Bulgarien
"Dobré doschli"
2.Juli 1999
Nun sind wir also da! Es ist 6 Uhr morgens und ich sitze alleine am Balkon mit Tränen in den Augen. Ich habe noch nie etwas so Schönes gesehen. Bisher hatte ich immer nur Zimmer mit Ausblick auf Hotelanlagen, oder Discotheken, aber noch nie direkt aufs Meer. Seit 5 Uhr liege ich wach und höre die Möwen kreischen, jetzt bin ich endlich aus dem Bett und beobachte sie lieber.
Es ist noch ganz ruhig, keine Menschenseele auf der Straße, weit weg - oben in den Lüften zieht ein Greifvogelpaar seine Kreise (Guido wüßte sicher genau, was hier fliegt - aber ich mag ihn nicht wecken). Hier und da: kleine Geräusche aus den Lokalen, die ersten Frühstücksvorbereitungen werden getroffen...
Aber nun muß ich doch beim gestrigen Tag beginnen, sonst wäre das Tagebuch ja nicht komplett, auch wenn ich mich nur schwer von diesem Moment lösen kann:
Um 17:50 startete unsere Maschine, wobei wir vorher im Zubringerbus vom Flugkapitän etwas gehetzt wurden, auf alle Fälle sehr schnell einzusteigen und uns auf unsere Plätze zu begeben, damit es keine große Verspätung gibt. Aber Streß läßt man sich im Urlaub ja gerne gefallen.... Die Maschine war superklein und eine russische. Ein bißchen mulmig ist einem ja schon zumute, bei so einer kleinen Mühle. Wie immer , begann für mich auch diesmal der Urlaub bereits im Flugzeug und ich genoß den Kaffe, das Essen und den Blick auf die Wolken.
Der zweistündige Flug war rasch vorbei und wir landeten im dunklen Burgas, wo wir sehr rasch unser Gepäck bekamen, und von einer hungrigen Armee Stechmücken freudigst begrüßt wurden. Mit strenger Mimik stempelte eine Frau unsere Päße ab - ob sie wohl schon mitbekommen hat, daß es den "Eisernen Vorhang" nicht mehr gibt? Und wir wechselten die ersten 100 DM in zigtausende Leva. Von unserer LTU-Leiterin wurden wir bereits erwartet - nicht ganz so ausgehungert wie die Stechmücken - und zum Bus gebracht. Nicht sehr viele Leute befanden sich darin und die meisten sprachen Bulgarisch - was ich schon sehr sympathisch fand!
Flott wurden wir zu unseren Hotels befördert und unseres erkannte ich sogar im Dunkeln - es sah wirklich so heimelig aus, wie im Prospekt und auch der kleine Tisch mit den Stühlen, bei dem ich mich schon zu Hause in meinen Tagträumen sitzen sah, stand da und erwartete mich einladend.
Nur hastig warfen wir einen Blick in unser Zimmer und die Koffer hinein, um uns sofort - egal ob es stockdunkel war - zum Strand zu begeben, der bloß 30 Meter vom Hotel entfernt lag. Die Begrüßung hätte nicht schöner sein können: über uns am Baum saß ein kleiner Kauz und vor uns der rote über dem Meer aufgehende Mond. Danach saßen wir noch in unserem Hotel im Freien, tranken einen vorzüglichen Weißwein (respektive Cola), verarbeiteten die Reise und die Tage, die noch vor uns lagen und staunten über die Preise auf der Speisekarte: z.B. Salat - DM 1,- oder Suppe - DM 1,- ... etc.
Jetzt sitze ich einfach nur da, am Balkon und genieße diese Ruhe, die immer noch herrscht, die Schreie der Möwen, die nah an mir vorbeiziehen und das Rauschen des Meeres, das sich zum Chor versammelt hat mit den Bäumen, deren Blätter im Wind rascheln. Eigentlich wollte ich mein Schreiben ja schon beenden, aber ich würde am liebsten jeden Moment hier festhalten. Es ist mittlerweile 7 Uhr und immer noch herrscht friedliche Stille. Die Möwen machen langsam Platz für meine Lieblingsvögel - die Elstern, frech schimpfend unterhalten sie sich über die Baumwipfel hinweg. Von irgendwo dringt Musik zu mir, jemand der wahrscheinlich schon seiner Tagesarbeit nachgehen muß hat das Radio angedreht.....
Ich denke, ich werde nun duschen und mich anziehen, mich hält es keine 5 Minuten mehr hier - ich will an den Strand!!!!!
16:15 Uhr - Ortszeit, immer noch 2. Juli 1999
Hach, ist das schön hier! Obwohl es eben wie aus Schaffeln gegossen hat. Um 7:30 habe ich die beiden aus dem Bett geschmissen und wir waren die ersten beim Frühstück. Was für ein bombastisches Mahl, das fast keinen Platz mehr auf dem Tisch ließ: Würstchen, Käse, Spiegelei, Rohkostsalat (Schopska - Tomaten, Gurken und geriebener Schafskäse), Weißbrot, Butter und Marmelade dazu Kaffe oder Tee. Als wir fertig waren, gab es noch Honigmelone... HIILFE, wir werden hier noch fett!
Danach machten wir mit einigen Bulgaren Bekanntschaft, die allesamt wunderbar Deutsch sprechen und eine natürliche Freundlichkeit besitzen, die einem als Tourist herzlich willkommen fühlen läßt. Wir gingen doch nicht sofort zum Strand sondern bummelten erst einmal auf den Einkaufsstraßen entlang, aber nachdem wir die ersten Leva für unnützes Zeugs ausgegeben hatten fanden wir uns endlich am Strand ein. Da der Himmel bewölkt war, gab es erst einmal keinen Sonnenschock für unsere arme weiße Haut und die ersten Stunden waren sehr erträglich, das Meer hat eine angenehme Temperatur und der Sand ist feinkörnig und hell.
Nach 3 Stunden allerdings, zog ein heftiges Gewitter auf, das man am Horizont regelrecht wandern sehen konnte. Rechtzeitig packten wir unsere 7-Sachen zusammen und flüchteten zum Hotel zurück, bevor uns der Wolkenbruch erwischte und der Sturm uns wegfegen konnte.
3.Juli 1999
Nach dem Abendessen in einem Restaurant direkt am Strand, in dem wir die erste Bekanntschaft mit einer der vielen vielen streunenden Katzen machten (mit der ich mein Schnitzel teilte), fühlten wir ein bißchen Entdeckerlaune in uns und der Weg führte uns zu einer Bimmelbahn (ohne Schienen), deren Fahrt den Sonnenstrand entlang ging. Wir fuhren allerdings nur eine Strecke und stiegen dann in ein Taxi um und fuhren spontan ins nahe gelegene Nessebar - einer antiken Stadt, die zum Weltkulturerbe gehört. Unterwegs sahen wir viele Hotels, die sehr an den ehemaligen Ostblock erinnerten und wir waren einmal mehr über unsere eigene Unterkunft froh, die so heimelig und baumüberwachsen war.
Der Taxifahrer bot uns Zigaretten an (ich gab ihm eine von meinen - lieber nichts schuldig bleiben) und in Nessebar angekommen, gab er uns noch Ratschläge, wie: "Vorsicht vor den Zigeunern und ihren Waren, die sie feilbieten." oder "Ja niemals Geld auf der Straße wechseln, da man Gefahr läuft bei der riesigen Menge an Scheinen, sich einige Falschnoten einzuhandeln". Natürlich waren die Ratschläge sehr nett, aber auch nicht unbedingt uneigennützig, denn er bot sich recht bestimmt an, uns wieder abzuholen... aber wir wollten uns auf gar keinen Fall festlegen und lehnten dankend ab.
Der Anblick, als wir in den alten Fischerhafen reinfuhren, war überwältigend. Alte Häuser, Fischerboote und durch das Dämmerlicht war der Blick aufs Meer einfach berauschend: eine endlose Weite, die das Auge regelrecht hypnotisierte. Himmel und Meer grau-blau-rosa, ohne Übergang - einfach sich Fallenlassen und den Alltagskram vergessen. Schade, daß man Stimmungen so schlecht mit der Kamera einfangen kann.
Endlich losgelöst von diesem Anblick, bummelten wir die alten Strassen entlang und fragten uns, wer aller wohl hier schon im Laufe der Geschichte gewandelt sein mag. Wir entschieden uns für ein sehr vornehm aussehendes Lokal an einer Klippe mit direktem Blick aufs Meer. Holzwände, schöne rustikale Dekoration - eine enge Treppe führte ins Lokal, die Kellner (geschultes Personal) in schöner Arbeitstracht und eine reichhaltige Speisekarte. Aus den Lautsprechern drang dezent Luis Armstrongs Stimme mit "Ochi Tschorno" - toll, eine weitere Stimmungsperle für unsere Erinnerungssammlung.
Im Dunkeln sammelten wir weiterhin erste Eindrücke dieser wunderbaren alten Stadt, denn eines war sicher: wir würden in den nächsten Tagen noch öfter hier sein. Irgendwann wurde es langsam Zeit an die Rückfahrt zu denken, und ganz mutig wählten wir den öffentlichen Bus, in dem nur Einheimische fuhren. Aber nur so macht Urlaub auch wirklich Spaß und das einzige was passieren konnte - man verfuhr sich.... ;o) Der Preisvergleich machte uns wieder staunend: die Bimmelbahnfahrt zusammen mit dem Taxi kosteten zusammen umgerechnet DM 9,50 und die Fahrt im Autobus für 3 Personen ganze 900 Leva - was in etwa 90 Pfennig entspricht. Und obendrein war es abenteuerlich in diesem alten DDR-Bus zu sitzen und wir waren ganz stolz auf uns, daß wir so zielsicher im Dunkeln wieder nach Hause gefunden haben.
Heute morgen wachte ich nicht ganz so zeitig auf, erst um 8 Uhr, aber noch halb in Trance zog es mich magisch auf den Balkon, wo ich "meine" Möwen begrüßte und im Gedanken das Meer küßte. Nach dem opulenten Frühstück ging es zum Strand, von wo aus ich mitten im Meer stehend meine Mutter vom Handy aus anrief, damit sie das Rauschen hören konnte - ich glaube, das war der eigentliche Grund, warum ich mir den Telefonierknochen überhaupt zugelegt hatte ;o) .
Wieder wurden wir vom selben "Mann mit den Liegestühlen" aufs freundlichste begrüßt und er freute sich über mein mühevoll auswendig gelerntes "Dobro utro" (Guten Morgen) und "blagodarje" (danke). Ganz besonders genossen wir das Publikum am Strand: keine Schickimicki-Tussen mit Vorzeigekörper, keine gestählten Bodybuilder - bereits am Tag der Ankunft sonnenbankgebräunt..... nur normale Menschen, die wie du und ich, einfach nur entspannen wollen. Die Mehrheit der Touristen waren Russen oder Bulgaren, die paar Deutschen und Engländer fielen kaum auf. Zwischendurch kosteten wir uns ein bißchen durch das Angebot: hier laufen ständig Menschen vorbei, die ihre Waren feilbieten: Riesenkreppel mit Vanillefüllung, Pfannkuchen (die übrigens genauso heißen wie in Österreich: Palatschinken), Obst, Eiscreme, gekochter Maiskolben, süße Brezel, Getränke...... Ganz besonders in Erinnerung bleiben werden, uns folgende "Marktschreie": "Mais bitteschoin, Kukuruzza baschalsta" "Fresche Brietzel" "Eis, very kalt!"
4. Juli 1999
Nun sitze ich wieder auf meinem Stammplatz am Balkon, neben mir drei knallig bunte Luftmatratzen - unser Neuerwerb.
Gestern war der erste Abend, der uns etwas abgenervt hat. Wir sind also wie geplant, runter zum Essen und haben uns schon auf Calamares gefreut, allerdings waren leider keine da. Kein Problem, wir speisten trotzdem vorzüglich. Allerdings: Samstag ist Livemusik-Tag und anscheinend sind Elektronische Orgeln das beliebteste Musikintrument hier in Bulgarien: hinter uns stand ein Organist, der irgendwelche Medleys herunterleierte: Wiener Blut, Europahymne, Abba-Songs..... also die Art von Musik, die auch im Original Guido und mir das Blut in den Adern gefrieren läßt. Deshalb schlangen wir das wunderbare Essen eher hinunter und flüchteten schnell aus dem Hotel. Aber als wir durch die abendliche Einkaufsstraße bummelten, stellten wir fest, daß unser Organist aus dem Hotel wohl einige Brüder, Cousins und Onkel hat, die alle irgendwo in diversen Lokalen mit der selben billigen Software orgeln - und zwar das gleiche Repertoire.
Aber ungeachtet der Musik, setzten wir erst einmal eines unsere Vorhaben um: wir wollten uns nämlich erkundigen, ob man auch ohne Reiseführer und Reisebüroangebot mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Sozopol (einem verschlafenen Fischerdorf) und nach Burgas (größte Stadt in der Nähe) kommen kann : sprich - wir wollten erfragen, wo die passenden Bushaltestellen dafür wären. Ein von uns angesprochener Reiseagent, holte sofort eine dicke Mappe hervor und offerierte uns exakt die teuren Angebote, die wir eben nicht wahrnehmen wollten. Er drukste herum, wand sich, verstand plötzlich kein Deutsch... aber wir blieben hartnäckig, bis wir eine mürrische Auskunft bekamen: es gäbe wohl eine Busverbindung nach Burgas.... Also machten wir uns erst einmal auf die Suche, denn den genauen Standort hätten wir wohl nicht mehr aus ihm herausbekommen.
Gemächlich schlenderten wir durch die uns noch fremden Gassen und mehr durch Zufall fanden wir nach einer Weile auch die abgelegene Bushaltestelle. Eine Art von VW-Bus, mit ca. 12 Sitzen und die warten ab 7 Uhr morgens, wenn einer voll ist, dann fährt er los. Froh über unsere Entdeckung schlenderten wir langsam wieder zurück und um 22 Uhr setzten wir uns ins "Marina", einem Strandlokal direkt gegenüber unseres Hotels, in dem wir normalerweise immer unseren Kaffee trinken, wenn wir sandig vom Strand kommen. Zwischen 22 und 24 Uhr gab es hier "Glückliche Stunden", in denen man zwei Cocktails zum Preis von einem bekommt. Etwas angeheitert kamen wir ins Hotel zurück - in dem der Organist gerade "Mariandl aus dem Wachauerlandl" anstimmte - und geduckt flüchteten wir aufs Zimmer.
Heute morgen ging es nach dem Frühstück zum Strand von wo wir mit einem Boot nach Nessebar fuhren, das wir uns diesmal bei Tageslicht ansehen wollten. Während der Fahrt strich uns der Fahrtwind durchs Haar und wir versuchten die vielen Quallen im Wasser zu sehen - diese kleinen "gläsernen" Tierchen. In Nessebar angekommen, zogen wir erst durch die Altstadt, wo wir Ansichtskarten kauften, die wir dann bei einem leckeren Kaffee in einem stimmungsvollen Restaurant am Meer schrieben - aus den Boxen tönte griechische Musik. Das Schlendern war das reinste Vergnügen, da noch keine Touristen unterwegs waren - die nämlich aalten sich noch in der Sonne am Strand. Nun könnte man meinen, daß es zum Schlendern zu heiß gewesen wäre, aber es zogen wie immer ein paar Wolken herum und dies war die ideale Grundlage zum Bummeln. Ich konnte nun auch endlich die alten Häuser und Klöster fotografieren. Zu Mittag setzten wir uns in ein Straßen-Imbiß und kosteten uns durch das Angebot: frische gebackene Scholle, Schafskäse und Kartoffeln, Aal, Kabaptsche... Danach machten wir einen Spaziergang zum Hafen, wo wir uns auf die Wellenbrecher setzten und ins Meer starrten. Noch ein kleiner Abstecher in die alten Gassen, hier und da ein Souvenier gekauft und ein kleiner Abschiedskaffee. Als wir bei der Haltestelle auf den Bus warteten, sahen wir einen alten Dudelsackspieler, der echte Folklore zum besten gab, schade eigentlich daß dies hier eher selten ist.
Zurück im Hotel wurde geschlafen und Tagebuch geschrieben, abends machten wir den gewohnten Rundgang auf dem wir eigentlich die Orgelspieler zählen wollten... aber wir mußten ob der Vielzahl kapitulieren. Schlimm ist halt nur, weil man auch nicht in die Lokale gehen kann, in denen niemand orgelt, da diese ja mit Sicherheit an ein Lokal grenzt in dem georgelt wird. Also zog es uns letztendlich wieder ins "Marina" in dem 80er Pop gespielt wurde. Außerdem gab es da ein Duo, das gekonnt einige Fleetwood Mac Nummern dudelte und auch ein paar REMs im Repertoire hatte. Und wir schätzten es sehr, daß der männliche Part auf einer stinknormalen "Klampfe" zupfte und keine Orgel hatte.
7.Juli 1999
Nun habe ich einiges aufzuholen, aber leider nicht nur Erfreuliches, denn Sarahs und mein Magen sind lädiert. Vorgestern Abend, als noch alles gut war, sind wir draufgekommen, daß es ein Irrglaube war, daß die Orgelspieler nur am Wochenende losgelassen werden - nein, sie sind Saisonorgler!!! Was natürlich für uns bedeutete, jeden Abend erneut auf die Suchen nach dem optimalen Lokal zu gehen.
Wir mußten einige Besorgungen machen, wie: Ansichtskarten aufgeben und Geld wechseln und unterwegs aßen Sarah und ich Eis am Stiel - tja und das war's wohl!
Tagsüber stellten wir begeistert fest, daß unser Hotel bis auf weiteres auf den Organisten verzichtete. Wir setzten uns also abends wieder an unser Stammtischchen und genossen Wein und Bier in der lauen Luft und die Stille!!! Unsere Kellnerin (eigentlich die Schwiegermutter des Geschäftsführers) hatte genügend Zeit um sich zu uns zu setzen und wir führten ein nettes Gespräch über Gott und die Welt.
Am nächsten Tag wachte ich mit Magenkrämpfen auf, und Sarah verbrachte auch schon einige Zeit permanent auf der Toilette - also brachten wir diesen Tag krank auf unserem Zimmer zu und ließen uns von Guido Kräutertee und Weißbrot bringen. Abends ging es uns soweit wieder ganz gut, daß wir eine Kutschfahrt wagen wollten, mit einem der berümten Pferdewagen vom Sonnenstrand. Allerdings fegten uns die eher hohen Preise für die Fahrten fast aus den Schuhen. Wir lehnten dankend ab und spazierten im Dämmerlicht den Strand entlang, der Kutscher verfolgte uns noch eine Weile mit seinem Pferdegespann und rief uns immer preisgünstigere Fahrten entgegen, aber bei uns setzte bereits eine Jusamenthaltung ein und wir stiegen erst recht nicht ein.
8.Juli 1999
Wir haben etwas für unsere sportliche Ader getan.... wir mieteten uns ein Zweierfahrrad (mit 3 Sitzen). Guido lenkte und strampelte und ich strampelte nur, Sarah saß gemütlich in der Mitte und freute sich über die schöne Aussicht. Bei allen anderen sah das immer so locker und leicht aus, die uns mit entspannten Gesichtern entgegenradelten, wenn wir promenierten ... aber wir Weicheier schafften es gerade mal eine halbe Stunde (vielleicht 3 km ?) und sahen verschwitzt wie die 7 Zwerge beim Tagbau aus. Nun gut, zumindest gibt es jetzt ein cooles Urlaubsfoto, auf dem es aussieht, als wären wir die spotlichsten Menschen überhaupt. Danach kam die eigentliche "Qual": 4 Stunden Krassimir und seine Orgel (sein letzter Tag in unserem Hotel). Da er sich so rührend um unser Wohlergehen gekümmert hatte und uns mit Tipps gegen Magenkrämpfe und Durchfall bedachte.... mußten wir ja wohl in den sauren Apfel beißen.
Ich versuchte das Beste aus der Situation zu machen und pfiff und sang nebenbei bei jedem seiner runtergeleierten Schlager mit... was ihn wiederum zu der Meinung brachte, ich sei selbst Musikerin. Aber somit konnte ich ihn in seinen (viel zu kurzen) Pausen in ein Gespräch verwickeln, in dem ich mir regelrecht zwei bulgarische Volkslieder erbettelte. Er ließ mich in seine liebevoll geführten Notenbücher schauen, und das ließ mich nur ahnen, welcher Horror noch auf uns warten sollte: Schneewalzer, Kornblumenblau, Wolfgang Petry..... alles aber auch wirklich alles an Sünden der deutschen Musikbranche war hier versammelt auf liebevoll bekritzelten vergilbten Blättern. Aber mir zuliebe spielte er ja dann doch noch ein bulgarisches Liedchen von Emilio Dimitrov "Monica"... sofort kam Stimmung auf und ein alter Bulgare hinter uns sang eifrig mit. Aber dann gab's sofort wieder ein Heintje-Medley - auf seine selbstgebastelten Medleys war er ganz besonders stolz, der liebe Krassimir: 17 verschiedene Lieder in 3 Minuten, wobei es ihm völlig egal war, ob nun das Kufsteinlied auf ein Hamburger Seemannslied folgte - Hauptsache: deutsch!
Um Mitternacht flüchteten wir dann doch auf unser Zimmer, bevor die Magenwände wieder zu rebellieren beginnen konnten, aufgrund der Musik. Von da aber hörten wir gleich 3 verschiedene Orgelspieler und sonstiges Musikgezöcht....
Musik mag ja nun wirklich Geschmackssache sein, aber wenn schlechte Musik auch noch falsch gespielt wird, dann hört sich der Spaß aber wirklich auf!
9.Juli 1999
Heute Morgen gings gleich um 8 Uhr zum Frühstück und danach mit dem Autobus nach Burgas. Auf einem Schild lasen wir, daß diese auch direkt weiter bis nach Sozopol fuhren, da die Tickets pro Person nur DM 1,80 kosteten, dachten wir, daß das Stückchen weiter ja nicht die Welt kosten könnte, aber weit gefehlt: "Hundert Mark", sprach der Gute und wir konnten uns das Lachen nicht verkneifen. "Na gut, sechzig Mark", ließ uns das Lächeln im Gesicht erstarren und wir entdeckten bald darauf in Burgas die offizielle Busverbindung nach Sozopol für DM 1,40 pro Person.
In den Bussen hatte es 300.000 °Celsius und zu sehen gab es viel: Ziegenherden, Maultiere und verfallene Häuser, typische Plattenbauten und leider viel Armut. In Sozopol angekommen brütete die Sonne und es war zum Umkommen heiß. Wir irrten an der Küste entlang und waren ein bißchen enttäuscht - allerdings was hatten wir eigentlich unter einem "verschlafenen Fischerdörfchen" erwartet? Wir versuchten jeden Schatten zu erhaschen und fanden schließlich auch ein nettes kleines Lokal direkt am Meer, wo wir erst einmal unseren Durst stillten. Hier stellten wir fest, daß der Tourismus noch nicht so um sich gegriffen hat, denn fast niemand sprach hier Deutsch oder Englisch, was unser Dasein noch ein bißchen abenteuerlicher machte. Endlich fanden wir auch das Zentrum, das lediglich aus einem kleinen Park und unzähligen kleinen Souvenierständen bestand - wo alles noch mal um die Hälfte billiger war als am Sonnenstrand, was eigentlich kaum noch möglich war. Beim Schlendern durch die kleinen verschlafenen Gassen entdeckten wir einen Mann mit einer Hundskopfboa um den Hals, der uns in sein Miniterrarium lockte, das trotz seiner Kleinheit eine skurille Urlaubserinnerung wurde.
Danach fuhren wir zurück nach Burgas. Da es erst kurz nach 15 Uhr war, gingen wir dort ein bißchen durch die Gassen und machten einen Einkaufsbummel. Durch die Strassen zu schlendern war interessant aber auch deprimierend, da überall die Häuser in einem sehr desolaten Zustand waren. Einmal mehr wurde uns die Armut dieses sonst so schönen Landes vor Augen geführt.
Im Zentrum von Burgas fanden wir eine Fußgängerzone mit unzähligen Cafes und kleinen Lädchen, die dem Touristen ein bißchen Wohlstand vermitteln sollen. Mit knurrendem Magen und ausgedörrter Zunge setzten wir uns in ein nettes kleines Lokal und sahen dem schläfrigen Treiben auf den Straßen zu. Hier machten wir auch Bekanntschaft mit der Bulgarischen Gestik. Ein kurzes Kopfschütteln heißt hier nämlich "Ja" und ein Nicken "Nein".... wirkte ziemlich lustig, als Guido fragte, ob er noch eine Cola haben könne und mit der entsprechenden Gestik erst einmal verwirrt wurde.
11. Juli 1999
Wir beschlossen abends in ein Folklorelokal , das uns empfohlen wurde, als wir mit dem Fahrrad eine kurze Rast davor machten, zu besuchen. Damals sprach uns ein "Touristenfänger" an, und das war gut, denn von außen sieht dieses Lokal nicht wirklich einladend aus, und man würde niemals eine Show vermuten mit Volkstanz und Feuerlauf. Ein bißchen gemischt waren unsere Gefühle schon, weil wir ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnten, was uns unter dem Deckmäntelchen "Folkloreshow" alles erwarten konnte. Auf dem Weg dahin, kamen wir an einem anderen Lokal vorbei und jemand rief unsere Namen - Krassimir. Er begrüßte uns überschwänglich und erzählte uns, daß er nun hier in diesem Lokal spielte (worauf wir sofort beschlossen, dieses Lokal NIEMALS zu betreten - noch ein Lokal das er kaputtorgeln konnte). Ohne Pinocchionase versprachen wir "auf alle Fälle mal vorbeizuschauen" und verschwanden schnell um die nächste Ecke. Da lauerte schon der nächste "Locker", der uns zu überzeugen versuchte, daß "sein" Lokal das Beste am ganzen Strand sei - ich unterbrach ihn und fragte: "Spielt bei ihnen jemand Orgel?" Er verstand erst nicht, aber nach einigen Sekunden meinte er: "Aber natürlich Madame!" Worauf wir ihn ignorierten und weitergingen.
Endlich kamen wir ins "Bris", zur Folkoreshow und der Mann vor der Tür bat uns überhöflich ihm zu folgen, beim Eingang saß eine alte Frau beim Webstuhl, schwarz gekleidet mit schwarzem Kopftuch, es wurde uns erklärt, daß sie die Mutter des Hauses sei. Im Hintergrund geigte eine Zigeunerkapelle auf und eine in bulgarische Tracht gekleidete Frau begrüßte uns mit einem Stück Weißbrot und Gewürzen. Nach dem nächsten Durchgang stand bereits die nächste Trachtenfrau, die uns ein Glas Weißwein oder Weintraubenschnaps reichte. Der Eindruck war schon toll, endlich ein Anflug von Urtümlichkeit und Tradition - auch wenn man weiß, daß dies alles nur für die Touristen veranstaltet wurde. Der Innenhof war rustikal gestaltet, mit unzähligen Webdecken an den Wänden und bäuerlichen Werkzeugen, Keramik auf den Tischen, irgendwo krähte ein Hahn und zwei Schildkröten krabbelten zur Belustigung der Kinder frei herum. Und in der Mitte ein Lagerfeuer. Wir aßen sehr stilvoll und lecker, zu den gleichen niedrigen Preisen wie auch sonst.
Gegen 22 Uhr ging es dann los: eine kleine Musikgruppe kam musizierend herein, Tänzerinnen zeigten verschiedene landesübliche Tänze, zwei Eselskarren zogen durch - es war alles ziemlich stimmungsvoll. Danach folgte der Höhepunkt des Abends, der Feuertanz. Alle Lichter wurden ausgedreht und ein Tänzer zeigte sehr eindrucksvoll einen religiös angehauchten Tanz auf den glühenden Kohlen. Wirkte sehr kraftvoll und atemberaubend.
Leider wurde es sehr hektisch nach der Darbietung, ähnlich wie im Kino, wenn der Film zu Ende ist und die Leute bereits vor dem Abspann aus dem Raum flüchten.
13.Juli 1999
Den gestrigen Abend verbrachten wir wieder mit unsere Kellnerin. Es stürmte schon den ganzen späten Nachmittag hindurch, so daß ich am Balkon sitzend, dachte, meine Brille wäre dreckig - aber nein, es war der feine Sand, der durch die Luft wehte und die Sicht trübte. Der Wind machte einen ohrenbetäubenden Krach und am Strand war kein Mensch mehr zu sehen.
Als wir in unsere Hotelbar gingen widerfuhr uns ein eisiger Schreck - Krassimir saß da. Panisch überlegten wir herum, aber da es schon nach 20 Uhr war und seine Orgel weggepackt, nahmen wir doch an, daß er nicht spielen würde. Wir überlegten, ob er wohl in dem anderen Lokal bereits rausgeschmissen worden war - jedenfalls blieb er uns erspart. Durch den heftigen Sturm aßen wir in den geschützten Räumlichkeiten und wurden mit Musik vom Band betüdelt, abwechselnd griechische und bulgarische. Wir lernten die Sängerin "Toni Dimitrova" schätzen, die zart kitschige Lieder mit wunderbar kräftiger Stimme singt. Wir saßen sehr lange mit Marina unserer Kellnerin zusammen und im Kauderwelsch zwischen Deutsch, Englisch, Bulgarisch und Französisch unterhielten wir uns über alles Mögliche und nach einigen Gläschen bulgarischen Rotweins (der übrigens von Spitzenqualität ist), versuchte sie mir Bulgarisch und ein paar Volkstänze beizubringen.
Heute wollten wir uns die Neustadt von Nessebar ansehen und danach wieder unsere geliebte Altstadt heimsuchen. Es stürmte noch immer und somit war ein Besuch des Strandes ohnehin nicht möglich, die Wellen waren zu hoch und der Sand wehte gnadenlos um die Ohren. In Nessebar fanden wir ein nettes Lokal "Old Tower" mit tollem Blick auf das stürmische Meer, ein alter verfallener Turm daneben und ein Fischerboot, in dem man ebenfalls sitzen konnte - wenn das Wetter nicht so ungemütlich gewesen wäre. Uns fiel auf, daß auch hier griechische Musik gespielt wurde: warum zum Kuckuck wehren sich die Bulgaren so gegen ihre eigene Musik und wo zum Teufel bekommen sie die griechische Musik her, all meine Versuche griechische CDs zu kaufen schlugen fehl.
An dieser Stelle möchte ich auch einmal über die Bulgarischen Toiletten schreiben, die einfach eine Erwähnung wert sind: es gibt kaum Lokale, die bereits eine Toilette integriert haben. Selbst in den feinsten Lokalen, wird man, auf die Frage wo denn die Örtlichkeiten zum Näschenpudern seien, erst einmal aus dem Lokal gelotst, über mindestens eine Straße geführt einmal um die Ecke und hinein in ein privates Wohnhaus, wo dann eine Oma oder ein Opa bereitwillig vom Fernseher aufsteht und einem einen Schlüssel und Klopapier in die Hand drückt! Ein Nebenerwerb für Rentner???? Vermietung der eigenen Klos an die Touristenlokale während der Saison?
So ein ominöser Toilettenbesuch erwartete uns auch im "Old Tower", wie gewohnt ging es ersteinmal über die Straße hinein in ein fremdes Haus und auf der Toilette erwartete uns: das typische qualitätslose Klopapier, das eher einem Sandpapier gleicht, rinnende Leitungen die in verworrenen Winkel und Geraden quer durch den Raum gelegt waren, verstopfter Spülfluß, eine bis zur Unkenntlichkeit aufgeweichte Seife, die nur noch am Geruch als solche erkennbar war - hätte aber auch ein Patzen Niveacreme sein können - und eine Wasserleitung die bei Kaltwasser nichts macht (außer daß die Leitungen hinter der Kloschüssel aufhörten zu tropfen) und bei Warmwasser kaltes Wasser freigab - stotternd und spuckend. Bisher waren wir generell nur auf zwei Toiletten gestossen, die selbst in Mitteleuropa den Namen Toilette verdienten, ich sage nur eines: in unserer Hotelbar war es nicht!!
Danach zogen wir noch unsere Runden und gegen Abend verschlug es uns in ein Restaurant, das sehr gediegen wirkte mit den Korbsesseln und samteingeschlagener Speisekarte mit Riesenauswahl. Wir suchten ziemlich lange nach einem Gericht unserer Wahl und der Kellner fragte immer mal zwischendurch, ob wir uns schon entschieden hätten. Endlich war es so weit und wir legten unsere Wünsche dar und er verneinte und deutete auf zwei Speisen, diese und NUR diese gäbe es. Schön daß er uns für diese Erkenntnis so lange suchen ließ. Daraufhin beschlossen wir einfach nur etwas zu trinken und lieber in ein anderes Lokal essen zu gehen.
14. Juli 1999
Gestern machten wir endlich unser Vorhaben wahr: einmal in das benachbarte Dorf zu spazieren, das uns schon die ganze Zeit vom Strand her lockt. Es sah wieder einmal eher regnerisch und bewölkt aus und anfangs war es auch angenehm zu Gehen, aber ca. 1 km davor fing es an ungemütlich zu werden, denn der Weg führte an der Autostraße entlang, was nicht so toll war. Wir legten eine Zigarettenpause ein und siehe da, plötzlich hielt genau ein öffentlicher Bus vor unserer Nase. Sofort traten wir die Zigaretten aus und stiegen überglücklich ein. Auf dem Schild sahen wir dann auch, daß der Bus sogar bis Elenite fuhr, was bei uns im Reiseführer ebenfalls beschrieben war. Wir waren sehr neugierig auf das Neue das nun vor uns lag.
Der Bus führte uns an einsame Küsten vorbei, mit Pferden und Kühen in der Landschaft und die Euphorie ergriff uns. Aber in Elenite wurden wir schnell ernüchtert. Elenite gibt es eigentlich nicht, es ist ein künstliches Feriendorf, utopisch sauber und steril. Überall genau die Schickimicki Touries, die glücklicherweise am Sonnenstrand ausblieben, Namenskärtchen um den schlanken braungebrannten Hals, Handy lässig an die Badehose geklippt. Wir fühlten uns gar nicht wohl und beschlossen, nur auf ein Getränk zu bleiben um danach schleunigst in das zuvor angepeilte Dorf zurückzufahren. Wir setzten uns also in eines dieser gestylten Cafes, in dem schon ein paar Banker oder Boutiquenbesitzerinnen saßen und warteten..... auf die Bedienung, die sich allerdings nicht blicken ließ. Ich kam auf die glorreiche Idee mein Handy auf den Tisch zu legen - sozusagen um meine Coolheit und Zahlungsfähigkeit zu beweisen... aber wahrscheinlich waren wir nicht sonnenstudiogebräunt genug... es kam einfach keine Bedienung. Also kauften wir in einem der völlig überteuerten Kioske ein völlig überteuertes Getränk - lauwarm - und flüchteten mit dem Taxi, denn der nächste Bus sollte erst in einer Stunde wieder auftauchen.
Endlich waren wir in Vlas, das Dorf, das uns immer so verlockend "angelächelt" hat, vom Strand aus.......
Ein kleines Dorf, das leider die nächste Enttäuschung darstellte: klein und Dorf wären ok gewesen, aber leider befinden sich die Leute hier in einem wahren Baufieber und wir befanden uns auf staubigen Straßen inmitten von unzähligen Rohbauten, die alles andere als eine idyllische Urlaubsstimmung rüberbrachten. Vor lauter Frust kaufte ich hier erstmal ein paar Kassetten mit spanischer Musik (bulgarische gab's hier natürlich auch nicht) und wir genehmigten uns einen dieser herzruinierenden Kaffees. Sarah das alte Strullerlieschen mußte wieder einmal auf die Toilette und zwar kurz bevor unser stündlicher Bus kam... und fand nur ein Loch im Boden vor, das mit Sicherheit minimalistischte Klo in unserem Urlaub. Sie weigerte sich natürlich hier ihrem Bedürfnis nachzugehen, und da der Bus schon mal weg war, setzten wir uns also in noch ein Restaurant, in dem sich sogar eine richtige Toilette befand, das von uns erst einmal 7 Sterne verliehen bekam: weiches Toilettenpapier, sauber, richtiger Seifenspender, fließendes Wasser - und zwar aus der Wasserleitung und nicht aus den Rohren.
Ja, und nun sitze ich vermutlich ein letztes Mal am Balkon, genieße das Rauschen der Wellen, das Schreien der Möwen und die gute Luft. Mein Kuli ist leergeschrieben und auch im Tagebuch sind nur noch zwei Seiten frei.
Trotz all der kleinen Mängel, war es dennoch wunderschön, sehr erholsam und wir werden mit dem Gefühl nach Hause fliegen, neue Freunde gewonnen zu haben. Wieder ein neues Land besucht zu haben, ein bißchen die Lebensfreude der Bulgaren getankt zu haben und ein Stück dieses schönen wenn auch armen Landes haben wir in unseren Herzen gebunkert.
Dovischdane, lieber Slanchev Brijag!
Dovischdane, liebes Nessebar!
Dovischdane, liebe liebe Leute!