Canterbury Cathedral
Am 29. Dezember 1170 ritten vier Ritter in Canterbury ein.Richard Brito, Hugh de Moreville, Reginald FitzUrse und William de Tracy waren gekommen, um sich Thomas Becket entgegenzustellen, dem Erzbischof, zweitweiligen Kanzler von England, früheren Freund und nun erbittertsten Feind König Heinrichs II. Der langwährende Streit zwischen Becket und dem König hatte bereits sechs Jahre des Exils zur Folge gehabt, aus dem der Erzbischof gerade erst zurückgekehrt war; als den in der Normandie weilenden König neuerliche Beweise von Beckets Unnachgiebigkeit erreichen, macht er sich in einem seiner typischen Wutausbrüche Luft und rief aus: "Wer befreit mich von diesem elenden Priester?" Dazu nur allzu bereit, schifften sich die Ritter nach Kent ein, entschlossen, ein für alle Mal Beckets hartnäckige Opposition gegen königliche Einmischung in Angelegenheiten der Kirche zu brechen.
Eine Unterredung mit Becket nahm den üblichen Verlauf von Anklage und Gegenanklage. Als die vier Männer ihre Anhänger außerhalb des Palastes zusammentrommelten, überredeten die Mönche den Erzbischof, die Kathedrale aufzusuchen. Es war spät am Nachmittag und gerade wurde der Vespergottesdienst abgehalten. Die Ritter drangen in die Kirche ein und riefen durch die Dunkelheit nach Becket. Voller Verachtung beschimpfte dieser sie und schüttelte sie ab, als sie ihn zu packen versuchten, wobei er FitzUrse zu Boden stieß. Wenige Augenblicke später rief Tracy: "Schlagt zu! Schlagt zu!" und ein Schwert drang tief in Beckets Kopf; als Brito ihm den Todesstoß versetzte, rief der Erzbischof einen früheren Märtyrer von Canterbury an, den hl. Alphege, und murmelte: "Im Namen Jesu und für die Verteidigung der Kirche bin ich bereit zu sterben." Die Wucht von Britos Schlag hieb Becket die obere Schädelhälfte ab und ließ die Schwertspitze auf dem Steinboden zerschellen.
Sein Leichnam wurde in der Krypta beigesetzt; zwei Tage später begann sich jene Reihe von Wundern zu ereignen, die 1173 die Heiligsprechung Beckets, seine Aufnahme in die "Gemeinschaft der Märtyrer", durch Papst Alexander III. rechtfertigen sollte. Rasch wurde Canterbury zum populärsten Wallfahrtsort im England des Mittelalters - Ziel frommer Reisender auf dem Pilgerpfad von Winchester durch Südengland nach Canterbury, üppige Einnahmequelle für die Kathedrale und den örtlichen Klerus und Hintergrund für Geoffrey Chaucers Ende des 14. Jahrhunderts verfaßte Canterbury Tales.
Vieles von dem Glanz, der noch heute von Architektur und Ausschmückung der Kathedrale ausgeht, gründet sich auf den Reichtum, den die Pilgerfahrten brachten, und zweifellos gedieh auch Canterbury selbst als Folge davon. Es war freilich schon Jahrhunderte vor dem Martyrium des hl. Thomas eine blühende Stadt, die in christlichem Glauben bereits zu Zeiten der Römer florierte. Am Pfingstsonntag des Jahres 597 ließ sich König Ethelbert von Kent vom hl. Augustin taufen, eine Handlung, die die erste offizielle Anerkennung des Christentums in einem der angelsächsischen Königreiche versinnbildlichte. Augustin, der erste Erzbischof von Canterbury, übernahm als Kathedrale vermutlich eine schon bestehende Kirche und weihte sie erneut und bis auf den heutigen Tag dem Heiland Jesus Christus.
Marodierende Dänen plünderten diese Kirche später. Raubend und brandschatzend fuhren sie mit ihren Langschiffen die Flüsse hinauf, nahmen Erzbischof Alphege in der Hoffnung auf Lösegeld gefangen und verschleppten ihn in ihr Lager nach Greenwich. Seine Weigerung, andere um seinetwillen in Geldnot zu stürzen, erzürnte die Dänen so sehr, daß sie ihn nach einem Trinkgelage als Zielscheibe benutzten und ihn so lange mit Ochsenknochen bewarfen, bis er tot war.
Nachdem man sie zunächst wieder in Stand gesetzt hatte, brannte die alte Kathedrale im Jahre 1067 bei einem verheerenden Feuer, das in der Stadt ausbrach, vollkommen nieder. Als Lanfranc drei Jahre darauf zum ersten normannischen Erzbischof geweiht wurde, mußte die Feierlichkeit behelfsmäßig inmitten der Ruinen abgehalten werden. In Lanfranc erwuchs Canterbury einer jener zur Unabhänigkeit entschlossenen, visionären Geister, die das religiöse Leben Englands so nachhaltig und dauerhaft beeinflußten. Er gestaltete das Kloster von Grund auf um und nahm den Wiederaufbau der Kathedrale in Angriff. Dieses neue Bauwerk, ein eindrucksvolles Schiff mit einem bescheidenen Altarraum an der Ostseite, wurde im Oktober des Jahres 1077 geweiht.
Ein Großteil der noch heute in der Kathedrale vorhandenen romanischen Bauteile jedoch gehört nicht in die Amtszeit des tatkräftigen Lanfranc, sondern in die seines Nachfolgers, eines ebenso bewundernswerten, charakterlich aber verschiedenartigen Mannes. Der weise und fromme Erzbischof Anselm war ein Gelehrter von internationalem Ruf. Ein unbestreitbar kosmopolitischer Geist geht denn auch von den kleinen Tempeltürmen an den beiden östlichen Querschiffen und von der gewaltigen Krypta aus, die die größte dieser Stilperiode in England ist und deren Ausschmückung mit verzierten Kapitellen und Säulen die Einflüsse Italiens, Byzanz' und des islamischen Ostens erkennen läßt.