Beijing die Hauptstadt
Peking ist in eine Tiefebene eingebettet, die im Norden und Westen von Bergketten geschützt wird. Im Osten und Süden öffnet sie sich zum Meer. Die Hauptstadt von China liegt etwa auf der Höhe von Madrid. Die Metropole setzt sich aus zehn Stadtbezirken und neun rund um die Stadt gelegenen Kreisen zusammen.
Offiziell hat Peking rund zehn Millionen Einwohner, tatsächlich werden es aber eher zwölf Millionen sein, da der Zuzug ohne Genehmigung zwar verboten, aber kaum noch kontrollierbar ist. Hinzu kommen unzählige Wanderarbeiter. Die meisten Pekinger sind ethnische Han-Chinesen.
Der Dialekt der Hauptstadt wurde im Laufe der Dynastien zur Hochsprache verfestigt, wenngleich die alltägliche Aussprache der alten Pekinger wesentlich härter und kehliger ist als der Standard.
Sehenswürdigkeiten
Vom Tor des Himmlischen Friedens (Tian'anmen) ließ der Kaiser
früher seine Edikte vorlesen, 1949 verkündete Mao dort die
Volksrepublik. Normale Bürger durften zu Kaisers Zeiten noch nicht auf
den Platz. Den südlichen Teil des Platzes beherrscht seit 1977 das
Mao-Mausoleum. Dahinter liegt das Vordere Tor (Qianmen), einst
Teil der Mauer, die die kaiserliche Stadt von der "Chinesenstadt" trennte.
Südlich davon beginnt die Altstadt mit ihren interessanten Läden
und Gassen. Symbolik beherrschte den Grundriß der kaiserlichen Hauptstadt:
Eine lange Nord-Süd-Achse mit mächtigen Toren sowie dem Trommelturm
und dem Glockenturm als nördlichen Abschluß zog sich hindurch
und traf im Zentrum auf ein Rechteck, mit dem sie das Zeichen zhong bildete.
Es steht für "Mitte", denn hier, in der Mitte des Reichs der Mitte,
lag der Inbegriff seiner Macht, der
Kaiserpalast. Schon die mongolische
Yuan-Dynastie hatte hier residiert, doch der Yongle-Kaiser, der dritte der
Ming-Dynastie, ließ die Anlagen der verhaßten Fremdherrscher
schleifen und ab 1406 einen neuen Palast von gigantischen Ausmaßen
erbauen. Er entstand über Jahre und wurde beständig aus- und umgebaut.
Häufig fielen Gebäude, selbst die großen Hallen, Feuern zum
Opfer und wurden erst nach Jahren wieder errichtet. Auch die madschurischen
Qing-Kaiser herrschten von hier aus. Zwar behielten sie die Grundstruktur
des Palastes bei, bauten ihn aber immer wieder um, so daß die Bauwerke
heute keinem einheitlichen Stil folgen. Rund um den Palast entstand der
Kohlenhügel, durch den Aushub des Wassergrabens. Seinen Namen
erhielt er, weil hier die Kohlen für den Palast gelagert wurden. Am
östlichen Aufstieg erinnert eine Tafel an den Selbstmord des letzten
Ming-Kaisers, der damit 1644 den Weg für die anrückenden Mandschuren
und ihre Qing-Dynastie freimachte. Vom Pavillon auf der Spitze hat man einen
großartigen Ausblick auf die gelben Dächer und roten Wände
des Palastes, die Weiße Dagoba im Beihai-Park und das graue
Häusermeer weiter im Norden.
Weit im Süden der Stadt liegt der Himmelstempel (Tiantan), der
richtig übersetzt eigentlich "Himmelsaltar" heißen müßte.
Er entstand 1421 zusammen mit dem Kaiserpalast und wurde 1914 vom selbsternannten
Kaiser Yuan Shikai zum letzten Mal als Opferstätte für den Himmel
genutzt.
Etwa 20 km nordwestlich vom Pekinger Stadtzentrum liegt der 290 Quadratkilometer große Sommerpalast, eine weiträumige Gartenanlage mit Wohngebäuden, Tempeln und Pavillons an einem flachen, künstlichen See. Kleinere Freizeitanlagen für die lokalen Herrscher gab es hier schon im 12.Jhdt, doch erst Anfang des 16.Jhdt entstand der erste Tempel, und Mitte des 18.Jhdt baute Kaiser Qianlong den Park als Geschenk an seine Mutter aus. Im 19.Jhdt kennzeichneten Zerstörung durch europäische Truppen und Wiederaufbau vor allem durch Kaiserinwitwe Cixi das Schicksal der Sommerresidenz.
Etwa 50 km nördlich von Peking ruhen in einem Talkessel 13 der 16 Kaiser der Ming-Dynastie. Auch das Tal der 13 Ming-Gräber (Shisanling) gehört zu den streng geordneten Anlagen, die die Kaiser vor ihrem Ableben bauen ließen.
Hutong
Die Baustruktur Pekings ist von den typischen quadratischen Vier-Harmonie-Höfen (Sihe Yuan) verschiedener Größen geprägt. Die sie verbindenden oder besser: vernetzenden Straßen werden als Hutong bezeichnet. Sie bilden gewissermaßen die Durchgänge zwischen den Sihe Yuan. Hutong ist von der Wurzel her ein mongolischer Begriff, der "Brunnen" bedeutet. Früher war der Brunnen stets der wichtigste Punkt einer Siedlung, was besonders für die mongolischen Nomaden galt, die das Trinkwasser auch für ihre wertvollen Pferde benötigten. Ihr Hudun, das sich später zu Hutong entwickelte, bezeichnete deshalb meist auch die Stadt oder ein Lager.
Laut Statistik gibt es in Peking noch über 6000 Hutong. Manche von ihnen blicken auf eine bald 700jährige Geschichte zurück, wie z. B. der Zhuanta Hutong, dessen Name von der in der Yuan-Dynastie gebauten Ziegelsteinpagode herrührt. Die Breite eines Hutong wurde der Stadtplanung in der Yuan-Zeit auf 9,24 m festgelegt. Später wurden aber auch schmalere und breitere Hutong gebaut. Der Gaoxiao Hutong (Hutong des jungen, hohen Bambus) und der Xiaolaba Hutong (Hutong der kleinen Trompeten) sind die schmalsten Hutong, die man heute in der Hauptstadt finden kann: sie sind gerade einmal einen halben Meter breit. Mit zwei Kilometern Länge ist der Rongxian Hutong (Wollgarn-Hutong) der längste seiner Art, die Yichi Jie (Ein-Fluß-Straße) dagegen mit nur 20 m der kürzeste Hutong Pekings.
Die alten Hutong und Sihe Yuan sind zwar sehr idyllisch, für die Bedürfnisse einer schnell wachsenden, modernen Großstadt aber in den Augen der Stadtplaner eher ungeeignet. Lebte früher meist eine Familie in einem Sihe Yuan, müssen sich heutzutage oft mehrere Familien die Wohnhöfe teilen. In einem mittelgroßen Sihe Yuan wohnen manchmal bis zu zehn Familien, was im städtischen Durchschnitt eine Wohnfläche von nur 3 qm pro Kopf bedeutet. Mit der Harmonie ist es bei derart beengten Wohnverhältnissen natürlich nicht mehr weit her.
Im Zuge der Lockerung der Wirtschaftspolitik und der Liberalisierung vieler ideologischen Dogmen wurde auch die Erhöhung des Lebensstandards gefördert und toleriert. Dazu gehörte nicht zuletzt auch die Schaffung von Wohnraum. Viele Familien verkauften ihre Wohnhöfe an Investoren und zogen in die überall neu entstehenden Wohnblocks. Während die schönsten Sieh Yuan und Residenzen ehemaliger Hofbeamter in den vier Distrikten der Innenstadt unter Denkmalschutz stehen, sind die Tage anderer Sihe Yuan und damit der Hutong gezählt. Denn es wird nicht nur Wohnraum für die ständig wachsende Bevölkerung Pekings benötigt, sondern auch Platz für in- und ausländische Investoren und Wirtschaftsunternehmen.
Dumont Reiseführer Peking, 1996