wird Puyi auf den Drachenthron gehoben. Der letzte Kaiser der Chinesen.
"Das Alte China", GEO Epoche, 2002